104 - Herta Müller: Atemschaukel
Text: pavlova
Wenn ich nichts zum Kochen hatte, schlängelte mir der Rauch durch den Mund. Ich zog die Zunge einwärts und kaute leer. Ich aß Speichel mit Abendrauch und dachte an Bratwurst. Wenn ich nichts zu kochen hatte, ging ich in die Nähe der Töpfe und tat so, als würde ich mir vorm Schlafengehen am Brunnen die Zähne putzen. Doch bevor ich die Zahnbürste in den Mund steckte, aß ich zweimal. Mit dem Augenhunger aß ich das gelbe Feuer und mit dem Gaumenhunger den Rauch. Während ich aß, war um mich her alles still, und vom Fabrikgelände drüben fiel durch die Dämmerung das Rumpeln der Koksbatterien. Ich wurde langsamer, je schneller ich vom Brunnen weg wollte. Ich musste mich losreißen von den Feuerchen. Im Rumpeln der Koksbatterien hörte ich das Magenknurren, das ganze Abendpanorama hatte Hunger. Der Himmel senkte sich schwarz auf die Erde, und ich wankte in die Baracke ins gelbe Dienstlicht der Glühbirne.
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13.08.2012 - 22:44 Uhr
googleforever