04.06.2012 - 09:21 Uhr

19 4

Valva

Text: gaen

Wenn ich an Valva denke, fällt mir immer als erstes die Schaukel ein, von der mich ihr Bruder schubste, und der Geschmack des Grases, in dem ich mit dem Kopf voraus landete.
Stike und ich waren sowas wie Freunde, oder eher Nachbarn die zu gelangweilt waren nach den Leuten zu suchen, mit denen sie was zu tun haben wollten. Also blieben wir meistens unter uns. Immer irgendwo zwischen den  verwilderten Buchsbaumhecken, und unerklimmbaren Eschen die die Grundstücke unserer Eltern trennten. Tagsüber, wenn alle in der Arbeit waren, hatten wir all das für uns. Beobachtet fühlten wir uns nie. Doch allein waren wir auch so gut wie nie. Stikes kleine Schwester, Valva, trippelte immer um uns herum, und wollte dabei sein. Wenn wir uns gegenseitig von der Schaukel schubsten, verlangte sie, dass wir sie auch in die Wiese fliegen ließen. Wenn wir mit unseren Fahrrädern an die Wand fuhren, kullerte sie mit ihren Rollschuhen hinterher, und drehte enttäuscht ab, als sie sah dass wir gleich wieder aufstanden und weiterzogen. Stikes Hund, Anko, war träge und gutmütig, doch wir wälzten uns trotzdem mit ihm über den Boden bis er sich zischend straffte, und anfing zu knurren, und wir vor ihm flüchteten. Stike hielt es immer ein paar Sekunden länger aus als ich. Aber er hatte ja auch mehr Zeit zum üben. War ja schließlich sein Hund, tröstete ich mich. Valva sah uns immer dabei zu, und jedesmal feuerte sie Anko an. Solange bis er uns bellend nachsprang, dann lief sie ihm kreischend hinterher, und beruhigte ihn wieder, und machte ihn sanft für die nächste Runde. 


Wenn wir zusammen waren, beachtete Stike Valva kaum. Er war nicht unhöflich zu ihr, aber er sprach sie auch selten direkt an, wenn ich dabei war. Mir ging es ähnlich. Ich war nett zu Valva, doch allein mit ihr hatte ich so gut wie nie etwas zu tun. Erst als ich einmal bei ihnen übernachtete, klopfte es nachts am Zimmer. Stike schnarchte. Ich konnte eh nicht schlafen, vor allem weil ich es woanders immer viel zu spannend fand, um ein Auge zu zu machen, und jetzt sah ich dass auch die kleine Valva wach war.
"Tobi" flüsterte sie, zögernd am Türrahmen kauernd.
"hmm?"
"Ich kann nicht schlafen."
"...mh..wieso?" Ich richtete mich langsam auf, und musterte sie, wie sie so zögernd und halb beleuchtet vom fahlen Licht vor mir stand.
"Ich hab ein Geräusch gehört."
"Sicher das Schnarchen deines Bruders." zuckte ich die Schultern, und hörte das gleichmäßige Rasseln, bis Valva kopfschüttelnd sagte:
"Nein, es war unten."
"Wahrscheinlich deine Eltern."
"Nein, Nein. Ich kenne ihre Geräusche." flüsterte sie.
"Na dann...." Ich erhob mich, schlüpfte in die Pantoffeln und stellte mich neben sie. "lass uns nachsehen."
Ich hatte nichts gehört, und ich sah auch nichts. Wir schlichen beide durch das zweistöckige Haus, lauschten an jeder Tür, und hörten nichtmal das Schnarchen von Stikes Vater. Alles war ruhig. Wir drehten die Runde, dann legten wir uns wieder ins Bett, und danach konnte auch ich ruhig schlafen. Vorher hatte ich gar nicht gemerkt wie behütet ich mich in diesem Haus fühlen konnte.


Alles war sehr harmonisch in der Siedlung. Die Einfamilienhäuser waren selbst gebaut, die Gärten liebevoll bepflanzt, und die Straßen kaum befahren. Doch kratzte es hinter mancher Fassade. Um genau zu sein: Hinter unserer Fassade. Ich hatte inzwischen so oft geschwänzt dass ich kurz vor dem Rauswurf stand, und wenn ich in der Schule blieb, sah es so mau aus, dass ich sowieso sitzen bleiben würde. Also steckten mich meine Eltern in ein Internat. Ich kam nur noch alle paar Monate in den Ferien heim. Immer besuchte ich als erstes Stike, der wie ich, noch immer Einzelgänger war, und meistens zuhause rumhing. Inzwischen hämmerte er sich eine kleine Ramp für sein Skateboard zusammen. Valva sah ich hin und wieder. Sie war jetzt bald ein Teenager, und oft mit irgendjemandem unterwegs. Vielleicht ihrem Freund, vielleicht allein, ich fragte nicht.


Es dauerte eine Weile bis die Leute im Internat merkten dass sie mir auch nicht weiterhelfen konnten. Immerhin hatte ich im dritten Anlauf dann doch die Versetzung in die nächste Klasse geschafft. Das war für meine Eltern Grund genug mich wieder zurück auf die staatliche Schule zu schicken. Nach drei Jahren Internat, zog ich wieder zuhause ein. Als Überraschung, oder zur Bestechung, ich weiß es nicht, kündigten mir meine Eltern einen Urlaub an. Der sollte mich nicht wie sonst mit ihnen allein zwischen Bierbäuchen und Orangenhaut nach Jesolo, sondern in ein abgeschiedenes Ferienhaus im Süden von Dänemark führen, und das zusammen mit ihnen und unseren Nachbarn. Ich freute mich drauf, obwohl ich merkte, dass ich mich ein bisschen von Stike entfernt hatte, und nicht so richtig wusste, ob sich das in den zwei Wochen ändern würde.


Während der Fahrt saß ich allein auf dem Rücksitz bei meinen Eltern, und lauschte an den viel zu laut aufgedrehten Country-Tapes meines Vaters. Zum lesen war mir da hinten zu schlecht, und um einfach die Augen zu schließen, fühlte ich mich viel zu isoliert. Stike und Valva fuhren bei ihren Eltern mit. Ich hatte Valva beim einsteigen gesehen, und war erstaunt, wie sie sich verändert hatte. Sie war jetzt fast so groß wie ich. Irgendwie wirkte es, als ob all das glatte, weiche, ihrer kindlichen Mimik ins schwarz ihrer langen Haare gewichen war. Ihr Gesicht war noch immer zart, doch ich sah, dass auch sie etwas von dem Zweifel mit sich herumschleppte, der sich so eigenartig an den Mundwinkeln kräuselte, und die Körperhaltung irgendwo zwischen Resignation und Angriffslust spannen ließ. Valva fiel mir nicht als schön auf, als ich sah, wie sie die Reisetasche schulternd aus dem Garten kam. Sie war nur plötzlich da, und das überraschte mich, weil sie das ja eigentlich immer gewesen war, ohne dass ich es jemals gemerkt hätte.


Stike und ich verstanden uns schnell wieder. Obwohl wir eigentlich nicht mehr wirklich zusammen passten. Er werkelte jetzt meistens an irgendwelchen Motoren rum, und saß jeden Tag ein paar Stunden vor seinem Roller, nur um ihm noch ein paar kmh mehr herauszuschrauben. Den Roller hatte er hier nicht dabei, was vielleicht dazu führte dass er sich wieder mehr mit mir beschäftigte, was wiederum dazu führte, dass er bemerkte dass ich mich im Moment mit rein gar nichts beschäftigte, außer mit denken, aber das zu sagen war ich zu träge, denn etwas sagen, hieße ja reden, und wenn es zu vermeiden war, dann tat ich das lieber nicht.


Zum Baden war es meistens zu kalt. Also schliefen wir den ganzen Vormittag, bis wir das Bruzzeln aus der Küche hörten, und die Luft nach Fett und Zwiebeln zu riechen begann. Dann nahmen wir es in Kauf bei unseren Eltern am Tisch sitzen zu müssen, schoben uns hastig ein paar Stücke Fleisch in den Mund und zogen dann bis zum Abend ins Dorf davon.  Einig waren Stike und ich uns darin, dass uns ein Mädchen fehlte. Hier war die Auswahl nicht sehr groß, immerhin gab es in dem kleinen Laden in der Ortsmitte eine hübsche Verkäuferin auf die Stike es abgesehen hatte.
"Warte hier, und lerne." wies er mich grinsend an, machte sich breitbeinig auf in den Laden, und ich sah durchs Schaufenster wie er an den Schokoriegeln rumwühlte, und sich schließlich vor der Kassiererin aufbaute. Er deutete auf die Hintertasche seiner Hose, zuckte die Schultern, und machte eine entschuldigende Geste. Nach ein paar Momenten war klar worauf er hinaus wollte. Er täuschte vor seinen Geldbeutel vergessen zu haben. Jetzt hatte ihr unsere Adresse und die Telefonnummer aufgeschrieben, als Pfand, und wollte ihre, als Trophäe. Es sah nicht so aus, als würde sie sich auf diesen Tausch einlassen, doch Stike blieb zäh, und hielt das Gespräch am laufen. Ich lehnte versteckt an der Mauer, und ließ meinen Blick streifen. Da sah ich Valva aus einem Auto mit einheimischem Kennzeichen aussteigen.


Sie schlenderte ein paar Meter, dann erkannte sie mich, und kam auf mich zu. Ich ging ihr entgegen.
"Ich glaub dir fällt es leichter Leute kennen zu lernen als uns." sagte ich als wir uns gegenüberstanden, und verschwieg dabei, dass sich ihr Bruder grade ein paar Meter vor uns vergeblich abmühte.
"Quatsch, ich werd nur eher beim Trampen mitgenommen." lächelte sie.
"Wo willst du hin?"
Sie zuckte die Schultern.
"Was gibt's denn hier?"
"Der Strand ist nicht weit, glaub ich."
"Ok, lass uns hinschauen....Ach ja...wo ist Stike?"
Ich deutete mit dem Kopf in Richtung des Ladens. Valva sah ihn, und verstand.
"Das kann dauern." sagte sie wissend. "Wollen wir schonmal los? Können ihm ja dann ne SMS schreiben."
"Klar." nickte ich, und dann waren wir schon auf dem Weg.


Stike kam eine Stunde später nach, allein und angepisst. Valva und ich waren die ganze Zeit auf einer Sandbank gesessen, und hatten fast nicht geredet, weil der Wind so laut war, und weil es sich auch so ganz gut anfühlte, ohne etwas zu sagen, einfach nur zu schauen, und zu wissen dass jemand anders grad das gleiche sieht, und es doch eine ganz andere Welt ist, auf die er da schaut. Valva machte es mir leicht, neben ihr zu denken. Das fiel mir erst auf als Stike polternd auf uns zukam. Die ganze Zeit hatte ich gedacht, ohne es zu merken, und trotzdem konnte ich mich an alle Gedanken erinnern, was viel zu selten vorkam.
"Die alte hat nen Freund..." fluchte der Neuankömmling über uns in den Wind, und ließ sich neben uns fallen.
"...und jetzt spannst du mir auch noch meinen Freund aus!" dröhnte er halb ironisch zu Valva. Sie lächelte ihn an.
"Keine Angst, wenn ich genauso'n Naturtalent im Flirten bin wie mein Bruder, spann ich hier niemanden aus."
Stike nickte getroffen. Es war wirklich laut hier. Wir verkniffen uns weitere Worte, während die Wellen immer näher an uns heranklatschten, und der Wind an unser Trommelfell sprudelte. Stike ist zwar dein großer Bruder, dachte ich, aber er kann trotzdem noch ziemlich viel von dir lernen.


Bis wir die Grönländerinnen kennenlernten, machten wir nicht viel, aber plötzlich waren sie da. Aufgedreht und halb torkelnd mitten am Nachmittag auf dem Platz an dem Stike und ich immer saßen, mit unseren Rädern und trüben Blicken, die sich doch nur immer im Kreis drehten.
Vielleicht wies uns das als Gesinnungsgenossen aus, denn die beiden stolzierten neugierig und überdreht auf uns zu.
"You're looking sad." flötete das Inuit-Mädchen das ungefähr in meinem Alter war, und mich jetzt wankend ins Visier nahm.
"We are Strangers here." warf Stike wie zur Entschuldigung ein.
Das andere, europäisch aussehende Mädchen schenkte ihm einen tröstenden Blick.
"We live here."
"For how long?"
"Just for today." grinste die dunkelhaarige.
"...live always just for today." ergänzte die andere, und ließ ihren weichen Blick zwischen Stike und mir pendeln.


Unseren Eltern sagten wir, wir gehen ins Kino. Die Grönländerinnen hatten uns auf 22.00 Uhr zu sich eingeladen. Sie hatten ein Reihenhaus für sich. Während ihre Eltern geschäftlich in Kopenhagen waren, wurden sie hier draußen einquartiert um nicht im Weg um zu gehen, und keine Dummheiten zu machen. Dummheiten waren wir zwar nicht, aber allzu geplant schritten wir auch nicht durch diese Tage. Als wir das Haus verließen, waren wir überraschenderweise zu dritt. Valva hing meistens allein rum, und als sie hörte dass wir ins Kino wollen, war sie gleich begeistert. Wir hätten sagen können wo wir hingehen, doch wir sagten nichts, als wir am Tisch saßen, und klar nahmen wir Valva mit.  Als wir jetzt durch die noch helle Nacht in die Stadt gingen, war ich froh dass sie dabei war. Mit Stike verstand ich mich ohne etwas sagen zu müssen, leider merkte ich meist dann wenn wir was sagten, dass wir uns doch nicht so nah waren. Valva schien all das zu merken, und nicht nur das. Sie fragte wo die Mädchen wohnen, die wir besuchen.
"Woher weißt du das verdammt?" fragte Stike.
"Diese Kinonummer ziehst du doch dauernd ab. Meistens landest du zwar wirklich im Kino, weil du ne Abfuhr bekommst, aber heute bist du zu nervös dafür."
"Ich bin nicht zu nervös, um dich hier stehen zu lassen, wenn du so weiter machst." giftete Stike, und kickte einen Kieselstein über die Straße.
"Dann geh ich petzen." grinste Valva.
"Mir doch Scheißegal was meine Eltern denken." protzte Stike.
"Nicht bei unseren Eltern. Bei deinen Klassenkameraden."
Das saß. Stike wurde rot, und ich sah wie er mit sich kämpfte.
"Was haltet ihr von ein paar Bieren aus dem Kino? Was anderes hat hier eh nicht mehr auf." versuchte ich zu schlichten.
"Gute Idee." sagte Stike, und wir kramten unsere Taschen nach Geld ab. Ich war ganz ruhig gewesen, aber als ich merkte dass Valva mich manchmal beim gehen leicht mit der Schulter stupste, und ich nicht wusste ob es Absicht war oder Versehen, und ich nicht fragen konnte weil ihr Bruder dabei war, und weil sie die kleine Schwester war, die ich schon immer irgendwie kannte, wurde mir klar, dass egal wie viele Biere ich trinken würde, diese Nervosität erst mal nicht weggehen wird.


"Oh, you have a cute girlfriend." grinste Alea, das Inuit-Mädchen während sie Stike zur Begrüßung auf die Wange küsste.
"She's my little sister!" raunte er empört, und schlüpfte weiter, um Gret, unsere zweite Gastgeberin zu begrüßen.
Die Reihenhaushälfte in die wir traten, bestand aus einem großen Schlafzimmer mit Doppelbett,  Ledercouch, einer klapprigen Küchenzeile und einem Schrank voll leerer Weinflaschen. Das Badezimmer lag ein paar Treppen weiter im Obergeschoß. Mehr Raum gab es hier nicht.
Stike und Valva setzten sich auf die Couch, ich auf den Teppich drunter. Die beiden Grönländerinnen fläzten sich auf dem Bett. Den spanischen Wein am Flaschenhals schwenkend, die Kippe in der anderen Hand immer kurz vorm verglühen haltend.
"So...you...are you strangers, too?" fragte Alea, als der Wein die Runde machte, und zeigte auf mich und Valva.
"I don't know." antwortete sie, bevor ich etwas sagen konnte, und mitten in diesem Weindunst, und Urlaubs- und Engegefühl, wusste ich, dass mich diese Antwort eigentlich erschreckte, weil sie viel zu wenig von dem enthielt, was ich in mir spürte.


Wir saßen rum, und tranken. Gret und Stike knutschten irgendwann, und Alea übersetzte mir einen Grönländischen Songtext. Als ich irgendwann aufblickte, und mich im Zimmer umsah, war Valva weg. Alea hatte genug Songtexte gelesen, um sofort zu wissen was los war.
"You didn't even notice her, you Idiot!"
Ich überlegte einen Moment.
"Ok, maybe i am an Idiot, but i always notice her."
"Then you saw her walk out in the Garden?"
"Äh...surely it was when i was out of the Room."
"It was when you were blind in front of her!" fasste sie sich an die Stirn.
Ich nickte, wälzte mich aus dem Bett, und wankte zur Terrassentür. Sie war angelehnt. Als ich in den kleinen Vorgarten trat, sah ich Valva auf dem Steinboden sitzen. Ich tastete mich langsam voran, und ging neben ihr in den Schneidersitz. Die Terrasse war noch aufgeheizt vom Tageslicht. Die Wiese und die Sträucher bewegten sich nicht. Es war still.
"Weißt du noch, als du mit mir nach den Geräuschen im Garten gesucht hast?" fragte Valva leise.
"Klar."
"Ich hab sie jede Nacht gehört."
"Was war es?"
"Ich weiß es nicht. Es war weg nachdem wir geschaut haben…."
Schweigen.
"…Ich wollte immer wissen was da unten ist, nachts, und hab mir seltsame Dinge ausgemalt.... aber ich hab mich nie getraut nachzusehen...."
"...und durch mich hast du erkannt, dass es eigentlich viel langweiliger war, als du es dir vorgestellt hast..." lächelte ich.
"Nein, ich habe gesehen wie schnell man sich etwas trauen kann, was vorher die ganze Zeit unmöglich war."
"...eigentlich bin ich nicht gut im was trauen."
"Du bist mir immerhin einmal voraus."
"Versuchst du mich einzuholen?"
"Wenn ich mich traue." Sie rutschte näher an mich heran. Ihre Knie sanken an meine Hände, die ich langsam und entspannt auf ihre Schenkel wandern ließ. Sie tauchte mit dem Kopf an meine Schultern, und küsste sich vor zu meinem Hals. Ich fühlte ihre weichen, langen Haare an meine Brust streichen. Meine Hände stiegen jetzt an ihren Rücken, der drucklos und fast ohne Bewegung nach vorne glitt, bis ich ihre Brüste spürte, und ihr Mund über meine Wangen wanderte. Im Moment an dem Valvas Lippen meine berührten, merkte ich wie es sich anfühlen musste, wenn kein Geräusch mehr existiert. Es gab nichts mehr zu hören, außer unser klangloses Einverständnis. Bis ein leiser Knall immer lauter anschwoll, und sich eine groteske Stimme hineinmischte, die bekannt genug war, alles im vertrauten auf den Kopf zu stellen.
"Ich bleib keine Sekunde länger, Eh!"
Valva hielt mich umschlossen. Ich küsste ihre Stirn, dann sah ich zu Stike. Sein Kopf war rot. Sein T-Shirt von Lippenstiftspuren, Weinflecken und Brandlöchern übersät. Kopfschüttelnd ging er in die Hocke, und flüsterte mir zu, vielleicht weil er zu betrunken war um zu reden, vielleicht auch weil er so den Abstand zwischen mir und seiner Schwester wiederherstellen wollte.
"Wollten die mich ziehen, oder was...War nur kurz pissen, und dann die Tour, Alter." brummelte er. Ich sah ins Wohnzimmer, und erkannte was er meinte. Alea und Gret lagen jetzt halbnackt aufeinander, und es wirkte nicht so als würden sie dabei irgendeinen männlichen Bestandteil vermissen.
Stike tat mir Leid. Ich wollte ihn aufmuntern, und erhob mich ein wenig. Valva ließ mich los. Wir standen auf.
"Was für ein Scheiß Abend...Lasst uns gehen." murmelte Stike.
"Was meinst du?" fragte ich Valva.
Sie zuckte die Schultern. Eine Stunde später lagen wir alle in unseren Betten. Stike im Bett neben mir, bedeckt vom Lippenstiftshirt in hölzernem Schlummer. Valva ein paar Zimmer getrennt von mir, nur verbunden durch die Geräusche, die wir wieder nicht hörten, aber diesmal jeder für sich allein.


Eigentlich glaube ich nicht an diese allesentscheidenden Situationen, doch für diese Tage gingen Valva und ich wirklich getrennte Wege. Natürlich lag es nicht an Stike, dass wir die Nacht nicht zusammen verbracht haben. Vielleicht wussten wir dass da noch ein Leben war, das voller wurde, je mehr wir uns voneinander übrig ließen.


Valva ging jetzt im Nachbarort in die Schule. Ich hängte in der Kreisstadt noch ein Jahr bis zu meinem Abschluss dran, dann zog ich in die Landeshauptstadt, um dort zu studieren. Ab und zu besuchte ich meine Eltern. Dann sah ich auch immer zu Stike. Er wohnte noch immer zuhause. Eigentlich verdiente er genug als Elektriker, aber er hatte im Obergeschoß seine Wohnung für sich, und das reichte ihm. Wenn ich da war, saßen wir auf seinem Balkon, warfen Anko, der inzwischen träge und mild geworden war, Bälle zu, und tranken Bier aus seinem Kühlschrank, der gemütlich vom Fenster zu erreichen war.
"Wie geht's deiner Schwester eigentlich?" fragte ich.
"Müsstest du doch besser wissen." deutete er an.
"Wieso?"
"Naja, sie wohnt ja jetzt in der gleichen Stadt wie du."
"Da wohnen über ne Million Leute." relativierte ich überrascht.
"Dafür siehst du in den Straßen immer gleich ein paar mehr auf einmal. Das heißt, wenn du die Augen offenhältst, siehst du sie genauso häufig wie hier."
Ich nickte. Nicht weil ich glaubte was Stike gesagt hatte, sondern weil mir seit einer Weile klar gewesen war, dass Valva hier sein musste.


Ganz so schnell ging es nicht. Einige Monate waren es vielleicht. Es war nicht mein erstes Date mit Anabell. Kino war im Moment genau das richtige für uns, Nebeneinander schweigen störte uns nicht mehr, und die Geschichten die wir uns im Cafe und beim Essen die letzten Male erzählt hatten, waren inzwischen schon wieder fast erschöpft. Andere Geschichten mussten also her. Deshalb landeten wir im Kino. Beim verlassen des Saals  nach dem Film sah ich sie. Sie war mit einem Typen da. Dass sie beide in einem ähnlichen Stadium waren, wie ich mit Anabell, war nicht zu übersehen. Ich überschlug mich innerlich fast, und blieb doch ruhig, und gemächlich, bis wir aus der Schlange draußen waren, und ein paar Meter hinter den beiden gingen.
"Valva." sagte ich, kurz vorm Ausgang.
Sie drehten sich um, und plötzlich war sie wieder da, die dunkle, knochige Figur, mit den weichen, langen Haaren. Die grüblerisch lauernden Mundwinkel, und ihre graubraunen Augen so überrascht wie abgeklärt.
"Hey." lächelte sie.
"Willst du uns nicht vorstellen?" fragte Annabell, und der Typ neben Valva schien das selbe zu denken.
"Äh...klar...Das ist Valva....Meine Freundin."
Ich weiß nicht ob ich am tiefsten stürzte, ob dieser Satz mich am härtesten zu Boden riss. Die Blicke der anderen räderten mich auf jeden Fall, und wenn meine Augen nicht verdreht gewesen wären, weil ich mich nur vor mir selbst verstecken wollte, hätte ich mich sicher auch in Grund und Boden gestarrt. Aber das seltsame war, dass das alles nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte, bis auf einmal das Licht wieder anging, und meine Augen jeder Richtung folgen wollten, weil plötzlich alles wieder Ziele waren.
"Schön dich zu sehen." grinste Valva, drückte mir einen Kuss auf den Mund, und nahm mich in den Arm. Umklammert verließen wir das Kino.


"Hast du mich vermisst?"
"Nein."
"Wieso?"
"Weil du immer da warst."
"Du hast mir gefehlt."
"Du hast mich ganz gemacht."
"Scheint wir sehen nie wirklich dasselbe."
"Müssen wir das?"
"Mal schauen...." Sie lächelte, spannte sich die Decke um die Schultern, und rutschte an mich ran.
"...aber jetzt mach erstmal die Augen zu."


Es waren schöne Monate. Wir lebten zusammen mit dem Vertrauen zweier Menschen die sich kennen seit sie denken können, aber auch mit der Neugier und Überraschung an wieviele gemeinsame Dinge sie nie gedacht hatten. Valva eroberte nicht nur meine Gegenwart, ihr gehörte jetzt auch alles an unserer Vergangenheit, die sie erst scheinbar nur gestreift hatte, aber jetzt, ganz selbstverständlich mit einer ständigen Bedeutung durchmaß.
"Glaubst du, wir können uns irgendwann nicht mehr sehen vor lauter Vertrautheit?" fragte sie irgendwann, als wir betrunken und leer vom Feiern bei ihr auf der morgengesprenkelten Couch lagen.
"Nicht wenn wir dem Vertrauen was wir sehen."
"Wir sehen doch eh nie das gleiche." smilte sie.
"...aber das aus dem selben Blickwinkel." lallte und flüsterte, und hoffte ich.
Schweigen.
"Kannst du dich eigentlich noch an den Typen erinnern, den du zusammen mit mir im Kino gesehen hast?"
"Dass da'n Typ war, weiß ich. Wer das war: kein Plan." grummelte ich.
"Ein Dozent."
"Du gehst mit nem Dozenten ins Kino?"
"Klar, warum nicht?...."
Schweigen.
"....er hat mich gefragt ob ich Lust auf ein Auslandssemester habe. Ich kann bei einem Kollegen von ihm in Krakau arbeiten."
"Kollegen, hm?" Ich war betrunken, und jetzt schon verkatert. Der Tag drückte sich ins Zimmer, und alles an Worten was hier im Raum hing, war lähmende, schlaflose Nacht. Ich schloss die Augen, und streckte mich aus.
"Bitte lass uns morgen drüber reden." bat ich.
Valva stand auf. Als sie aus dem Zimmer war, war schon längst morgen, und das Gespräch lag mitten im Schlaf aus dem keiner von uns so schnell aufwachte.


In der Stadt hielt mich bald nichts mehr. Mein Fach war ermüdend, die Leute viel zu aufgesetzt, Valva war weg, und schrieb zu allem Unglück jetzt jede Woche. Vielleicht waren es ja diese Briefe, die mich gehen ließen. Weg von dieser Stadt die viel zu nah an zuhause war, und jetzt auch noch diesen ewigen Brandfleck in sich trug, der mein ganzes Leben umfasste, obwohl ich doch nur ein Jahr hier gewesen war.
Die Hauptstadt war gut zu mir, in dieser Zeit. Es kümmerte niemanden wenn ich tagsüber irgendwo rumsaß und trank, keine Kontakte drängten sich auf, und zuhause hatte ich trotzdem noch genügend Zeit um mich langsam durchs Studium zu schleppen.

Hin und wieder telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie erzählten mir immer alles mögliche von Leuten mit denen ich vor Jahren etwas gemacht hatte, und an deren Namen ich mich nicht mal mehr erinnern konnte. Meine Eltern kannten die Namen, und die Geschichten, und wo es für diese Leute hingehen würde, wussten sie natürlich auch immer sofort. Nach Valva und Stike fragte ich nie, und da ich auch von meinen Eltern nichts hörte, war wohl alles soweit in Ordnung, also zerrissen, nach wie vor.


Irgendwann in den Semesterferien fuhr ich doch mal nach Hause, um ein paar Tage auf andere, bzw. überhaupt mal auf Gedanken zu kommen.
Als ich an dem kleinen Provinzbahnhof aus dem Zug stieg, und mich schon auf die Luft freute, die hier jedesmal so unberührt und hemmungslos beruhigend auf mich einprasselte, sah ich Valva am Bahnsteig stehen. Sie war noch schlanker geworden, fast knochig, und um ihre Augen lag ein kleiner dunkler Schimmer, keine Müdigkeit, vielleicht ein Anflug des Zweifels der auch an ihren Mundwinkeln schon immer gewesen war. Trotzdem war sie noch immer schön. Viel zu schön, um meine Überraschung unter Kontrolle zu behalten. Ich fühlte mich ertappt, und sah sicher idiotisch aus, als ich auf sie zuging, und wir uns umarmten.
"Ich soll dich abholen." lächelte sie, während wir aus der kleinen Bahnhofshalle gingen.
"Das machst du oft."
"Ich fühl mich eher so als hätte ich dich stehen lassen."
"Wir bewegen uns doch." mutmaßte ich.
"Sogar im selben Tempo."
Ich brauchte ein paar Schritte bis ich kapierte dass sie wirklich da war.
"...Schön dich zu sehen." sagte ich.
Sie lächelte. Es war alles wieder wie nie zuvor. Die 20 Minuten Fußweg nach Hause reichten, um all das Leben vor dem ich geflohen war, sofort verpuffen zu lassen.


Zuhause zeigte ich mich kurz bei meinen Eltern, dann ging ich zu Stike, der noch immer in der Einliegerwohnung bei seinen Eltern wohnte, und inzwischen verlobt war.
"Wisst ihr...ich verpass ja doch nix...obwohl ich immer hier bin." dozierte er, nachdem wir eine Dose Bier auf dem Balkon geknackt hatten.
"Das hoff ich doch." grinste Jasmin, seine Verlobte.
Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange, dann nahm er einen tiefen Schluck aus der Dose und sah mich an.
"...zum Beispiel wusste ich längst dass meine Schwester und du euch treffen werdet, als du noch ahnungslos im Zug warst." sagte er siegessicher.
"Toll...kannst du in die Zukunft sehen?"
"Ja, und ich sag dir. Ich seh eine Abfahrt....und zwar morgen."
Es überraschte mich nicht. Irgendwie war es klar. Ich versuchte mir keinen Kopf zu machen, saß mit Stike und Jasmin auf ihrem kleinen Balkon, und fand es entspannt, fast fühlte es sich so an, als würde nichts fehlen, doch je öfter ich die Autos auf den Nachbargrundstücken parken hörte, je mehr Geräusche und Stimmen ich hier aus der Gegend aufsog, und mir dabei immer klarer wurde, dass Valva nicht mehr kommen würde, heute Abend, wusste ich, dass mein Gefühl für zuhause, längst nicht mehr hier her gehörte.


Ich schlief nicht. Ich kritzelte irgendwelche halbfertigen Sachen in mein Notizbuch, und hoffte dass ich irgendwas davon mal für irgendeine Arbeit verwenden konnte. Da hörte ich es Rascheln an dem hölzernen Gestell, das die Schlingpflanze an den Balkon stützt. Ich öffnete die Tür, ging auf den Balkon, und sah hinunter. Valva hing einen Meter über dem Boden und bewegte sich nicht. Sie sah mich ratlos an.
"Ich komm runter." lächelte ich.


Wieder saßen wir auf einer Wiese. Wieder war alles still, und obwohl diesmal niemand da war der stören konnte, schafften wir es von ganz alleine uns dazwischenzufunken. Dazu mussten wir nichtmal etwas sagen.
"Wir können nicht zusammen sein." formulierte ich irgendwann automatisch in unser Schweigen.
Valva nickte.
"Alles andere können wir aber auch nicht." sagte sie.
"Alles andere ist hier eh weit weg."
"Dann bleibt ja nur noch das was wir nicht können."
"...vielleicht sollten wir üben."
Sie lächelte, und rutschte mir sanft entgegen. Ich küsste sie auf die Stirn, fuhr leise durch ihre weichen Haare, und strich langsam ihre Wirbelsäule hinab. Valva atmete mir ins Ohr, und griff mir an den Schwanz. Ich wollte aufspringen, und schreien, vor Glück, und vor Verwirrung, aber was bringt es zu schreien, oder zu schweigen, alles was ich von mir geben konnte, war nur noch eine Bewegung, ich konnte mich fallen lassen, und wenn ich landete, konnte ich immer noch schreien, aber als ich jetzt auf Valva lag, und ihr zarter Geruch mir wieder alles vertraute entgegenschleuderte, und mich einsog, da wusste ich: ich musste gar nichts machen. Es geschah immer alles wie von selbst.


Es wurde hell als wir von der Wiese aufstanden, und langsam zurück zu den Häusern wankten.
"Wann fährst du eigentlich?" fragte Valva.
Ich überlegte, oder eher, ich wusste es auf einmal.
"Jetzt."
"Jetzt?"
Ich nickte.
"Fahren schon Züge?" fragte sie.
"Der erste fährt in ner Stunde."
"Ok, dann fahr ich auch." lächelte sie.


Als ich sie eine Viertelstunde später am Gartentor wiedertraf, sah ich, dass ihre Augenringe verschwunden waren. Wie als ob diese Nacht nie stattgefunden hätte. Wie etwas dass aus der Zeit gebrochen ist, und doch aus Zeit besteht, nur die Gültigkeit ist eine andere, weil beide Zeiten sich nicht übersetzen lassen. Zeit verlieren war meine Sprache. Valva sprach nicht nur diese eine. Das wusste ich, und als sie neben mir aus unserer gemeinsamen Einfahrt schlenderte, drehte ich mich nochmal um, und sah Anko, wie er neugierig und stolz, seinen Morgen mit uns teilte, und keine Sprache brauchte, um zu wissen, dass alles für ihn zum besten steht.
Bis zum Bahnhof sprachen wir wenig. Wir sahen, was wir kannten, und doch war wieder alles neu. Auch als wir uns umarmten, als die Züge kamen, und Valva nach Westen, ich nach Osten fuhr, war es die gleiche Stadt, aus der wir uns bewegten, und die wir wiedersehen würden. Von wo aus auch immer.



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4 Kommentare
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02.06.2012 - 22:01 Uhr
131111

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klinsmaus
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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2012 - 22:17 Uhr
klinsmaus

Gefällt mir gut.

golden_platitudes
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Mag ich Mag ich nicht

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16.06.2012 - 00:16 Uhr
golden_platitudes

das ist schön.

Chiasmus
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Mag ich Mag ich nicht

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10.12.2012 - 18:17 Uhr
Chiasmus

Wie oft schon ging ich meine Aboliste hier durch und blieb an dieser Geschichte hängen, doch las sie nicht. Nun kommt es mir so vor, als hätte ich so lange gewartet, um genau den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.

D., deine Figurenzeichnungen haben mich durchdrungen, erreicht und getroffen, sind hängen geblieben und werden mich begleiten. Touché. Ich staune über die Zartheit und Eindringlichkeit deiner Worte und dein Talent einem auf leichtfüßige und zugleich grüblerische Weise in deine Geschichte hineinzulocken und darin einzuspinnen. Es war mir eine wahre Freude mich nach so vielen Monaten endlich wieder in deinem Schreiben zu verlieren, ohne dass ich etwas von mir dabei verloren habe, sondern ganz im Gegenteil von dir beschenkt wurde. Danke!

Und was mir speziell an "Valva" gefallen hat, ist das Gefühl sich auf der einen Seite mitten im Leben wiederzufinden und auf der anderen Seite den außergewöhnlichen Charakteren deiner Geschichte näher zu kommen. Du hast auf wenig Platz ganze Jahre durchschritten und dies ist dir gelungen, ohne auch nur einmal zu stolpern oder mich beim Lesen stocken zu lassen. Am Ende dachte ich nur: Bitte mehr. Und was kann man sich anderes wünschen?

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