31.05.2012 - 18:30 Uhr

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Welt, sei mein Zeuge!

Text: nadja-schlueter

Ob auf der Bühne, im Fernsehen oder mit YouTube-Video: Öffentliche Heiratsanträge sind beliebt und rühren die Zuschauer oft zu Tränen. Dabei sind sie eigentlich doch bloß Selbstdarstellung - und außerdem ziemlich unfair.

In einem kleinen Videofenster oben rechts kann man Amy sehen. Sie sitzt mit einem Kopfhörer auf den Ohren im Kofferraum eines Wagens und lacht sehr viel, sie schlägt sich die Hände vors Gesicht und auf die Schenkel. Im großen Videofenster kann man sehen, warum: Vor ihr auf der Straße tanzt und playbackt ein Haufen Menschen zu Bruno Mars' Song „Marry You". Am Ende bilden sie eine Gasse und Amys Freund Isaac erscheint, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Natürlich sagt Amy ja.

„Isaac's Live Lip-Dub Proposal" ist das neuste Heiratsantragsvideo, das man bei YouTube ansehen kann. Vergangenen Freitag ging es online, seitdem wurde es fast acht Millionen mal geklickt. Ähnlich beliebt ist der Überraschungsantrag mit Tanzeinlage, im Rahmen der amerikanischen Reality-Show „Mobbed". Während „Occupy Wall Street" machte ein Besetzer seiner Freundin einen Antrag und lies seine Worte („Will you occupy my life?") und ihre Antwort („Yes!") über das berühmt-berüchtigte „Human Mic" verbreiten. Ein bekanntes deutsches Beispiel ist Monica Lierhaus' Antrag an ihren Lebensgefährten Rolf Hellgardt beim ersten Fernsehauftritt nach ihrer Krankheit. Danach wurde umarmt, geküsst und gejubelt, so wie bei allen öffentlichen Anträgen. Trotzdem hat Monica Lierhaus für diesen Schritt auch Kritik geerntet – und, so konnte man später lesen, ihn sogar ein bisschen bereut: „Er konnte ja schlecht ‚nein' sagen", zitierte sie die „Welt".

Damit hat sie Recht und spricht aus, was man unwillkürlich denkt, wenn man jemanden inmitten einer aufgeregt lauschenden Menge mit der Frage „Willst du mich heiraten?" konfrontiert sieht. Rolf Hellgardt konnte schlecht nein sagen. Amy konnte schlecht sein sagen. Sie alle, die wir auf YouTube sehen, zu Tränen gerührt und irgendwie überrumpelt, sie konnten schlecht nein sagen, vor 60 Freunde und Verwandten, vorm Publikum der „Goldenen Kamera", vor den Besetzern der Liberty Plaza. Der öffentliche Heiratsantrag, der im ersten Moment eine riesige Romantikwelle an den Herzen der Zuschauer brechen lässt, ist im zweiten Moment ziemlich gemein. Denn eigentlich sollte ein Heiratsantrag gar nicht pompös und megaromantisch sein, sondern eher still und vorsichtig. Immerhin geht es nicht bloß um die Schönheit dieses Moments, sondern vor allem um das gemeinsame Leben, für das man sich entscheidet – und das will gut überlegt oder doch zumindest nicht in einem überladenen Augenblick entschieden sein, in dem man zu allem und jedem ja sagen würde.



Dass der Befragte beim öffentlichen Antrag mit dem Rücken an die Wand gestellt wird, ist aber nur die eine Sache. Denn vielleicht haben ja Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt oder Isaac und Amy schon mal darüber gesprochen, dass sie heiraten wollen. Vielleicht können sich all die YouTube- und Fernsehbühnen-Romantiker ganz einfach sicher sein, dass der andere sein Leben mit ihnen verbringen will. Aber wenn sowieso schon alles in trockenen Tüchern ist, warum brauchen sie dann die Welt als Zeuge? Möglicherweise denken die öffentlichen Anträger, dieses erste Jawort vor dem offiziellen habe mehr Gewicht, wenn besonders viele Ohren es vernommen haben. Sie glauben daran, dass man „Ja" steigern kann, bis hin zu einem „am Jaesten", das selbst dann, wenn Marmor, Stein und Eisen brechen, immer noch keine Sprünge bekommt. „Wer vor aller Welt ja gesagt hat", so denken sie wohl, „der wird weniger schnell ‚ab jetzt nicht mehr' sagen."

Aber am Ende steckt hinter dem öffentlichen Antrag wahrscheinlich eine ganz einfache und ein bisschen hässliche Wahrheit. Große Liebe, ein Hang zur Romantik und der Wunsch, für den Partner etwas ganz besonderes zu tun mögen eine Rolle spielen. Doch wenn man das ganze Brimborium subtrahiert, bleibt ein Mensch übrig, der sich viel zu wichtig nimmt. Der nicht nur ein „Ja" bekommen will, sondern auch zehn, zwanzig oder eine Millionen „Wows" und eine Menge Applaus. Der der Welt zeigen will, wie wunderbar seine Beziehung funktioniert und vor allem, dass man verdammt glücklich sein kann, wenn man ihn oder sie zum Freund oder zur Freundin hat. Es ist fast so, als würde jemand „Unsre Liebe ist besser als eure Liebe" in die Welt rufen. Und das ist weder romantisch noch kreativ, das ist schlicht unsympathisch. Diejenigen unter den Zuschauern, die die Romantikwelle nicht mitreißt, müssen sich dann vielleicht sogar schämen. Dafür, dass dort jemand sein Privates so in die Öffentlichkeit trägt als sei es für alle von Belang. Und dafür, dass der andere dazu gezwungen wird, dabei mitzumachen.

Unter „Isaac's Live Lip-Dub Propsal" gibt es zwar eine Menge tränenreicher Kommentare, aber nicht alle finden den Wahnsinnsantrag rührend. Der User Frankie Knuckles zum Beispiel hat einen hämischen Kommentar hinterlassen: „Just waiting for the epic divorce live lip-dub." Da werden Freunde und Verwandte dann zu „Go Home" von Fuzzman oder irgendeinem anderen Lied mit Aufforderung zum Verlassen tanzen. Und Amy wird natürlich ja sagen. Was bliebe ihr anderes übrig?


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49 Kommentare
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Fluids
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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2012 - 05:39 Uhr
Fluids

Ok, ich war begeistert von der Lebensfreude, die das Video versprüht. Also liege ich ziemlich am anderen Ende der Meinung.
Man könnte Ihre Argumentation natürlich noch auf die Spitze treiben und sagen: Wie kann man jemanden anderes überhaupt in die Situation zwingen, mit solch einer Frage konfrontiert zu werden? Wie kann man bloß jemand anderen zwingen sich verhalten zu müssen? Auch privat ist das eine Zumutung. Wie kann man überhaupt im Nachhinein etwas mit anderen teilen wollen, wie kann man bloß Übersprudeln vor Glück und gleichzeitig diesen Moment festhalten und damit auf die Bühne wollen? Pfui deibel, lasst uns alle in Sack und Asche ins Grab kriechen....

michkrue
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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2012 - 09:30 Uhr
michkrue

Na ja, vor 60 Freunden kann man auch schon mal nein sagen. Außerdem sollten die Freunde so schlau sein, dass sie Isaac nicht ihre Hilfe anbieten, wenn sie auch Amy kennen und wissen, dass sie ihn nicht heiraten würde.

Der Vergleich mit Monica Lierhaus hinkt - da war direkt ein Millionenpublikum dabei. Hier war es ein Video, das nach dem Ja ins Netz gestellt wurde.

Daher finde ich den Beitrag nicht gelungen, sondern sogar überflüssig, weil nicht auf den Punkt gebracht, sondern es wird reißerisch versucht, Effekte zu erhaschen. Der hämische Kommentar steht auch in keinem Verhältnis mit der Vielzahl an positiven Kommentaren. Das ist einseitiger Journalismus.

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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2012 - 09:31 Uhr
michkrue

Na ja, vor 60 Freunden kann man auch schon mal nein sagen. Außerdem sollten die Freunde so schlau sein, dass sie Isaac nicht ihre Hilfe anbieten, wenn sie auch Amy kennen und wissen, dass sie ihn nicht heiraten würde.

Der Vergleich mit Monica Lierhaus hinkt - da war direkt ein Millionenpublikum dabei. Hier war es ein Video, das nach dem Ja ins Netz gestellt wurde.

Daher finde ich den Beitrag nicht gelungen, sondern sogar überflüssig, weil nicht auf den Punkt gebracht, sondern es wird reißerisch versucht, Effekte zu erhaschen. Der hämische Kommentar steht auch in keinem Verhältnis mit der Vielzahl an positiven Kommentaren. Das ist einseitiger Journalismus.

Nele_math
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1

02.06.2012 - 10:33 Uhr
Nele_math

Anscheinend hat hier jeder eine andere Einstellung zu Heiratsanträgen. Solange sich das Paar einig ist, solls mir egal sein...

Viel schlimmer finde ich das Lied. Hat jemand schonmal auf den Text geachet??
"We're looking for something dumb to do. Hey baby, I think I wanna marry you!"
"If we wake up and you wanna break up, that's cool! No, I won't blame you. It was fun, girl!"

Also mehr "Anti-Ehe" Symbolik geht wohl nicht mehr. Bei so wenig Feingefühl bei der Liedauswahl hätte ich wohl NEIN gesagt.

AxelB
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02.06.2012 - 13:18 Uhr
AxelB

Für mich ist dieses Video der lebendige Beweis, wozu die Liebe Menschen fähig macht! Und damit meine ich nicht nur Isaac, sondern alle, die daran mitgemacht haben. Sie hat die kreative und smarte Inszenierung jede Sekunde genossen, was zu sehen war. Nach meiner Überzeugung entstand das script auch nur für Amy, das Video war nicht geplant öffentlich. Und genau deshalb kann ich auch keinen Druck auf Amy erkennen: hätte sie den Antrag abgelehnt wäre das Stück eben nur nicht auf youtube gelandet.

Topas21
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Mag ich Mag ich nicht

0

02.06.2012 - 13:53 Uhr
Topas21

Ich finde öffentliche Anträge auch nicht immer optimal (z.B. Lierhaus). Allerdings finde ich es quatsch daraus automatisch zu schliessen, dass der Anträger arrogant ist und es ihm darum geht aller Welt zu zeigen, wie toll er ist.
Beim Antrag kann man auch deshalb viel Aufwand betreiben, um dem anderen zu zeigen, dass er diesen Aufwand Wert ist. Und für Sie keine Anstrengung zu groß ist.

JimmyGlitschi
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Mag ich Mag ich nicht

-1

02.06.2012 - 14:36 Uhr
JimmyGlitschi

michkrue sagte:
Daher finde ich den Beitrag nicht gelungen, sondern sogar überflüssig, weil nicht auf den Punkt gebracht, sondern es wird reißerisch versucht, Effekte zu erhaschen. Der hämische Kommentar steht auch in keinem Verhältnis mit der Vielzahl an positiven Kommentaren. Das ist einseitiger Journalismus.


Stimme überein. Habe generell den Eindruck, dass es gerade Konjunktur hat, über öffentliche Anträge lustig zu machen - siehe zB http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/... . Für mich ist das ein ähnliches Abgrenzungsverhalten, wie wenn man sich über bestimmte Kindernamen wie Kevin lustig macht.

Wer seinen Heiratsantrag auf dem heimischen Sofa machen möchte, kann das gerne tun. Wer sich ganz pragmatisch auf die Ehe ohne Antrag oder auch die Nichtehe einigt, natürlich auch. Aber man sollte nicht demjenigen, der dem Partner/der Partnerin was Besonderes bieten will, durch Gehässigkeit (auch im Nachhinein) ein unvergessliches Erlebnis verderben.

chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

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03.06.2012 - 16:15 Uhr
chrinamu

TanzteeU65 sagte:
Hähm??? Ist ist Vollzeit-Nudistin? Ich stelle es mir in unserer Gesellschaft pirnzipiell schwer machbar vor, nie Kleider anzuziehen. Fährt sie dann auch Bahn und geht so einkaufen? Oder wohnt sie im Wald?


Nicht im Sinne von Kleider=Klamotten, sondern Kleid als Gegensatz zu Hose.

Dr_Wolf
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.06.2012 - 15:05 Uhr
Dr_Wolf

Ich stand erst vor ein paar Wochen vor einer ähnlichen Situation und habe mich in dem Fall für einen Heiratsantrag über youtube entschieden, weil meine Freundin in Ghana lebt und mal kurz runter fliegen preislich und zeittechnisch nicht drin war. Ich hätte ihr
a) keinen Antrag gemacht wenn wir uns in der Vergangenheit nicht darüber unterhalten hätten und ich deswegen auch ziemlich sicher sagen konnte dass sie ja sagt.
b) wolle ich ihr nicht einfach mal so am Telefon einen Antrag machen mit: "ach übrigens möchtest du mich heiraten." Sondern ihr eben schon zeigen dass sie etwas besonderes ist und es mir wichtig ist, dass sie einen unvergesslichen Moment hat, eben gerade weil so ein Heiratsantrag etwas einmaliges und besonderes ist und im Gegensatz zur Hochzeit die Braut nicht die ganze Zeit über im Orga-Stress ist, sondern sich einfach zurücklehnen kann und genießen kann, wenn sie schon weiß dass sie ja sagen will. Der Aufwand den man sich macht, sagt eben schon zumindest zum Teil etwas darüber aus, wie viel einem eben ein "ja" bedeutet. Egal ob man das dann in Form eines ganz besonderen Tages, allein auf einer Hütte oder eben mit vielen Bekannten macht und kommt eben auf das Paar an.
Ich schätze mal die Leute wissen schon was der Partner im Allgemeinen schätzt.
Die Frage gestellt habe ich ihr in Form eines Gruppenbildes mit einigen von meinen Kollegen, die alle einen großen Buchstaben in die Höhe halten die den Satz "Sheila will you marry me" formen und dann bin eben ich auf den Knien mit dem Ring zu sehen...
Das ganze in einen Videocollage mit Bildern von uns gepackt und eben ein Video in dem ich nochmal erzähle wie wir uns kennen gelernt haben.
Das Video habe ich aber erst im Privatmodus (nur wer den Link hat...) hochgeladen und dann erst öffentlich gemacht, nachdem sie ja gesagt hat.

Das mit dem Text vom Lied hab ich mir ganz am Anfang gedacht, oh Gott... wie kann man nur so nen Text hernehmen... V.a. wenn man auch noch Englisch kann

Bei mainer Liedauswahl hab ich mich für 2 Klassiker entschieden: The Carpenters: Why do birds... und dann von Silbermond das Beste weil Sheila eben auch ganz gerne etwas auf Deutsch hört. (Die haben übrigens dafür gesorgt dass man das Video in Dtl. nur über nen Proxyserver anschauen kann)

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