Rap Rendezvous: Wir hören neue Platten mit Dr. Knarf
Rap-Musik, das bedeutet immer auch Sprache, Austausch, Kommunikation. Aus diesem Grund plaudert jetzt.de jeden Monat mit einem Vertreter aus dem großen weiten HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Dr. Knarf über die Neuerscheinungen von Nicki Minaj, Boz, Apollo Brown & OC, Blumio und Santigold.

In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Autor und Akteur. Und dass der Kölner Rapper Dr. Knarf etwas zu sagen hat, hat er gerade erst auf seinem Debütalbum „Kniwolution“ bewiesen, als der Multiinstrumentalist (Klavier, Gitarre, Schlagzeug und Bass) darauf mal eben seinen eigenen Tod inszeniert hat. Ein düsteres Werk, das im krassen Gegensatz steht zu seiner eher fröhlichen Performance in der Vox-Sendung „Cover My Song“ im letzten Jahr.
Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und Nicki Minaj – Pink Friday: Roman Reloaded

jetzt.de: Wie hat dir die Platte gefallen?
Dr. Knarf: Heutzutage muss man ja schon glücklich sein, wenn einem von einer Platte drei Lieder gefallen, und das war hier durchaus der Fall. Das Album hat mir von allen am besten gefallen – allerdings nur die erste, rap-lastige Hälfte. Der zweite Teil der Platte ist so poppig, dass es genauso gut Lady Gaga oder Katy Perry hätte sein können. Das Pop-Zeug hat mich nicht so geflasht, aber ihren Rap finde ich cool.
Viele halten Nicki Minaj für die derzeit beste Rapperin. Ist sie das auch in deinen Augen?
Ich kenne zu wenige Female-MCs, als dass ich das richtig beurteilen zu können. Aber Nicki Minaj hat auf jeden Fall was auf dem Kasten. Es macht Spaß, ihr zuzuhören. Aber wenn die Platte nach der Rap-Hälfte zu Ende gewesen wäre, wäre es ein besseres Album geworden.
http://www.hiphopmusicdotcom.com/nicki-minaj-roman-reloaded-feat-lil-wayne.html
Die Platte ist sehr abwechslungsreich: Es gibt Rap, House- bis Techno-Anleihen, Pop-Songs, unendlich viele Ideen, massenhaft Überzeichnungen etc. Bist du ein Freund dieser Vielfalt? Gegen Vielfalt ist nichts einzuwenden, aber einige ihrer Songs sind leider zu schwach. Im Hinblick auf zwei oder drei Radio-Singles mag das Sinn machen, aber Spaß macht mir der Pop-Kram nicht. Ich habe fast das Gefühl, dass sie als Baby mal in einen MDMA-Topf gefallen ist. Das Zeug bröselt nur so aus jedem Track heraus.
In der Juice wurde das Ganze als „Varieté der Wahllosigkeit“ bezeichnet. Trifft es das?
Nein, wahllos finde ich das nicht. Dahinter steckt ja durchaus Methode, und auf den Rap-Tracks überzeugt sie vollkommen.
Sie gilt zudem als Stilikone.
Nee, das sehe ich nicht so. Letztlich macht sie auch nichts anderes als damals Foxy Brown oder Lil’ Kim. Bestimmte Stilistiken wiederholen sich eben alle Jahre wieder. Und das ist bei ihr nicht anders. Aber es passt zu ihr, insofern ist das okay. Alte Ideen müssen ja auch weitergetragen werden.
Boz – Kopfkrieg

Das „Rattos Locos“-Label aus Hamburg hat mit Leuten wie Nate57, Telly Tellz und eben Boz Gangsta-Rap aus der Hansestadt etabliert. Unterscheidet sich der Gangsta-Rap aus Hamburg von dem aus anderen Städten?
Ich habe auf jeden Fall nichts gegen Gangsta-Rap und kann damit generell durchaus etwas anfangen. Bei den „Rattos Locos“-Jungs kommt es auf jeden Fall authentisch rüber, und Boz rappt sehr souverän. Der gefällt mir von den Hamburgern fast am besten.
Den „Rattos Locos“-Künstlern wird ja gemeinhin attestiert, zwar authentische Ghetto-Tales zu erzählen, dabei aber dennoch ein gewisses Maß an Intelligenz und Reflektionsvermögen mitzubringen. Wie verhält sich das Boz-Album dazu?
Sonderlich reflektiert finde ich die Platte nicht, um ehrlich zu sein. Lediglich im Track „Eigentlich weiß ich es besser“ habe ich das herausgehört. Ich kaufe ihm schon ab, was er da erzählt, fand die Song-Auswahl aber leider ein bisschen beliebig. Auch die Beats plätschern ein bisschen vor sich hin. Die lösen in meinem Kopf nichts aus. Streckenweise hat sich das angehört wie ein einziger langer Track, weil sich Raps und Beats so geähnelt haben.
Das vermittelte Lebensgefühl der Platte ist ausweglos, trist und geprägt von lauernden Gefallen und Enttäuschungen. Bietet dir das Identifikationspotenzial?
Doch, schon. Aber an einer Stelle sagt er auch so etwas wie „Ich schäme mich, weil ich weiß, dass Gott mich sieht“ – und mit solchen Sprüchen kann ich überhaupt nichts anfangen. Das ist für mich so ein leeres, aufgesetztes Islam-Ding. Das empfinde ich als albern.
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