"Ihr wart dann auf einmal irgendwie weg."
Manche Sätze gibt es einfach häufiger als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen davon vor.

Dieser Satz kommt auch gerne in der personalisierten Abwandlung vor, also: „Der Sebi war dann auf einmal irgendwann weg.“ Er gehört zu den wichtigsten rhetorischen Stilmitteln in Party-Nacherzählungen, wie sie noch wochenlang am Telefon und bei neuerlichen Zusammenkünften zum Besten gegeben werden. Eigentlich ist das, was man anderen hinterher davon erzählen kann ja auch fast das Beste an einem Fest. Früher gab es beim Kindergeburtstag für jeden Gast noch ein Tütchen zum Mitnehmen, heut kann man sich wenigstens noch ein Tütchen Erlebnisse zum Wiederkäuen am nächsten Tag einpacken. Der ganze Abend wird dazu einmal durch die Verkläranlage gejagt und am Ende erzählt man sich gegenseitig die buntesten Abenteuer, die mit dem drögen Realgeschehen natürlich nichts mehr zu tun haben.
Dieser Hauptsatz ist dabei ein gutes Beispiel für das Aufblasen von Nicht-Ereignissen, vor allem wenn man sich vorstellt, wie er betont wird – nämlich so, als hätte sich der Betreffende vor aller Augen mindestens in Luft aufgelöst oder wäre gleich gen Himmel aufgefahren. Der Nacherzähler mimt ein Erstaunen, als wäre er auf der Party mindestens von seinem siamesischen Zwilling getrennt worden. Das ist aber wohl in den seltensten Fällen geschehen, stattdessen hat man sich schlicht zwischen Raucherbalkon und Küchendrängelei aus den Augen verloren, was aber kein zeitgemäßer Vorgang mehr ist. Das einfache: „Dich habe ich irgendwann aus den Augen verloren.“ ist in einer Party-Nacherzählung gar nichts wert, viel zu lasch!
Besser weil turbulenter tönt es, wenn der Nacherzähler in einer halbstündigen Hysterie aufzählt, dass eigentlich alle Beteiligten zu irgendeinem Zeitpunkt mindestens einmal „irgendwie weg“ waren. An dieses punktuelle Verpuffen lassen sich dann noch problemlos andere Nicht-Abenteuer knüpfen: Irgendjemand ist „voll planlos rumgesteuert“, ein anderer, haha, „immer fast eingepennt“ und dann war, Höhepunkt der Nacherzählung, der Kasten mit dem Bier „plötzlich“ alle und daraufhin sind wieder alle irgendwie weggewesen, nur der Sebi, der war auf einmal wieder da, ich sag’ dir. . .
Auf derlei mittelkuriose Verstrickungen beschränken sich die meisten Nacherzählungen von großen Abenden. Das macht aber auch nichts, der Zauber eines gelungenen Festes ist ja nun mal schwer greifbar und so behilft man sich eben mit einer Dramatisierung der diversen Zu- und Abgänge. Wichtig ist ja nur, dass diejenigen, die nicht dabei sein konnten sich ausgiebig darüber ärgern und genau das wird mit derlei kolportierten Ungeheuerlichkeiten erreicht. „Du warst irgendwann weg!“– „Nein, ihr wart auf einmal alle weg!“ Der Dritte im Bunde hört’s staunend mit an und nimmt sich feste vor: Nächstes Wochenende will ich auf jeden Fall dabei sein, wenn wieder alle irgendwie weg sind.
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Wenn jemand früher von einer Party gehen muss, aber Angst hat, etwas verpasst haben zu können, muss am nächsten Tag erstmal herausgefunden werden, ob sich plötzliche gravierende Veränderungen in der Abengestaltung ergeben haben. Und wenn er Glück hat, kommt nur als Antwort: "Joa, ganz gut, aber sind dann auch relativ bald gegangen"
Ich will wieder mehr Scharnigg-Hauptsätze und die dazugehörige Beobachtung des Alltags!
Ich habe die Kolumne schon vermisst.
Und wenn er Glück hat, kommt nur als Antwort: "Joa, ganz gut, aber sind dann auch relativ bald gegangen"
Um dann von einem dritten korrigiert zu werden. "Da habt ihr aber das beste verpasst. Als ihr gegangen seid, ist die Party erst richtig losgegangen."
apollyon sagte:
Super!
Ich will wieder mehr Scharnigg-Hauptsätze und die dazugehörige Beobachtung des Alltags!
Ich habe die Kolumne schon vermisst.
(pst! kauf dir doch das buch...)
Nach dem Motto, Ich hätte ja Bescheid gesagt, aber ihr wart nirgends aufzufinden.
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13.05.2012 - 18:35 Uhr
MsAufziehvogel