With a little help from my friends
Im Freundeskreis findet man Menschen, die man beneidet. Weil sie immer die schönsten Wohnungen bekommen, sich nie stressen lassen oder ein spannendes Globetrotterleben führen. Wie machen die das nur? Unsere Autorin hat versucht, sich die Fähigkeiten ihrer Freunde abzuschauen.
Die Liste an Dingen, die man im eigenen Leben gern mal besser oder überhaupt hinbekommen möchte, ist bei vielen Menschen sehr lang. Bei mir auch. Sie beginnt bei A wie Auslandsaufenthalt (länger als einen Monat) und endet bei W wie Wohnen (schöner). Ich bin in keiner dieser Disziplinen ein Vollversager. Ich halte mich für fähig, ein Visum zu beantragen, und meinen Flur habe ich in einem sanften Türkiston gestrichen, für den ich in schmeichelnder Regelmäßigkeit Komplimente ernte. Aber es gibt Optimierungspotenzial, wahrscheinlich auch noch in Angelegenheiten, die unter X, Y, Z eingeordnet würden.
Um zu diesem Schluss zu gelangen, muss ich keine Hollywood-Maßstäbe anlegen – die Messlatte Freundeskreis ist ausreichend: So schön wohnen wie Philipp, mit verwegen, aber gut kombinierten alten Kinosesseln, modernem Schreibtisch und gründerzeitlichem Kleiderschrank! So viel in der Welt herumkommen wie Jan! Stress so entspannt wegstecken wie Patrizia! Dass sie es hinbekommen, macht meinen Wunsch nach Optimierung meines Lebens umso drängender. Denn ich halte meine Freunde zwar allesamt für vorzügliche Menschen, aber sie sind eben auch mit fordernden Jobs oder Studiengängen beschäftigt und mit Cellulite, Waschbärbauch oder Sehschwäche gesegnet, also: stinknormal, ohne unendliches Zeit- und Finanzbudget. Wenn sie das alles können, müsste ich es dann nicht auch schaffen?
Schon klar, das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns immer grüner. Diese Erkenntnis lässt das unangenehme Gefühl aber nicht verschwinden. Der Mensch ist kompetitiv veranlagt – und am allerbesten kann er sich mit Leuten aus dem Freundeskreis vergleichen, erklärt mir der Münchner Psychologe Bernd Reuschenbach: „Die Grenzen zwischen Bewunderung und Neid sind fließend.“ Und Neid, den blende man in einer Freundschaft lieber aus. Unterschwellig bestehe aber oft eine Konkurrenzbeziehung, auch zwischen den besten Freunden.
Könnte man dieses unschöne Gefühl nicht ins Positive wenden? Ich will es versuchen. Ich will meinen Freunden sagen, wofür ich sie bewundere – und offen fragen: Wie machst du das? Wir lernen schließlich nicht nur durch Konditionierung, sodass bei uns wie bei einem pawlowschen Hund der Speichel fließt, wenn ein Glöckchen klingelt. Wir lernen auch am Modell, wie mir die Pädagogikprofessorin Wiltrud Gieseke von der Berliner Humboldt-Universität erklärt: „Durch Abschauen und Nachmachen.“
Als ich meine Bewunderungsattacke starte, bin ich doch etwas besorgt, wie Patrizia, Philipp und die anderen darauf reagieren werden. Was, wenn sie mich von nun an für von Neid zerfressen halten? Oder Angst haben, dass ich sie kopieren will? Tatsächlich reagieren sie sehr geschmeichelt. Manchem war schon bewusst, dass er oder sie etwas besonders gut kann. Andere waren überrascht. Wie mein guter Freund René.
Er ist der galanteste Mensch, den ich kenne, und schafft es, in jeder Situation den richtigen Ton zu treffen. Meine Mutter schwärmt heute noch von dem „charmanten jungen Mann“, seit sie René vor ein paar Jahren kennengelernt hat. Und als wir beide als Hiwis am gleichen Lehrstuhl arbeiteten, gelang es René, mit einem Witz unseren Professor milde zu stimmen, nachdem wir eine uns übertragene Aufgabe immer noch nicht abgeschlossen hatten. René scheint immer genau zu spüren, wie er sich in einer Situation am besten verhält.
Dass das eine besondere Kunst ist, schien ihm selbst nicht klar gewesen zu sein. „Selbst wenn du recht damit hättest, dass ich es schaffe, regelmäßig Souveränität vorzugaukeln – ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dir raten soll“, sagt er, als ich ihn auf seinen außergewöhnlichen Takt und seinen Charme anspreche. Pädagogikprofessorin Gieseke wundert das nicht: „Wenn Menschen ein Talent haben oder schon ihr Leben lang auf einem Gebiet gut sind, dann halten sie ihr Talent oft für selbstverständlich.“
Können Freunde denn dann gute Ratgeber sein? Ja – sogar viel bessere als jeder Ratgeber zwischen zwei Buchdeckeln, sagt Gieseke. Sie kennen mein Leben, und wenn sie mir einen Rat geben, können sie ihn auf mich abstimmen. Es macht auch nichts, dass meine Freunde in der Regel keine Profis auf ihrem Gebiet sind, sondern über das verfügen, was Experten „Erfahrungswissen“ nennen. Was ihnen besser gelingt als mir und den meisten anderen Menschen, die ich kenne, das haben meine Freunde vom Leben gelernt. Was das heißt, erfahre ich nun: Wie meine Freundin Conny nach der Methode „Versuch und Fehler“ ihren Kleidungsstil fand, indem sie sich als Teenie in sehr seltsamen Kostümierungen auf die Straße begab. Oder wie viel Energie und Mühe sie investieren – und gleichzeitig auf manches verzichten müssen. Jan hat schon viel von der Welt gesehen, doch seine Freundschaften leiden unter seinem Globetrotter-Dasein. Patrizia fühlt sich kaum noch gestresst, muss sich aber zwingen, nicht mehr bei jeder spannenden Aufgabe „Hier! Ich!“ zu schreien.
Freunde können also die allerbesten Lehrer sein. Die Entscheidung, ob man bereit ist, den gleichen Preis wie sie zu zahlen, können sie einem aber nicht abnehmen. Da hilft am Ende nur, nicht auf die anderen, sondern auf sich selbst zu schauen. Den anstrengenden Weg, sich weiterzuentwickeln, den muss man allein gehen. Aber man wird sich wohl seltener verirren, wenn einem die Freunde eine Karte mitgeben, auf der sie Tipps von ihrer Tour notiert haben.
Auf den nächsten Seiten kannst du nachlesen, was Julianes Freunde ihr geraten haben. Als erstes erzählt Marie von ihrem Erfolgsrezept für eine Langzeitbeziehung.
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