27.02.2012 - 18:30 Uhr

17 53 Über Twitter weiterempfehlen

Gekommen, um zu gehen

Text: mercedes-lauenstein

Am Wochenende ausgiebig zu feiern gehört fast schon zum guten Ton. Wer früher heim- oder gar nicht erst mitgehen will, braucht einen hieb- und stichfesten Grund dafür - sonst gilt er als Langweiler. Das muss aufhören. Ein Plädoyer gegen Ausgehverpflichtungen

Meine Ausgehgelüste sind eine sehr ambivalente Sache. Ich gehe nicht regelmäßig und meist sehr spontan aus und es kann durchaus vorkommen, dass ich von einem Moment auf den anderen alle Ausgehpläne streiche, weil ich mich plötzlich nicht mehr danach fühle. Dumm ist, dass ich einige Freunde habe, die sehr gerne „feiern gehen" oder zumindest glauben, sie müssten das gerne tun, weil sie jung und frisch und kraftvoll sind. Aber sollte man in seiner Freizeit nicht Dinge tun, die einem Spaß machen? Und sollte man nicht selbst festlegen, was das akut bedeutet?

Der für das geplante Ausgehen immer wieder benutzte Begriff „Feiern gehen" ist ja schon irreführend genug, weil man eigentlich nur im Nachhinein sagen kann, man habe gefeiert. Was, wenn man sich auf einer Party ganz schlimm gelangweilt hat? Die Qualität einer Party ist leider selten im Voraus abzusehen. Der Bezeichnung selbst wohnt also eine so starre Erwartungshaltung inne, dass Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Ständig wie eine Irre herumfeiern zu können ist zwar eine schöne, aber leider eine total realitätsferne Vorstellung. Oft geht man leider nur, weil man sich mal wieder blicken lassen wollte und dann auch gleich einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Weil man ein Geburtstagskind oder einen zu Verabschiedenden nicht enttäuschen wollte. Oder schlimmer: Weil man sich selbst mal wieder „Spaß" verordnen wollte. Das muss aufhören.



Denn wenn man erst soweit ist, zu glauben, ausgelassener Spaß sei nur durch „Feiern" möglich, dann läuft man Gefahr, zum Überredungsnervling zu werden und somit zur unerträglichsten Sorte Mitmensch. Der Überredungsnervling ruft immer dann an, wenn man dabei ist, sich auf eine fantastische Samstagsnacht ohne Menschen zu freuen, in der man unbeobachtet und im Jogginganzug lauter gute Dinge tun kann. Er entpuppt sich dadurch, dass er zum eigenen wohlüberlegten Beschluss nicht mit den Worten: „Na gut, schade, dann eben wann anders und viel Spaß in der Badewanne, das hört sich gut an" reagiert, sondern mit diesen: „Aaach, komm schon, sei nicht so tranig/faul/langweilig, wenn du erstmal draußen bist, kommt der Spaß von allein, ich schwör's!".

Solche Leute machen mich sehr wütend. Nicht nur, weil sie mir offensichtlich unterstellen, ich sei nicht ganz zurechnungsfähig und müsse, wie ein Kleinkind, zu meinem Glück überredet werden. Sie setzen mich zusätzlich unter einen völlig hinrissigen Rechtfertigungsdruck, dem ich dann, obwohl ich um seine Idiotie weiß, kaum standhalten kann. Meine Argumente für das Zuhausebleiben wiegen nun einmal auf den ersten Blick nicht besonders schwer. Wenn ich als Partyverhinderungsgrund „Lust auf Tee und Badewanne" angebe, haben es meine Freunde natürlich leichter, mir Frühvergreisung zu unterstellen, als wenn ich sage: „Ich muss morgen wirklich ganz früh raus und arbeiten/ meinen Opa beerdigen / bis 11 Uhr vormittags das vierstöckige Haus meiner Eltern in Umzugskartons gepackt und in drei LKWs verladen haben."

Verzwickter ist die Lage noch, wenn ich an einem exzessfreudig eher schwachen Tag, nicht einfach zu Hause bleibe – sondern irgendwohin gehe, weil ich zu einer Veranstaltung eingeladen wurde oder ich eine Verabredung einhalten möchte, die schon sehr lange steht und mich eigentlich auch darauf freue. Nur weiß ich eben auch: Ich möchte nicht so lang machen. Doch bin ich dann da, ist das Dilemma plötzlich wieder mittel bis groß, denn was sagt man, wenn man den Anstandssekt getrunken hat (oder schlimmer: gleich bei Spezi geblieben ist) und um zwölf Uhr einfach sehr gerne wieder gehen möchte?

Einige Menschen schaffen es, stumm wie ein Fisch aus der Runde zu gleiten – ohne Abschied und ohne ersichtlichen Grund. Sie kriegen liebevoll den eigenwilligen Eremitenstempel aufgedrückt. Aber wenn man es nicht übers Herz bringt, es ihnen gleich zu tun? Wenn man sitzen bleibt bis auch der letzte gegangen ist, weil man nicht möchte, dass man derjenige war, an dem alles zu Bruch ging? Aufbruchsstimmung verbreiten ist doof und dass ein Geburtstagsmensch oder ein anderweitig geehrter Kandidat sich ungeliebt fühlt, weil man heimlich gähnend in der Runde sitzt und beim erstmöglichen Zeitpunkt versucht aufzubrechen, ist keine schöne Vorstellung. So jemand möchte keiner sein, genauso wie niemand ein Langweiler sein möchte oder ein Frühvergreister. Was man sich aber vielmehr fragen sollte, ist: Wer will eigentlich ein Heuchler sein?

In Wirklichkeit ist es doch so: Das Mutigste und ganz und gar nicht Langweiligste, was man sich selbst und seinen Mitmenschen antun kann, ist ehrlich zu bleiben. Eine ehrliche Spontanität ist genauso wenig gleichbedeutend mit Gemeinheit oder Desinteresse wie gezwungenes Ausgehen gleichbedeutend mit Lebensfreude – sondern genau andersherum.

Wenn man dem Anderen das mit der Lust auf die Badewanne und den Jogginganzuggelüsten mit der tiefsten Inbrunst seines Herzens erklärt, wer sollte da uneinsichtig sein? Vielleicht würde es ja sogar bewirken, dass der andere einem mehr Respekt zollt als der übrigen Gesellschaft, weil er nämlich kapiert, woran er ist. Sich den gefühlten Ausgehpflichten einfach nicht mehr zu beugen, könnte sogar bewirken, dass alle mehr Mut zum Daheimbleiben entwickeln und die Spezies der Überredungsnervlinge langsam ausstirbt. Und vielleicht wird dann ja plötzlich das, was sich viel zu oft als erwartungsversteiftes Feierpflichtbewusstsein äußert, wieder zu dem, das damit ursprünglich gemeint war: Mal zu schauen, was so geht.

Die besten, längsten und unvergesslichsten Partynächte erlebt man ja bezeichnenderweise immer dann, wenn man unmerklich in sie hineingerät, und die Tatsache, ob der nächste Tag ein Samstag, ein Sonntag oder dummerweise ein kateruntauglicher, arbeitsbeladener Donnerstag ist, keine Rolle mehr spielt. 


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
mercedes-lauenstein
Mehr Texte zum Label
MeineTheorie
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
53 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

majia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

27.02.2012 - 18:52 Uhr
majia

danke

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.02.2012 - 19:06 Uhr
alcofribas

majia sagte:
danke


jawoll. und der letzte Absatz hat recht.

lachute
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

27.02.2012 - 19:10 Uhr
lachute

Wann ist es eigentlich in Mode gekommen "feiern zu gehen"?
In meiner Jugend hieß das noch aus-/tanzen/was trinken gehen.
Sagen das auch diejenigen die sich nicht kaputtlachen, sondern "übelst feiern"? Das finde ich nämlich auch seltsam.

aldo
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.02.2012 - 19:12 Uhr
aldo

Hach ja, Samstagabendausgehzwang. Schon so schön von den Tocos besungen nun auch im Kosmos angekommen.

Wurzelpetersilie
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

27.02.2012 - 19:14 Uhr
Wurzelpetersilie

oje, ein ganz trauriger Mensch..

newmoonrising
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.02.2012 - 19:17 Uhr
newmoonrising

haha, ich wohne quasi in meiner badewanne. ganz vorne mit dabei in der mission "ausgehfreudige freunde und bekannte vor den kopf stoßen".

Schneemann2
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

27.02.2012 - 20:40 Uhr
Schneemann2

was mich viel mehr irritiert ist, dass man erst so ab 0.00 oder noch später feiern gehen 'darf' oder soll.
Warum nicht um 9 und vor allem, was macht der Großteil der Leute zwischen 9 und 12?
Vorglühen? Sind die Getränke mittlerweile so teuer, dass es dafür in der Disse nicht mehr reicht oder muss man sturzbetrunken ankommen, um übelst abfeiern zu können?
Schlafen? Ich kenn echt Leute, die sich Samstag um 8 ins Bett legen, um um 2 'steil' zu gehn...
Seltsam.
...un der letzte Absatz hat recht.

taskmanager
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

27.02.2012 - 21:27 Uhr
taskmanager

mercedes-lauenstein sagte:
Die besten, längsten und unvergesslichsten Partynächte erlebt man ja bezeichnenderweise immer dann, wenn man unmerklich in sie hineingerät, und die Tatsache, ob der nächste Tag ein Samstag, ein Sonntag oder dummerweise ein kateruntauglicher, arbeitsbeladener Donnerstag ist, keine Rolle mehr spielt.


So sieht's aus!

cheshire_cat
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

27.02.2012 - 21:32 Uhr
cheshire_cat

liebe mercedes: mach es! wenn du keinen bock hast, dann lass es und sag es auch. ich bin eine der von dir so sehr verachteten leute, die gerne feiern gehen. und leute wie du nerven tierisch. man muss euch bescheid sagen, weil man sonst mit wochenlanger miesepetrigkeit bestraft wird. ihr habt fadenscheinige ausreden, die so rüber kommen als wären wir nicht ganz zurechnungsfähig. wir können damit leben, wenn ihr uns sagt was sache ist! ein ehrliches: lass uns doch lieber übermorgen brunchen, ist zumindest mir lieber als rumgedruckse.
wenn ihr dann trotzdem mal auftaucht verbreitet ihr in den zwei, drei stunden sowieso eher miese laune, als wäre es unsere schuld, dass ihr da sein müsst. meinst du wir haben spaß, wenn wir ständig darauf rücksicht nehmen müssen, euch nicht in einer ecke alleine stehen zu lassen, weil ihr ja auch nicht gewillt seid am allgemeinen geschehen teil zu nehmen.
mein plädoyer: bleibt zuhause! nehmt ein bad, schaut wer wird millionär, schreibt twilight-fanfiction. mir egal. aber hört auf so zu tun als wäre das alles unsere schuld!

jurette_
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

27.02.2012 - 21:49 Uhr
jurette_

Manche Probleme lösen sich mit dem Älterwerden gottseidank von selbst.

Weiter Seite 1 2 3 ... 6

Alle Kommentare anzeigen

Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

mercedes-lauenstein offline

mercedes-lauenst…

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.