Der Code der Wirklichkeit
Dort, zwischen den beiden S-Bahn Ringen steht dieses Hotel, in dem jedes Zimmer einen doppelten Boden hat. Und oben an den Zimmerdecken gehen angeblich die Seelen der Toten spazieren. Es heißt, die Menschen, die für eine oder auch mehrere Nächte ein Zimmer hier nehmen, tun dies, um in die Vergangenheit zu reisen. Und manche von ihnen bleiben für immer dort.
Madam Perlon wohnt seit 20 Jahren hier. Sie kam mit rabenschwarzem Haar. Jetzt ist es so weiß wie der blinde Fleck, in dem sich die Schneegans vor dem Schnee versteckt. Madam Perlon könnte 70 Jahre alt sein. Man weiß es nicht. Sie hat ihre Ohren unten im Hotelsafe eingeschlossen.
„Es ist so. Wenn man hier her kommt, ist es anfangs nicht leicht, Ruhe zu finden. Die Toten, sie reden so viel. Streiten noch immer über die Struktur von Engelslocken und den rechten Beweis dafür, dass Gott existiert. Oder sie beklagen den Umstand, dass sie nicht mehr so wie früher in die Bar hinunter gehen können. Um einen goldfarbenen Whisky zu trinken. Ein Ledersofa voll mit Cognac. Einen Daumennagel großen Likör, dickflüssig wie Harz, das sich die Rinde von den Bronchen hustet. Die Toten, sie werden nicht mehr bedient. Hendrik, der Barkeeper denkt nicht daran. Er ist, was den Tot anbelangt, ein bisschen intolerant.“
Tote, so sagt Hendrik, können nicht sinnlich sein. Zumindest nicht bei ihm in der Bar, wo es um den konkreten Genuss geht. Es sei schwachsinnig, sich ohne einen Körper voll laufen lassen zu wollen. Man stellt sich schließlich auch keine Wanne in den Swimming-pool, um ein Vollbad zu nehmen. Sagt Hendrik.
Und die anderen Laster?
Nun. Dafür gibt es, wie gesagt, den Hotelsafe.
Es liegen nicht nur Ohren darin.
„Als ich hier her kam, suchte ich Fernandes. Sie war größer als ein Schiff und in ihrem Haar lebten Fische und Muscheln. Sie war ein Wrack, das tief unten am Meeresgrund lag. Die kühnsten Taucher hatten es dutzende Male nach Schatztruhen durchsucht. Und auch sie, die Taucher, klebten verstreut in Fernandes Haaren. Zumindest noch ihre Anzüge.
Fernandes war meine Geliebte.
Aber es war schwierig, sie zu treffen.
Ich musste meine Lungenflügel mit Pech bestreichen. Und in ihren Armen wogte eine Ewigkeit, die Seepferdchen zu Steinen werden lässt.
Wir sind so etwas nicht gewohnt. Wir denken nicht ein ganzes Treppenhaus. Das in ein anderes Treppenhaus führt, und ein weiteres nach sich zieht. Wir denken an eine Gegensprechanlage, den Türsummer und den Lift. Und dann sind wir in der Stube, und am nächsten Morgen gehen wir mit einem Abenteuer in der Tasche nach Hause.
Wir denken nur selten an Menschen wie Fernandes.
Ach ja. Ich habe übrigen meine Füße in den Safe gelegt. Für den Fall, dass sich Fernandes doch noch eines Tages dazu entschließt, mit mir auf dem Land zu leben.“
Warum alle Gäste französische Namen haben? Ich weiß es nicht. Sie könnten Monsieur Fournet fragen, der unten an der Rezeption steht. Aber Vorsicht! Er hat früher in Monsterfilmen mitgespielt. Und er ist derjenige, der diese Baupläne an Gustave Eiffel verkaufte. Er kennt den Code der Wirklichkeit. Und den des Safes sowieso. In einem der Fächer soll angeblich das Hirn Descartes liegen. Hendrik holt es manchmal heraus. Um nach Erinnerungsspuren französischer Cocktail Rezepte zu suchen.
- Bevor meine Vermieterin zum Zebra wurde 29.01.2012
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schwindlicht sagte:
worauf ist das denn entstanden?
sprichst Du etwa von *drgn*???? pfui
schwindlicht sagte:
noaach.
gut so








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23.02.2012 - 19:19 Uhr
flaschenbaum