21.02.2012 - 18:30 Uhr

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Kein Mangel an Mangel

Text: alf-frommer - Foto: Screenshot (ARD)

Wir leben in Zeiten, in denen sich alles ändert. Echt? Unser Autor erzählt von Dingen, die ihm bleiben. Heute: Der Fachkräftemangel.

Wenn man wirklich wissen will, was sich nicht ändert, muss man nur die Tagesschau einschalten. Nicht die von heute, sondern die von vor 20 Jahren. Sie läuft jeden Tag auf dem Digitalsender der ARD - Eins Extra - um 22.45 Uhr. Ich sehe die gerne, weil das Nachrichten ohne Griechenland-Pleite, Wulff oder dem Traumpaar Merkozy sind. Irgendwie beruhigend. Natürlich gab es damals auch Riesen-Krisen: Ende Dezember 1991 brach die Sowjet-Union zusammen. Plötzlich war das gesamte Atom-Arsenal der Roten Armee in der Hand von Boris Jelzin – einem Mann mit Wodka-Problem. In Ost-Deutschland wurde unter dem etwas zynischen Motto „blühende Landschaften" die veraltete DDR-Industrie platt gemacht. Und Rechtsradikale jagten Ausländer relativ ungestört durch Hoyerswerda, Rostock und anderswo.

Interessant ist aber vor allem, was sich in 20 Jahren kaum oder gar nicht verändert hat. Zum Beispiel das Thema Naher Osten: Würde man nebenher bügeln und nicht genau hinhören, wären Signalwörter wie „Zwei-Staatenlösung", „Siedlungspolitik" oder „Friedensprozess" absolut gleich geblieben. Die Politiker sind andere, aber ansonsten könnte man eine Nachricht zu Israel und seinen arabischen Nachbarn heute fast Wortgleich verlesen. Jede Veränderung beginnt eben in den Köpfen. Wenn sich die Denkstrukturen nicht ändern, ist es egal, welche Leute gerade am Ruder sind. Wie es ausschaut, wird sich am jetzigen Status quo wohl auch in den nächsten beiden Jahrzehnten kaum etwas ändern.



Die Geschichte mit Israel mag vielleicht nicht überraschen. Vor kurzem jedoch stolperte ich in einer alten Tagesschau-Sendung über eine Meldung, die mich wirklich aufhorchen ließ. Miss Tagesschau Dagmar Berghoff verkündete: „Deutsche Industrie warnt vor Fachkräftemangel". Es wurde dabei ein Szenario aufgebaut, dass die deutsche Wirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch steht, wenn die Politik keine neuen Rahmenbedingungen schafft. Hatte ich die Meldung nicht schon mal gehört? Genau. Gerade letztens wurde verkündet, dass Deutschland unter einem Fachkräftemangel leidet und das die Politiker unheimlich schnell was machen müssen, um den Wohlstand in unserem Land zu erhalten. Zwei Meldungen, 20 Jahre dazwischen, die gleiche Botschaft: Ohne gut ausgebildete Fachkräfte gehen hier bald die Lichter aus. Da ist sie wieder: die gute alte German Angst.

Nüchtern kann man konstatieren: Es gibt Deutschland noch. Mehr noch: Es geht uns sogar ziemlich gut. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen sinken und wir exportieren wie die Weltmeister. Trotz scheinbar viel zu weniger Leute, mit entsprechender Ausbildung. Letztlich steckt hinter der Meldung eine ganz andere Botschaft: Hört nicht auf Panikmacher, lasst euch nicht von Lobbyverbänden irgendwelche Geschichten erzählen. Denn dafür ist das Leben einfach zu kompliziert. Wer kann schon sagen, ob und wie der Klimawandel wirklich zustande kommt. Den EURO-Rettungsschirm mit den Hebeln verstehen noch nicht einmal mehr viele Parlamentarier, die ihn durchwinken. Und wenn uns jemand erzählt, es gäbe Fachkräftemangel, dann müssen wir ihm das wohl notfalls glauben.

Schließlich ist es ganz normal, dass es für Unternehmen zu wenig Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Dies sind Experten. Regale im Discounter einräumen kann jeder, komplizierte Maschinenbauteile entwickeln und fertigstellen nur wenige. Sonst wären es ja keine Fachkräfte, sondern moderne Lohnsklaven des Zeitarbeitertums. Der Begriff „Fachkraft" trägt im Grunde den Mangel schon in sich. Also werden auch noch in vielen Jahren deutsche Firmen über den „Fachkräftemangel" sprechen. Unternehmen werden über die schlechte Bildung von Schülern und Studenten klagen. Während Vorstandsvorsitzende ständig neue Gefahren für den Standort Deutschland ausmachen.

Manche Nachrichten werden immer wieder auftauchen. Harmlose, wie die Tipps gegen den Silvester-Kater. Aber auch ernste: Als vor 3 Jahren Präsident Obama die Inaugurationsrede hielt, schaute ich mir am gleichen Tag die Ansprache von George Bush Sr. an. Von 1989. Er erzählte das gleiche wie Obama: Frieden, Chancen, Wachstum, Zusammenhalt. Was soll auch anderes gesagt werden? Bestimmte Aspekte unseres Zusammenlebens werden sowieso nie zufriedenstellend gelöst. Was gut ist. Denn Unzufriedenheit ist der Motor für Veränderung. Komisch nur, dass die Unzufriedenheit sich nicht ändert. Vielleicht herrscht wirklich ein Fachkräftemangel: an Motorenbauern. 


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aldo
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Mag ich Mag ich nicht

3

21.02.2012 - 19:05 Uhr
aldo

So schwer ist es nicht zu verstehen, weshalb die Industrie nach Fachkräften krakeelt. Da reicht es einfach das Prinzip von Angebot und Nachfrage zu verstehen. Je mehr Fachkräfte es gibt, desto besser können die Preise gedrückt werden und je günstiger die Arbeit desto höher der Gewinn des Betriebs. Dafür muss man nicht mal VWL studiert haben oder im Vorstand der DAX-Konzerne sein.

Darüber hinaus sollte man diesem Fachkräftemangel eh ein wenig skeptisch gegenüberstehen. Lobbyisten können hohe Wellen schlagen.

stehplatz
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0

21.02.2012 - 20:40 Uhr
stehplatz

aldo sagte:
Darüber hinaus sollte man diesem Fachkräftemangel eh ein wenig skeptisch gegenüberstehen. Lobbyisten können hohe Wellen schlagen.


...und scheinen an den entscheidenden hebeln zu sitzen, wenn man die arbeitsmarkt-politischen veränderungen der vergangenen 20 jahre betrachtet. das geschrei findet heute leichter gehör.

101
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21.02.2012 - 21:24 Uhr
101

Nun, zum Fachkräftemangel kann ich Dir sagen hier, im Süd-Westen, ist er real wie existent. Ok, in Spanien hat die Firma für die ich arbeite jetzt keine besonders großen Probleme - aber da hoffen wir doch für temporäre Zustände (volkswirtschaftlich).
Was sagte heute meine Kollegin? Für FK gelte in BW + RLP schon fast das Wort 'Vollbeschäftigung'. Und die Kollegin macht das durchwegs schon etwas länger.
Bam.

soylentyellow
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21.02.2012 - 21:55 Uhr
soylentyellow

Was ist denn eigentlich eine Fachkraft bitteschön?

Ein Facharbeiter? Ein Ingenieur? Immer mal wieder was anderes?

101
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21.02.2012 - 22:08 Uhr
101

soylentyellow sagte:
Was ist denn eigentlich eine Fachkraft bitteschön?

Ein Facharbeiter? Ein Ingenieur?


Eine Fachkraft ist allgemein eine Person, die eine gewerbliche, kaufmännische, technische oder sonstige Berufsausbildung erfolgreich absolviert hat. Personen mit akademischem Grad werden eher nicht als Fachkraft bezeichnet.

Melanchtron
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21.02.2012 - 22:13 Uhr
Melanchtron

FK?
BW?
RLP?

drolli
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1

22.02.2012 - 01:05 Uhr
drolli

stehplatz sagte:
aldo sagte:
Darüber hinaus sollte man diesem Fachkräftemangel eh ein wenig skeptisch gegenüberstehen. Lobbyisten können hohe Wellen schlagen.


...und scheinen an den entscheidenden hebeln zu sitzen, wenn man die arbeitsmarkt-politischen veränderungen der vergangenen 20 jahre betrachtet. das geschrei findet heute leichter gehör.


Das Geschrei entspricht der Wahrheit. Wenn ich mich in der Abteilung in der Firma fuer die ich gerade arbeite so umschaue, sehe ich folgendes: 3 SpanierInnen, die gerade promovieren und in Dt. bleiben wollen weil es zur Zeit zu Hause duster aussieht. 2 FranzosInnen, dito, Einen gebuertigen Italiener (Fuehrungskraft), eine Ukrainerin (Teamassistentin). Die Deutschen machen dort nur noch die Haelfte aus. Dt. kann den Bedarf an Fachkraeften schon lange nicht mehr aus eigener Ausbildung decken - wenn es in Suedeuropa wieder besser aussieht, haben wir ein Problem. Es geht auch nicht an dass jeder Depp der ein CAD system bedienen kann und Grundlagen des Maschbaues verstanden hat als kleiner Kaiser umworben werden muss.

Die F&E ist das Gebiet auf dem Dt. in Zukunft mit China konkurrieren wird. Und sollte Dt nicht auf den sinnvollen Weg, den es angefangen hat (Anpassung der Loehne nach unten, Oeffnung nach aussen), weitermachen, dann wird der Aufschwing recht dauerrhaft enden.

Montrose
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22.02.2012 - 08:01 Uhr
Montrose

Na toll, zwei Boomphasen mit großer Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vergleichen und daraus schließen, dass grundsätzlich und immer "Fachkräftemangel" getönt wird. Schön polemisch aber ein wenig kurz gesprungen, der Herr ...

apollyon
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22.02.2012 - 10:50 Uhr
apollyon

drolli sagte:
Das Geschrei entspricht der Wahrheit. Wenn ich mich in der Abteilung in der Firma fuer die ich gerade arbeite so umschaue, sehe ich folgendes: 3 SpanierInnen, die gerade promovieren und in Dt. bleiben wollen weil es zur Zeit zu Hause duster aussieht. 2 FranzosInnen, dito, Einen gebuertigen Italiener (Fuehrungskraft), eine Ukrainerin (Teamassistentin). Die Deutschen machen dort nur noch die Haelfte aus. Dt. kann den Bedarf an Fachkraeften schon lange nicht mehr aus eigener Ausbildung decken - wenn es in Suedeuropa wieder besser aussieht, haben wir ein Problem. Es geht auch nicht an dass jeder Depp der ein CAD system bedienen kann und Grundlagen des Maschbaues verstanden hat als kleiner Kaiser umworben werden muss.


War in meinem letzten Projekt genauso.
Etwa 5 Russen, daneben ein Inder, ein Engländer, ein Südafrikaner, etc.
Und...ist das schlimm?

Zwei mögliche Gründe, die abseits von "die Politik macht alles falsch" liegen:
1. Ausländische Fachkräfte sind billiger als Deutsche. Klar, weil sie in ihren Heimatländern weniger Berufschancen haben als hier.
2. Die Industrie bildet einfach nicht genügend Leute aus. Wenn man immer nur nach Leuten mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung schreit, ohne selbst unerfahrenen Leuten drei Jahre Berufserfahrung zu geben, darf man sich nicht wundern, wenn man niemanden findet.

Es liegt doch an der Industsrie selbst, Facharbeiter auszubilden.

KingPin
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Mag ich Mag ich nicht

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22.02.2012 - 12:01 Uhr
KingPin

Fachkräfte sind total überschätzt und ihr Mangel auch.

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