20.02.2012 - 18:30 Uhr

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"Wenigstens macht Dein Freund was Vernünftiges"

Text: friederike-vonhelden - Foto: froodmat-photocase.com

Es gibt Sätze, die möchte man einfach nicht mehr hören. Die Feststellung fremder Menschen, wer in der Beziehung das "vernünftigere" Studium betreibt, gehört definitiv dazu.

Schon wieder ist es passiert. Schon wieder dieser furchtbar demütigende Satz von meinem Gegenüber:  

„Na, da können Sie ja froh sein, dass wenigstens Ihr Freund was Vernünftiges macht“.

Es ist Freitagnachmittag und eigentlich wollte ich nur ganz entspannt mit der Bahn fahren. Die alte Dame auf dem Sitz gegenüber sah so herzzerreißend knautschig aus, ich konnte gar nicht anders, als mit ihr ins Gespräch kommen. Wir waren beide auf dem Weg nach Süddeutschland. Sie zu ihrer Schwester, ich zu meinem Freund. Soweit, so harmlos.
Wie in jedem standesgemäßen Smalltalk zwischen Bahnfahrern kam das Gespräch natürlich auch irgendwann auf mein Studium. Nicht, dass ich erwarten würde, dass mein Gegenüber bei der Erwähnung des Wortes „Geisteswissenschaften“ Freudentänze aufführt. Solche Ansprüche legte ich exponentiell zur Länge meines Studiums ab. Aber warum muss immer ein Klischeesatz folgen, wenn ich dann das Maschinenbaustudiums meines Freundes erwähne? Wirke ich so hilflos, dass mir fremde Menschen jemanden mit angsehenem Studienabschluss an die Seite wünschen? Und ist ein Maschinenbaustudium wirklich so viel vernünftiger als alles andere?
Ich denke nicht. 


Schön, dass jeder meint darüber urteilen zu dürfen, wer in der Beziehung das "Vernünftigere" studiert.

Mit dieser Ansicht bin ich argumentativ natürlich im Nachteil. Selbstverständlich finden Maschinenbauer einfacher einen Job als Literaturwissenschaftler. Auch die Berufsgarantie für Mediziner liegt um einiges höher als die einer Theologin. Aber mal abgesehen von der alten Leier, ob etwas „vernünftiger“ ist, nur weil man schnell eine gutbezahlte Stelle damit findet, stört mich an der Aussage der alten Dame noch etwas ganz anderes: Die Unterstellung, dass ich doch froh sein könne, mit jemandem zusammen zu sein, der mein „Exotenstudium“ eines Tages wieder ausbügeln wird.
Denn das ist es, was meinem Empfinden nach in ihrer Aussage mitschwingt: Notfalls wird mein Freund mich schon versorgen können, sollte ich es aus eigener Kraft nicht schaffen.
Die Tatsache, dass auch Geisteswissenschaften zielstrebig und mit Erfolg studiert werden können, wird dabei oft ausgeblendet.  

Wäre dies nun eine Einzelmeinung von alten Damen – geschenkt! Leider kann aber jeder aus meinem Freundeskreis, der in einer Geisteswissenschaftlerin-Techniker-Paarung lebt, derartige Anekdoten zum Besten geben. Egal ob beim Kuchenessen mit der Verwandtschaft oder auf einschlägigen Studentenpartys: Technische oder wirtschaftliche Studiengänge sind stets mit einem gewissen Renommee verbunden, alle anderen Fächer schmieren daneben in der öffentlichen Wahrnehmung ab. „Solche Absolventen werden derzeit nun mal gesucht“, wird dann oft argumentiert. Als ob das große Geld ein Garant für das große Glück und Spaß am Studium sei.  

Und gleichzeitig kommt bei diesen Gesprächen eben doch heraus, dass das Weltbild des männlichen Ernährers die Köpfe meines Umfeldes nicht loslässt. Dabei gibt es genügend gut verdienende Frauen, die ihre Männer mitfinanzieren, anstatt ihnen „den Rücken freizuhalten“, wie es so schön euphemistisch heißt. Diese scheinen aber derart exotisch zu sein, dass man ihnen nicht mal ein Vorurteil widmet. Zumindest habe ich noch nie von einer Maschinenbauerin gehört, die öffentlich dafür gelobt wurde, ihren Philosophen-Freund mitzufinanzieren. Schade eigentlich.

Der alten Dame im Zug konnte ich natürlich nicht böse sein. Ich versuchte ihr also mit behutsamen Worten zu erklären, dass ich es natürlich auch toll fände, wenn mehr Frauen etwas „Vernünftiges“ wie Maschinenbau studieren würden. Das meinte ich auch sehr ernst. Schließlich begann ich aber doch mich in Rage zu reden. „Mein Studium ist kein amüsantes Hobby für mich, das mich später zum Hausfrauen-Dasein mit Doktortitel befähigen soll“, erklärte ich feurig. Meinen Freund würde ja auch niemand gesellschaftlich zwingen wollen, sein Studienfach rein über Versorger-Qualitäten zu wählen.

Die alte Dame blickte mich nur irritiert durch ihre Brille an. Sie murmelte etwas von „aber Maschinenbauer werden doch nun mal gerade gesucht“. Meine Wut tat mir nun Leid, höchstwahrscheinlich war ich mittlerweile einfach zu empfindlich bei diesem Thema geworden und unterstellte jedem gutartigem Menschen mich hinter den Herd verbannen zu wollen. Ich ließ das Gespräch ausplätschern und schaute wieder aus dem Fenster.  

Eine Freundin von mir hatte übrigens vor kurzem das umgekehrte Erlebnis in der Bahn. Sie blätterte gerade in ihrem kommunikationswissenschaftlichen Buch, als eine alte Frau sich ihr gegenüber setzte und nach einer Zeit begeistert ausrief: „Oh sie studieren was mit Maschinenbau, oder?“ Sie hat dann einfach genickt. Und geschwiegen.


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Reihenlag
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Mag ich Mag ich nicht

0

22.02.2012 - 17:32 Uhr
Reihenlag

Hihi, spätestens wenn bei dir die biologische Uhr zu ticken anfängt, wirst du darum betteln, dich hinter den Herd verbannen lassen zu dürfen. Das ist meiner Beobachtung nach zumindest bei sehr vielen Frauen so. Zuerst reden sie was von Karriere und Erfolg, studieren eifrig, merken dann aber, dass sie das dringende Bedürfnis nach einem Kind haben und schmeißen den Beruf hin, weil sie für ihre Kinder da sein wollen. Karriere und Kind funktioniert in unserer Gesellschaft eben nur zu Lasten des Kindes. Und als Mutter hat man doch gewisse Skrupel, das Wohlergehen der Kinder für die Karriere zu opfern. Und nicht nur das. Viele Mütter haben ja auch das emotionale Bedürfnis, eine nahe Beziehung zu ihren Kindern zu führen, sie mehr als 1 Stunde am Tag zu sehen, usw. ...

Henriettesbimmelbahn
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Mag ich Mag ich nicht

-3

22.02.2012 - 19:07 Uhr
Henriettesbimmelbahn

Reihenlag sagte:
Hihi, spätestens wenn bei dir die biologische Uhr zu ticken anfängt, wirst du darum betteln, dich hinter den Herd verbannen lassen zu dürfen. Das ist meiner Beobachtung nach zumindest bei sehr vielen Frauen so. Zuerst reden sie was von Karriere und Erfolg, studieren eifrig, merken dann aber, dass sie das dringende Bedürfnis nach einem Kind haben und schmeißen den Beruf hin, weil sie für ihre Kinder da sein wollen. Karriere und Kind funktioniert in unserer Gesellschaft eben nur zu Lasten des Kindes. Und als Mutter hat man doch gewisse Skrupel, das Wohlergehen der Kinder für die Karriere zu opfern. Und nicht nur das. Viele Mütter haben ja auch das emotionale Bedürfnis, eine nahe Beziehung zu ihren Kindern zu führen, sie mehr als 1 Stunde am Tag zu sehen, usw. ...

Fick Dich

Reihenlag
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Mag ich Mag ich nicht

3

22.02.2012 - 23:24 Uhr
Reihenlag

Henriettesbimmelbahn sagte:
Fick Dich


Warum bist du denn gleich so gereizt und verletzt? Ich habe nur über meine eigenen Erfahrungen und den Zustand der Gesellschaft gesprochen. Ich habe nicht gesagt, das ich mich darüber freue. Tue ich auch nicht. Ich finde es nur lustig, mit welcher Naivität die Autorin hier schreibt ...

Henriettesbimmelbahn
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Mag ich Mag ich nicht

-2

23.02.2012 - 13:00 Uhr
Henriettesbimmelbahn

Reihenlag sagte:
Henriettesbimmelbahn sagte:
Fick Dich


Warum bist du denn gleich so gereizt und verletzt? Ich habe nur über meine eigenen Erfahrungen und den Zustand der Gesellschaft gesprochen. Ich habe nicht gesagt, das ich mich darüber freue. Tue ich auch nicht. Ich finde es nur lustig, mit welcher Naivität die Autorin hier schreibt ...

Entschuldige den Tonfall, aber anzunehmen, dass jede Frau irgendwann "darum bettelt, sich hinter den Herd verbannen zu lassen" oder Dir das Klo zu putzen, und die haltlose Behauptung, dass dies genetisch bedingt sei, weil Du ein paar Tanten kennst, die das so sehen, ist ausgesprochen sexistisch.

Reihenlag
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Mag ich Mag ich nicht

2

23.02.2012 - 20:26 Uhr
Reihenlag

Henriettesbimmelbahn sagte:
Reihenlag sagte:
Henriettesbimmelbahn sagte:
Fick Dich


Warum bist du denn gleich so gereizt und verletzt? Ich habe nur über meine eigenen Erfahrungen und den Zustand der Gesellschaft gesprochen. Ich habe nicht gesagt, das ich mich darüber freue. Tue ich auch nicht. Ich finde es nur lustig, mit welcher Naivität die Autorin hier schreibt ...

Entschuldige den Tonfall, aber anzunehmen, dass jede Frau irgendwann "darum bettelt, sich hinter den Herd verbannen zu lassen" oder Dir das Klo zu putzen, und die haltlose Behauptung, dass dies genetisch bedingt sei, weil Du ein paar Tanten kennst, die das so sehen, ist ausgesprochen sexistisch.


Du unterstellst mir eine ganze Menge böser Dinge. Ich möchte z.B. nicht, dass mir irgendjemand das Klo putzt. Und ich habe auch nicht von *allen* Frauen gesprochen. Also bitte nicht so forsch. Zu den Sachfragen: Es gibt nun mal die weit verbreitete medizinische Erkenntnis, dass bei Frauen irgendwann vermehrt Hormone ausgeschüttet werden, die dazu führen, dass sie sich ganz dolle Kinder wünschen (von Frau zu Frau gibt es da aber natürlich individuelle Unterschiede!). Und ich sehe diese Erkenntnis in meinem Bekanntenkreis bestätigt. Dass sich Kinder und Job in unserer Gesellschaft nur schwer unter einen Hut bekommen lassen, das ist doch nicht meine Schuld. Und dass Frauen die Beziehung zu ihren Kindern in der Regel wichtiger ist als den Männern, dafür kann ich doch auch nichts.

StaticBool
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Mag ich Mag ich nicht

1

05.03.2012 - 10:54 Uhr
StaticBool

mizgiiWürde ich auch meinen! Und dann hätte ich doch noch eine klitzekleine Frage: seit wann gilt eigentlich ein durchschnittliches, geisteswissenschaftliches Studium (und nein, ich spreche jetzt nicht von den abstruseren Orchideenfächern...) als Exotenstudium?


Germanistik ist jetzt kein Exotenstudium, auch Philosophie eigentlich nicht. Aber wenn man nicht gerade auf Lehramt studiert, sind die Karrierepfade eben nicht sofort ersichtlich, diplomatischst formuliert.

Und ich habe, im Informatikstudium noch viel mehr als bei der Philosophie, festgestellt, dass Menschen als "Exoten", "Freaks" oder "abgehoben" gelten, wenn sie tiefer in die Materie eintauchen (wollen), als es für den Abschluss oder den Beruf notwendig wäre.

Wenn man heute in einer Arbeitsgruppe zusammen sitzt und etwa über Probleme nachdenkt wie die Turing-Maschine, nennen die Kommilitonen das "akademisch". Und auf den Hinweis, man sei an einer "Akademie", wird nur doof gelacht.

Diese Tendenz hat sich mit Einführung von Bologna noch drastisch verschlimmert.

Ehrgeizige Ersties planen ihr Studium voll durch, wissen schon genau, wann sie sich mit wessen Hilfe bei welcher Stelle bewerben, um noch jenes Stipendium und dieses Auslandssemester "reinquetschen" zu können.

Diese Art der Planung wird massiv belohnt und unterstützt, so dass die "Alan Turings" gar keine Zeit mehr haben, auf geniale Ideen zu kommen.

Geisteswissenschaften sind in diesem Feld sowieso unter Generalverdacht, insgesamt akademisch zu sein und werden sofort auf ihren Nutzen-Index reduziert.

Eine Mitstudentin meinte über mein Philostudium einmal, das sei "ja bestimmt auch hilfreich bei strategischen Überlegungen im Unternehmen uns so.".

Ja, und so...

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