Buddha has left the building
Vor ein paar halben Jahren, im Sommer. Buddha und ich in zivilisierter Wildnis. Es ist nicht leicht zu überleben, aber ein paar Tage lang immerhin auch nicht ganz unmöglich. Jedes Mal, wenn ich beinahe am Brot ersticke, wünsche ich mir, ich könnte diese Zivilisationskrankheit hinter mir lassen. Ernährung. Luxusprobleme.Am kalten Lagerfeuer grillen wir in der Abendsonne. Das Nötigste, das einzig Mögliche. Um nicht zu verhungern, erzählen wir uns drei Dramen vom Grill.
Das erste handelt von einem ungeduldigen Großvater, der den Fehler mit der Spiritusflasche begeht. Ein Viertel seiner Haut wird später verpflanzt und im künstlichen Koma träumt er vom Vergessenwerden. Bei dem Gedanken kommen mir seine Tränen. Wer schlafen kann, ist noch nicht tot, das darf man nicht vergessen.
Das zweite ist von Heinrich von Kleist und endet auf Ach. Unser liebstes Ende von allen, aber das Feuer und die Glut sind bloß metaphorisch. In unserer Inszenierung verführt Jupiter Alkmene in der Waschküche, dabei könnte jederzeit einer der anderen Urlauber hereinkommen. Oder heimlich durch das Fenster spähen. Bis ihr Mann zurückkehrt, ist das Grillbesteck noch immer schmutzig, und wird es vielleicht ewig bleiben. Als wir später in die Sterne schauen, halten wir es für sehr wahrscheinlich. Da ist gar kein Platz für Ordnung.
Das dritte Märchen lassen wir uns erzählen, als wir schon fast schlafen. Es handelt von vier oder fünf Mädchen, die gerne heiraten oder sich dabei begleiten. Die eine war letztens wieder ausgegangen, man verlernt den Alkoholkonsum ja so schnell. Auch das Spaßhaben zu lauter Musik. Der Freund war nicht mal wach geworden und hatte auch am Morgen nicht aus Mitleid einen Kater. Ein Drama in vier oder fünf Akten, beim Aufwachen hatte ich vergessen noch mal nachzuzählen. Ich möchte mir kein Urteil bilden, dazu habe ich kein Recht. Aber auch wenn ich schon eingeschlafen war, bevor der letzte Vorhang fiel, halte ich ein vier- bis fünffaches Ach für wahrscheinlicher als ein glückliches Bisansendeihrertage. Wir hatten unfassbares Glück, dort in der Wildnis. Der Sommer war eigentlich schon gar nicht mehr da, aber für Buddha und mich schien noch ein Mal durchgängig die Sonne. Ich glaube, das Ach ist ein großer Bestandteil unseres Lebens, auch im Sommer. Und im Winter wärmt es vielleicht sogar ein bisschen. Wenn man rechtzeitig seinen Frieden gemacht hat.
Vor einem halben Jahr, im Sommer. Buddha has left the building. Ich bin ihr für ein paar Tage noch hinterher. Als wir dann zur Übung durch den norddeutschen Regenwald wandern, sagt sie, dass sie es einfach noch mal versuchen muss. So lange es noch geht. Bis ans Ziel oder an die Grenzen. Auch Zeitdruck ist eine Zivilisationskrankheit, denke ich, und wir laufen tiefer in den Wald, bis der Regen uns komplett durchdrungen hat. Wir hatten uns nie etwas versprochen. Und doch waren wir uns immer sicher, dass wir uns nie um einen Jungen streiten müssen. Es ist wahr, wir haben uns nie gestritten, aber auch wenn es eigentlich von vornherein ohne Sinn und Hoffnung war, hatten wir es doch irgendwie geschafft, einen unglücklich verliebten Keil zwischen die Pfeiler unserer Freundschaft zu treiben. Und man verliebt sich wahrscheinlich nie in eine Person, sondern in die Situation, die sie scheinbar umgibt. Aber über drei Monate lang ist dann doch deutlich geworden, dass der Sommer kaum ein Sommer war und die Situation ebensowenig wahr. Es ist beinahe Winter, als Buddha wieder da ist. Und ich habe endlich wieder von ganzem Herzen vermisst. Weil ich es ihr nie versprechen musste.
Es ist Winter, aber das Eis schmilzt schon wieder, bevor wir uns hinaufgetraut haben. Es geht nicht um den Kontrollverlust und die vorsichtigen Schritte, zu denen wir gezwungen wären. Ich erinnere mich, wie die Oberfläche damals schon nach wenigen Tagen von all den Kufen mit ausgewogener Unregelmäßigkeit zerfurcht war, und bilde mir ein, dass die Unebenheiten uns sicher Halt bieten. Aber das ist nicht wichtig. Wer über Wasser geht, verändert seine Perspektive, und irgendwie möchte ich nach all den Jahren von dort aus wieder einen ersten Blick auf die Gegend meiner Kindheit werfen. Weil ich mir sicher bin, dass es alles inzwischen unheimlich fremd ist. Falls ich aber durch die Straßen gehe, erwarte ich sicher eine Vertrautheit, die es so nie gegeben hat. Vielleicht ist auch Sesshaftigkeit eine Zivilisationskrankheit. Denn Zuhause ist kein Ort.
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15.02.2012 - 15:24 Uhr
gaen
(sesshaftigkeit ist etwas das auf zugsitzen stattfinden sollte.)