1 275 000 Unterhosen
...oder die kleine Geschichte eines russischen ValentinstagsSein Name ist kein besonderer, ein allerwelts Name sagen manche, ein Max Mustermann. Er ging verloren, irgendwo zwischen Kiew und Samara, vor den Schuhen und nach dem Geschirr das er aus alten Konservendosen formte.
Er spürte den Atem eines anderen auf seiner Schulter und was er zuerst als beruhigend empfand schien ihm jetzt unerträglich zu sein, der Atem von mindestens 40 anderen Max Mustermännern auf ihm. Und selbst der Atem schien kälter zu werden je länger der Zug Richtung Osten fuhr. Weiter. Und weiter. Und weiter. Ein viermonatiger Aufenthalt in der Vorhölle.
Er versuchte sich an die Nächte unter offenem Himmel zu erinnern, an den Wind und das Gefühl von taunassem Gras unter den Fingern, aber da war nichts außer zuckenden Blitzen, dem Geräusch von sich näherndem Gefechtsfeuer und dem Geruch von verbrannter Erde den er in todesangst auf den Boden gepresst liegend einsog.
Er traute sich nicht an Martha zu denken, weil er sich vor dem fürchtete durch was er sie in seiner Erinnerung ersetzt hatte.
Ihr Name ist Nadeschda, denn sie war die Hoffnung. Die Hoffnung, wenn sie in den Armen ihrer Mutter lag während die Tränen trockneten, die Hoffnung die mit ihrer großen Schwester am Fluss kleine Fische fing um sie dann an anderer Stelle wieder frei zu lassen, liebevoll, in einer fast feierlichen Zeremonie als hätten sie die Fische aus langer Gefangenschaft befreit, die Hoffnung, der ihr Vater sanft eine Hand auf die winzige Kinderschulter legt, die Hoffnung der alten Nachbarin für die sie die Einkäufe besorgte, die Hoffnung ihres ersten Freundes, der sie Nachts küsste, als die Dunkelheit mehr Schutz bot als die spärlichen Birken hinter denen sie sich versteckten und jetzt die Hoffnung Andrejs wenn sein Atem über ihr schneller wird.
Andrej liebt Nadeschda, Nadeschda liebt besonders ihren Lippenstift, sie findet mit Lippenstift sieht sie aus wie Mae Murray, die Schauspielerin aus dem Kino und Mae Murray liebte es ihre Donuts in Kaffe zu tunken.
Andrej weiß, Nadeschda ist keine Frau die man mit einer neuen Kochschürze glücklich machen kann, denn sie will mindestens einen Pelz, am besten einen den eine amerikanische Schauspielerin getragen hat, denn Nadeschda liebt alles was amerikanisch ist, Andrej weiß das. Andrej weiß, dass er Glück hat mit Nadeschda und wenn er wieder länger arbeiten musste, spät nach Hause kommt und noch Licht hinter den Vorhängen brennen sieht, dann fürchtet er sich einen Moment lang davor, dass jemand anders bei ihr sein könnte, jemand der ihr einen Pelzmantel schenken könnte. Er würde dann versuchen müssen den Kerl umzubringen und er ist sich sicher Fjodor könnte das oder Timur, aber er? Aber Nadeschda ist alleine, sie blättert in Zeitschriften und dann zeigt sie ihm die Bilder von Mae Murray und ihrem Lippenstift und sagt wie sehr sie sich so einen wünsche und Andrej sagt „Bald. Sehr bald.“ und hofft dieses bald noch etwas verschieben zu können, denn Nadeschda ist seine Hoffnung nicht nur, wenn sein Atem über ihr schneller wird.
Max Mustermann friert. Draußen sind es Minus 35 Grad, aber drinnen in der Erdbaracke, hält er es nicht mehr aus. Er hält nicht mehr das Gefühl aus, dass die Holzbalken eines Tages durchbrechen und ihn lebendig begraben werden, nicht das Gefühl, dass das eigentlich alle hoffen und nichtmal versuchen würden ihn und die 150 anderen Männer zu retten. Vielleicht würden sie ein Kreuz aufstellen, vielleicht auch nicht. Er hält es nicht mehr aus wie die Männer jeden morgen die wenige Zeit die ihnen bleibt darauf verwenden ihre spärliche Kleidung von Ungeziefer zu säubern. Er hält die Fischsuppe nicht mehr aus, die drei mal pro Woche serviert wird, deren fauliger Geruch durch die Baracken zieht und nicht die Nächte in denen er aufwacht und er die Wärme eines anderen Menschen neben sich spürt, wie er kurz denkt es sei wieder der Frühling vor zwei Jahren und Martha läge neben ihm und dann ist es doch nur ein ander Max Mustermann mit dem er sich die Holzpritsche teilt und dessen Füße die seinen im Schlaf berühren. Diese Momente erträgt er am allerwenigsten.
Andrej friert, er ärgert sich darüber bei Minus 35 Grad draußen arbeiten zu müssen. Andrej mag seine Arbeit, er mag es drinnen im warmen zu sitzen, vor ihm ein Stapel Briefe und Pakete aus Orten deren Namen in seinen Ohren fremd klingen, adressiert an Namen die in seinen Ohren immer noch wie Feinde klingen. Die Briefe öffnet er nicht, aber in die Pakete schuat er rein bevor er sie abgibt, immer wieder hofft er etwas wertvolles oder schönes darin zu finden dass er Nadeschda schenken könnte, eine Schachtel teure Pralinen zum Beispiel oder ein Stück Pelz. Aber immer wieder stellt er enttäuscht fest, dass Männer keine Pralinen essen oder sich mit einem hübschen Stück Pelz kleiden und erst Recht keinen Lippenstift brauchen, wie Mae Murray ihn trägt.
Heute friert Andrej, denn die Anzahl von Paketen die heute angekommen ist kann er unmöglich in seinem kleinen Büro bearbeiten, er kann sie nicht einmal öffnen und vergeblich nach nützlichen Dingen suchen, denn die Männer halten zwar einen Sicherheitsabstand zu ihm und vor allen Dingen zu Fjodor und Timur die fluchend und spuckend ein Paket nach dem anderen von dem Laster laden, aber sie beobachten sie.
Es ist der 14. Februar, es ist Valentinstag, das weiß Andrej weil Nadeschda es ihm gesagt hatte und sie erklärte ihm das man seiner Liebsten an diesem Tag ein besonderes Geschenk als Beweis seiner Liebe machen müsse, so mache man das in Amerika. Sie versuchte das beiläufig zu sagen, als läge sie keinen besonderen Wert auf diesen Tag, aber Andrej wusste, das Nadeschda alles liebte was aus Amerika kam und vielleicht auch ein bischen ihn selbst. Am meisten jedoch liebte Nadeschda den Lippenstift von Mae Murray und er, Andrej wusste das einzige Geschenk, was in ihren Augen seine Liebe beweisen würde wäre dieser Lippenstift. Er spürt die Anwesenheit all der Männer die seiner Frau Lippenstifte in allen Farben des Regenbogens kaufen könnten heute besonders schwer.
Es ist der 14. Februar und anstatt seiner Frau ihren Herzenswunsch zu erfüllen muss er bei 35 Grad unter Null die deutschen Liebesgaben an die Gefangenen verteilen.
Wahllos öffnete er eines der vor ihm liegenden Pakete, was schickt ihr euren Liebsten zum Valentinstag? Guten Tabak? Ein neues Buch? Aber Andrej zog weder das eine, noch das andere aus dem Paket. Erst als er eines der Stoffbündel herausnahm und auseinander wickelte wurde ihm klar, was die Deutschen ihren Liebsten zum Valentinstag schickten: Unterhosen. Lange, wollene Unterhosen gegen die Kälte. Eine ganz Ladung voll mit wollenen Unterhosen.
In diesem Moment weiß er, dass selbst der Lippenstift Nadeschda nur für kurze Zeit glücklich machen würde, dass er danach etwas neues brauchen würde, womöglich etwas kostbareres, teureres, einen Pelz oder einen Ring. In dem Moment in dem er Max Mustermann seine erste warme Unterhose seit langem ausgibt stirbt die Illusion und mit ihr stirbt die Hoffnung.
Irgendwo 3000 Kilometer entfernt öffnet jemand einen Briefkasten. Ihr Haar hat sie zurückgebunden, sie trägt ihre Lieblingsbluse die sie schon an einigen Stellen flicken musste, aber in der sie noch immer umwerfend aussieht. Fritz sagt er kauft ihr eine neue, wenn sie will. Sie könnten ins große Kaufhaus fahren, jetzt gleich wenn sie will, sagte er oft. Aber sie will nicht, noch nicht. Noch warte ich sagt Martha zu sich selbst, jeden Tag wenn sie einen leeren Briefkasten vorfindet, eines Tages wird ein Brief darin liegen, einer in dem steht, dass es ihm gut geht, dass die Läuse und das Ungeziefer ihm ziemlich zusetzen, aber dass es ihm gut geht und dass er nach Hause kommen wird, bald, sehr bald.
Irgendwo 3000 Kilometer entfernt öffnet jemand einen Briefkasten, ein kleines Päckchen liegt darin, eingewickelt in buntes Papier ein Lippenstift, einer wie ihn diese amerikanische Schauspielerin benutzt, deren Namen sie vergessen hat, dazu ein Zettel auf dem nur ein Name steht. Fritz. Marthas Wangen werden rot und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, Martha hat sich schon lange nicht mehr gefreut, bald wird der Tag kommen an dem der erste Weg morgens sie nicht mehr zu ihrem Briefkasten führt, sehr bald.
„Vom Oktober 1915 bis März 1918 wurden nach und nach 41 Eisenbahnzüge mit 1016 Güterwagen voll Liebesgaben laut Beilage Nr. 1 verteilt. Es kamen hierzu aus Deutschland und Österreich Ungarn: 506 000 vollständige Uniformen, 196 500 paar Schuhe, 350 000 Decken, 105 000 Pakete und 1 275 000 Stücke Unterwäsche.“ (Elsa Brändström, unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914/1920, S. 238)
(oder wie ich beim sichten von Sekundärliteratur auf eine russische Liebesgeschichte stieß)
- 26.05.2012, nachtrag vor 5 Std.
- 26.05.2012 vor 5 Std.
- 25.05.2012 vor 6 Std.
- 24.05.2012 - rückwärts erzählt 24.05.2012
- Wochenschau 24.05.2012
DoktorGarchingHydrogeniiMoessbauerensis sagte:
und was sagt Dir diese Geschichte zur Liebe? Was hat sie mit Dir ganz persönlich zu tun??
Lieber Doktor!
Ich schätze ihr kontinuierliches Lesen sehr, aber ich fürchte an diesem Punkt muss ich Sie enttäuschen, diese Frage ist mir etwas zu persönlich.
Darf ich trotzdem versuchen mich zu erklären?
Wenn ich eine Geschichte schreibe (und ich denke den Unterschied zu "wirklichen" Tagebucheinträgen erkennt man schon), dann bezwecke ich damit nicht irgendeine Ideologie zu vermitteln oder am Ende mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen und "Und die Moral von der Geschicht'..." zu rufen, genauso wenig wie ich darüber nachdenke ob an dieser oder jener Stelle nicht noch eine Metapher fehlt oder ob eine Alliteration einen Sachverhalt nicht verdeutlichen würde.
Ich saß schlicht und ergreifend in der Bibliothek, blätterte in Büchern, las den Satz über die Unterhosen und plötzlich war da diese Geschichte in meinem Kopf - ich musste sie dann nur noch rauslassen.
Es lohnt sich also kaum nach irgendeinem "Sinn" oder einer "Moral" in dieser Geschichte zu suchen, wenn Sie trotzdem einen finden dürfen Sie ihn sammeln, behalten und wenn sie wollen sogar mir mitteilen, nur selber möchte ich mich diesbezüglich nicht festlegen. ;)
Ich hoffe das war eine zumindest ein wenig zufriedenstellende Antwort.
Beste Grüße, fuckartletsdance
besten Dank. So viele Worte hatte ich gar nicht erwartet. Aber, sehr erkenntnisfördernd!








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15.02.2012 - 04:18 Uhr
DoktorGarchingHydroge…