14.02.2012 - 21:06 Uhr

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Schwarmfühlen

Text: m_andrasch



Ich hätte es besser wissen sollen.
Nein, ich hätte es besser wissen müssen.

Es ist Freitagnachmittag und morgen soll sie stattfinden: die große ACTA-Demo. Sogar hier in Magdeburg. Eine Stadt, die jetzt nicht unbedingt als Hochburg des Netzaktivismus bekannt ist, aber zumindest medienbezogene Studiengänge anbietet.

ACTA also. Klingt an sich nicht so böse. Nur ab dem Zusatz “Antipiraterie-Abkommen” stellen sich schon mal intuitiv die Nackenhaare auf. Als netzaffiner Mensch hat man gelernt, das solche Formulierungen meist nichts Gutes zu bedeuten haben. 
Also habe ich mich informiert. Oder besser gesagt: Ich habe mir das Informationsvideo von Anonymous auf Youtube angeschaut. ACTA - So böse, so einfach. Wie gesagt, es ist Freitag und ich lade schon mal meine mehr oder minder netzaktivistischen Freunde ein, um Plakate zu basteln. Ich forme schon in meinem Kopf den kreativen Demospruch “Acta ad acta!”, als mein WG-Mitbewohner mich auf ein weiteres Video aufmerksam macht: “Was ist ACTA nicht? - Eine kritische Betrachtung des Infovideos”

Meine innere Komplexitäts-Warnleuchte springt an. “Hat Daniel vorhin gepostet” sagt er. Instinktiv möchte ich “Spielverdeeeerbeeerr!!!1” brüllen, setze mich jedoch neben ihn. In meinem Kopf lege ich schon Abwehrargumente bereit: “Wehe, das versaut mir jetzt wieder alles. Bestimmt irgendein Troll oder Lobbyist”. Nach der Betrachtung des Videos und dem Einwurf, dass das Kritik-Video ja lediglich auf Deutschland eingeht, habe ich trotzdem eine klassiche Patt-Situation. Wem soll ich jetzt mehr Glauben schenken? Der anonymen Netzaktivistengruppe? Oder dem Ersteller des kritischen Videos - chatelebe, der seit dem 03.02.2012 MItglied bei Youtube ist und sonst keinerlei Hinweise auf seine Identität gibt? Es steht Aussage gegen Aussage. Nichts gegen Anonymität, aber bei öffentlichen Themen stärkt das nicht immer unbedingt das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt der Informationen.

Markus Beckedahl (u.a. netzpolitik.org) hilft mir mit seinem Interview im ARD-Nachtmagazin erstmal grundlegend weiter, aber umfassende oder detaillierte Infos kann auch er mir nicht liefern. Wie auch innerhalb der kurzen Interviewzeit. Zumindest ist schon mal einer dagegen, der persönlich Stellung bezieht. Das reicht mir leider noch nicht. “Da muss ich mich wohl noch mal informieren” - also wieder zurück in mein privates Galileo Mystery Labor.

Nach dem Durchforsten einiger Blogpostings und Zusammenfassungen wird klar, dass die Beschreibung der Demo wohl eher lauten sollte:

Für Deutschland stellt ACTA jetzt keine direkte Gefahr dar, da die meisten Abkommensinhalte in Deutschland rechtlich schon umgesetzt sind, jedoch lehnen viele Blogger und Rechts/Urheberrechts-Blogger ACTA aus Prinzip ab, da es Tendenzen zeigt, dass Urheberrechtsgesetzte eher ‘zementiert’ werden und somit ein Weg in die falsche Richtung eingeschlagen wird für die gesamte digitale Welt. Deshalb sind wir gegen ACTA. Wirklich sicher ist bezüglich ACTA allerdings nicht vieles, deshalb sollte sich jeder selber noch mal seine Meinung bilden. Generell geht es darum, die Urheberrechtsdebatte bezüglich digitaler Medien in den Fokus zu rücken und zu diskutieren.

Auf der Demo am Samstag klingt das dann wie folgt: “Immer das selbe, ACTA in die Elbe.” Weitere Erläuterungen oder eine Vertiefung des Themas seitens der Demo-Organisation bleiben leider aus. Einfach gegen ACTA sein ist wahrscheinlich bei den Temperaturen vorteilsbringender, wobei ich natürlich keinem Teilnehmer / keiner Teilnehmerin Unwissenheit oder fehlende Sachkenntnis vorwerfen möchte.

Wieder zuhause angekommen verfluche ich die Komplexität und frage mich, warum ich nicht einfach mal gegen oder für etwas sein kann ohne spielverderberisch differenzieren zu müssen. So böse es klingt - ein Beitrag bei “titel thesen temperamente” am Sonntag lässt mich wieder hoffen: Es geht um das brutale Vorgehen des Assad-Regimes gegen Oppositionelle in Syrien. Endlich etwas wogegen man mal wirklich sein kann. Zögerlich stelle ich auf Facebook die Frage “ob für bundesweite Demos gegen das Assad-Regime und für mehr Druck durch die deutsche Außenpolitik sich genau so viel Menschen wie bei ACTA blicken lassen würden?” und poste den Link zum ttt-Beitrag

Innerhalb weniger Minuten bremst mich eine Freundin aus, die sich mit der Thematik Syrien näher beschäftigt. Ihrer Meinung nach läuft die Berichterstattung ziemlich eindimensional und beschränkt ab. Letztendlich schickt sie mir noch zwei Artikel, die geeignet wären, um eine Idee von den Verhältnissen in Syrien zu bekommen. Und wieder denke ich mir: “Verfluchte Komplexität!”.

Als sie später vom menschlichen Schwarmfühlen spricht, welches der Schwarmintelligenz im Netz bisweilen wohl im Weg steht, muss ich wieder an das Anonymous-Video denken. Dieses taucht weiter fröhlich in den Timelines verschiedener Freunde bei Facebook auf - ohne hinterfragt zu werden.
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ericzim
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Mag ich Mag ich nicht

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15.02.2012 - 01:39 Uhr
ericzim

Du sprichst mir aus der Seele...

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m_andrasch

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