Neulich Sonntagabend
Manchmal da ist es nicht gut, alte Briefe zu lesen, Nachrichten im elektronischen Postkasten nicht gelöscht zu haben, aber trotzdem soll die gute Erinnerung doch noch weiterbestehen, damit man sich am Ende nicht eingestehen muss, dass es nur eine Einbildung war. Fleur stockt und lässt den Stift fallen. – Das hört sich alles so pathetisch an und eigentlich weiß sie genau, was jetzt kommt. Sie hält sich die Hände schützend vors Gesicht und versucht an etwas anderes zu denken. – In der Küche pfeift Paul zu einem Lied im Radio während er die Karotten in kleine Würfel schneidet. – Eigentlich dürfte sie in diesem Moment gar nicht in ihrem Postfach in die besagten Ordner blicken, sie hat Paul gesagt, dass sie noch eine wichtige Mail an ihren Professor verschicken muss und das heute, am Sonntagabend, noch erledigen möchte, damit sie besser in die neue Woche starten kann, Paul hat sie angelächelt und gemeint, dann mal los, du am PC und ich in der Küche. Fleur war verwundert, sie hatte eher damit gerechnet, dass er die Augenbrauen zu einer geraden Linie nach oben ziehen würde und in seinen nicht vorhanden Bart murmeln würde, dass das doch auch bis morgen Zeit hätte, überhaupt ist Paul zur Zeit so entspannt und so zufrieden und vor allem so sicher in all seinen Entscheidungen. Fleur schreckt auf, Paul ruft aus der Küche, er will wissen, wo der Knoblauch liegt, schnell klickt sie eine alte Mail von Franz weg. Sie wollte doch alle löschen. Als sie nicht sofort antwortet, steht Paul hinter ihr und lacht laut – hey nicht schlafen, wenn ich das weltbeste Gericht zubereite. Sie versucht ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen und senkt ihren Blick auf ihren Bauch, als Bestätigung dafür dass sie hungrig ist. Vielleicht liegt es an der Melancholie der Sonntage und um sich nicht weiter in Versuchung zu führen, meldet sie sich schnell von ihrem Postfach ab und beschließt morgen einfach bei ihrem Professor vorbeizusehen, dann kann sie sich komplizierte Formulierungen sparen und meistens freut er sich, wenn sie aus der Bücherhöhle, wie er immer die Bibliothek bezeichnet, blicken lässt. In der Küche dampft es aus gleich vier Töpfen, aus einem spritzt es rot und Fleur fragt Paul, was sie noch tun kann, er meint nichts, setz dich einfach, irgendwie ist sie über diese Anweisung sehr froh und lässt sich schlaff auf einen Stuhl, der ihr am nächsten steht, fallen. Das Essen schmeckt gut, Paul hat sich wie immer selbst übertroffen, obwohl die Erinnerung an Franz Fleur auf den Magen geschlagen war, hat sie die Nudeln mit Gemüse in einem Tempo verschlungen, dass selbst Paul sie verständnislos anblickt.







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24.04.2012 - 23:20 Uhr
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