13.02.2012 - 12:33 Uhr

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Ein Ich - ein Strich

Text: josiflosi

Als ich mit dem Pferd davon ritt, wusste ich noch immer nicht, woher der Wille kam. Und ob es ein Land gab, aus dem er stammte? Ein Wunsch-Land gar? Und wie wohl dieses Land aussehen würde? Ob es rot wäre? Und warum man immer wieder denkt, Wünsche seien rot?
„Also“, fragte ich in den Wind hinein. „Gibt es jetzt ein Land, wo der Wille wohnt oder nicht?“
Doch der Wind gähnte nur. Ich sei ein Strich. Nichts weiter als ein blutleerer Strich. Und ein Strich stelle solche Fragen nicht.

Also ritt ich weiter. Das Haus, zu dem ich fand, gehörte zu jenen, die den Freitod organisierten. Das Personal war auf Wünsche jeder Art spezialisiert. Auf Vanillepudding und zarte Haut, auf leere Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, Glück im Allgemeinen. Keine Schallplatte, die sich an diesem Ort nicht findet, keine Erinnerung, die nicht aus irgendeiner Schublade hervorgekramt werden könnte. Ja, es war alles da, in diesem Haus, einfach alles. Und ich überlegte lang, was ich mir wünschte. Wenn ich jetzt sterben würde, was wichtig wäre. Fand nichts und ritt weiter.

Da traf ich auf eine Kutsche. Eine Dame saß darin, behutsam verborgen hinter dicken, schwarzen Vorhängen. Ich aber konnte sie trotzdem sehen. Denn ihr Gesicht war in den Vorhängen verwoben. Und wenn es lachte, dann lachten die Vorhänge. Meistens aber lachten sie nicht, sondern fragten so Dinge wie: „Warum musste der Hund sterben? Warum die Tante nicht? Warum sterben immer die, die man am meisten liebt?“
Von der Liebe verstand ich nichts. Ich wusste nur, sie war rot wie der Wille. Und rot war nicht gut bei zu hohem Blutdruck, nicht ratsam bei nervösen Störungen. Rot rege die Herztätigkeit an. Vielleicht ist deshalb der Hund gestorben?

Kurz darauf passierte ich einen Tabernakel, der einfach so am Wegrand stand. Jemand hatte dort seine Eingeweide niedergelegt, daneben ein Hinweisschild, auf dem geschrieben stand: "Bitte liegen lassen. Wird später abgeholt. Danke."
Und endlich ritt ich über eine Brücke, wo Kinder sich gegenseitig an den Haaren zogen, und eines der Kinder zerrte so stark an einem Büschel, dass es sich löste. Es lachte, als es sah, dass darunter nichts war. Kein Kind. Keine Welt, die zerstört werden konnte.

Ich wünschte, dass ich. Ich weiß nicht, was mich zu diesem Gefühl bewog. Dass ich einen Knoten in die Gegenwart machen könnte. Eine Windung, auf der sich weiterreiten ließ, einen Schnörkel, einen Umweg. Aber. Ich sah ein, ich war ein blutleerer Strich. Und ein Strich tut so etwas nicht.



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3 Kommentare

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flaschenbaum
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2012 - 12:25 Uhr
flaschenbaum

Hoffentlich wurden die Eingeweide dann auch abgeholt.

josiflosi
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2012 - 12:36 Uhr
josiflosi

In unserem Hausflur jedenfalls wäre es das nicht. Da hängen solche Schilder ewig an Möbelstücken, Matratzen etc.

flaschenbaum
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2012 - 13:44 Uhr
flaschenbaum

ihhhh


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josiflosi unbekannt

josiflosi

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