12.02.2012 - 22:45 Uhr

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Freunde werden. Freunde sein. Freunde bleiben.

Text: TextTrulla

(6.-12.2.12)

Montag.
Die neue Woche beginnt ausgeschlafen, pünktlich und motiviert. Ich habe gerade so viel zu tun, dass ich zwischendurch auch mal aus dem Fenster gucken kann. Leider hat da irgendwer ein Gerüst vor gebaut. Schade.

Immer wieder nehme ich das Handy in die Hand. Ich möchte M. irgendetwas schreiben, ihn nicht so in der Luft hängen lassen. Nach ca. 100 verkrampft getippten und wieder gelöschten SMS lasse ich es sein. Stattdessen schreibe ich Jonas, der sich eigentlich Sonntag bei mir melden wollte.

Ich: Herzensbrecher!
Er: Sprach die Maneaterin...
Ich: Isst du nachher mit mir?
Er: Mans?
Ich: Das heißt men.
Er: Ah, Frau Schlau!
Ich: Also?
Er: Keine Zeit.
Ich: Buuuh.
Er: Mittwoch 20 Uhr Sushi?
Ich: Gut.
Er: Fein.
Ich: Immer das letzte Wort.
Er: Jawoll.

Später schreibe ich M. dann doch noch. „Hattest du einen schönen Tag?“. Zu mehr kann ich mich nicht durchringen. Und das merkt er wohl auch. 

Dienstag.
M.’s Antwort weckt mich um Sieben. Sie ist lang und durchdacht und ich hatte noch nicht mal Kaffee. Er teilt mir mit, dass er nachgedacht hat. Dass er um seine Rolle weiß. Dass er mich nicht drängen will. Dass ich mich nur melden soll, wenn ich es wirklich will. Am Ende schreibt er „Kuss.“ Und dieser Kuss schnürt mir die Kehle zu.

Ich antworte mittags. Dass wir mal reden sollten, vielleicht am Abend telefonieren. Reden findet M. gut, telefonieren nicht so. Wir verabreden uns für Tee und komplizierte Gespräche am Donnerstag.

Es gibt immer noch diese Nächte, in denen ich mich viel zu gut erinnere. Heute ist so eine Nacht. Es ist als hätte jemand die Zeit gestrichen, die ich schon überstanden habe. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass H. erst gestern zum letzten Mal neben mir geschlafen hat. Ich kann genau spüren, wie er nur in Boxershorts über mich rüber klettert, sich ans Fenster legt (denn im Erdgeschoss liegt der Beschützer auf der Fensterseite), seinen Wecker stellt und dann fragt „Was willst du hören?“. Ich weiß immer noch nicht, wie das letzte Hörbuch ausgeht.

Mittwoch.
Frühstück mit S. Sie erzählt mir, dass sie auch einen Termin gemacht hat, zur Beratung. Wir haben alle viel zu viel auf dem Herzen und können viel zu schlecht darüber reden. Mein Termin bei Dr. L. ist morgen, wegen der Dringlichkeitsbescheinigung. Er kommt zur rechten Zeit, denn ich merke wirklich wieder, dass es dringend ist.

Jonas sagt ab. Eine halbe Stunde, bevor wir uns treffen wollten. Das ist der Grund, warum ich niemals mit einem Werber zusammen sein will. Von einem Arzt versetzt werden, weil er noch schnell einem Kind das Leben retten muss, gut, das kann ich einsehen. Aber von einem Texter versetzt werden, weil er noch einen Flyer fertig schreiben muss, das ist einfach scheiße. Und wenn ich’s nicht selbst schon hundertmal gemacht hätte, wäre ich jetzt sauer.

Ich telefoniere mit Anka und das tut gut. Wir lachen über alles, was seltsam ist und wenn Anka die Dinge erzählt, sind sie alle seltsam. Ich vermisse sie. Als wir auflegen ist plötzlich Donnerstag. Und irgendjemand hat Geburtstag.

Donnerstag.
Happy Birthday, somebody that I used to know! Dieser 9. Februar wird der erste seit 10 Jahren sein, an dem er nichts von mir hört. Also noch weniger, als die gewollt unpersönliche SMS, die ich ihm vor zwei Jahren geschickt habe, kurz nachdem er mir mitgeteilt hat, dass wir uns nicht mehr sehen können, weil er es mit der blonden, perlenkettentragenden Jurastudentin nun wirklich ernsthaft versuchen will. Das ganze hat ein halbes Jahr gehalten. Ernsthaft.

Der Termin bei Dr. L. ist kurz. Ich erkläre ihm, was die Krankenkasse sich wünscht. Er schüttelt den Kopf darüber und attestiert mir erneut, dass ich keine 3-6 Monate warten kann.

Auf den Bildschirm, in die Luft, aus dem Fenster starren. Ich schreibe kaum zwei Sätze, bin mit meinen Gedanken irgendwo im Nirgendwo. Diese innere Unruhe ist wieder da und sie ist nicht besonders gut auszuhalten. Dazu kommt, dass ich immer noch erkältet bin. Ich beschließe Freitag nicht zur Arbeit zu gehen. Um aus dem Fenster zu starren, muss ich mich nicht mit beutelweise Aspirin Complex zuschütten.

M. und ich treffen uns in der Campus Suite. Wir tauschen Banalitäten aus, bis das Essen da ist, dann geht es ans Eingemachte. M. fängt an. Er fasst unsere ganze Geschichte vom Tag des Kennenlernens bis heute zusammen. Am Ende zählt er drei Varianten auf, die seiner Meinung nach mein Verhalten erklären könnten:

1. Ich mag ihn zu wenig.
2. Ich mag meinen Ex noch zu sehr.
3. Ich will nichts Festes.

Noch bevor ich ihm erklären kann, welche Mischform aus 1, 2 und 3 zutrifft, spricht er die eine Konsequenz aus, die jede einzelne Variante nach sich zieht: Wir beenden, was gerade erst begonnen hat.

Damit habe ich nicht gerechnet. Es macht mich traurig. Aber ich weiß, dass er Recht hat. Wir beschließen Freunde zu sein. Und als Freunde bleiben wir noch lange sitzen, lachen und sprechen Dinge aus, die wir als „potentielles Pärchen“ nicht sagen konnten. Dieses Weglassen der Ernsthaftigkeit gefällt mir gut. Wir verabreden uns fürs Alstereisvergnügen am Sonntag. Ganz freundschaftlich.

Freitag.
Um halb neun melde ich mich krank, danach schlafe ich weiter. Ich habe starke Kopfschmerzen und fühle mich erschöpft. Den ganzen Tag stehe ich nur zum Essen auf, was mich aber so anstrengt, dass ich danach sofort wieder schlafen muss.

Erst gegen Abend wird es langsam besser. T. ruft an. Er hat gefüllte Auberginen gemacht, zu viel, ob ich nicht vorbei kommen will. Ich sage einfach ja, bereue es direkt nachdem ich aufgelegt habe, will aber nicht wieder absagen. Also mache ich mir Kaffee, dusche, tausche Bademantel gegen Kuschelpulli. An der frischen Luft werde ich langsam wach. Ich kaufe noch eine Flasche Weißwein, deren Etikett mir gefällt.

Die Auberginen sind der Hammer. Der Weißwein schmeckt trotz des laienhaften Auswahlverfahrens auch. Wir reden über Flirtmöglichkeiten in der Sauna, Butteranteile in Keksen und die erstaunliche Kreditwürdigkeit, die Banken uns zugestehen, obwohl (oder gerade weil) wir nicht mit Geld umgehen können. Nachdem der Wein geleert ist holt T. den Champagner raus, den er von seiner Agentur zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Wir mischen ihn aus Prinzip mit altem Erdbeerlimes.

Samstag.
S. und ich putzen, aber so richtig, mit Rumpel-Ecken aufräumen und feudeln und Staubwischen und unter dem Bett saugen. Danach fahren wir zu Oma ins Krankenhaus. Das heißt, wir wollen zu ihr fahren, müssen aber zu Fuß gehen, denn die Busse sind alle so vollgestopft mit Alstereis-Touristen, dass wir tatsächlich einfach nicht mehr rein kommen. Ich kann S. gerade noch davon abhalten weinerlich „Ich will doch nur meine kranke Omi besuchen“ in den Bus zu rufen.

Oma freut sich über unseren Überraschungsbesuch. Wie immer lässt sie uns kaum zu Wort kommen, erzählt Geschichten über die Cousins, die ihrer Meinung nach allesamt Wunderkinder sind und hat sogar Fotos dabei, die wir angucken dürfen. Vor der Operation am Dienstag hat sie Angst, gibt sie zu, was eigentlich nicht so ihre Art ist. Sechs Stunden soll es dauern, die Speiseröhre muss ein bisschen umgeräumt werden. Nach einer Stunde wirft sie uns raus, ganz so, wie es ihre Art ist.

Abends sind wir bei J. zum „Schwestern und ihre Partner (soweit vorhanden)“-Treff. Ich atme erleichtert durch, als ich ins Wohnzimmer komme und dort KEINEN mir unbekannten Jurastudenten sitzen sehe, den J. und P. mit mir verkuppeln wollen. Die beiden preisen mich normalerweise so fleißig am Lehrstuhl an, dass ich auf Partys schon mit „Ah, du bist also die Singleschwester“ angesprochen wurde.

P. hat Quiche gemacht, wir trinken Rotwein und lachen über letztens, als S. und J. sich auf Stiefpapis 50. mit dem Wodka angefreundet haben. Nachdem jeder seine Sicht der Nacht erzählt hat, haben wir ein recht vollständiges und der Wahrheit wahrscheinlich ziemlich nahekommendes Gesamtbild. Später gehen wir noch in die T.R.U.D.E. Ich frage mich, wann ich mal lerne, dass mir von Cocktails mit Sahne übel wird.

Sonntag.
M. und ich schliddern über die zugefrorene Alster. In der Mitte halten wir kurz an, drehen uns einmal um uns selbst, bestaunen den Ausblick. Einen kurzen perfekten Moment lang könnten wir uns küssen, aber wir küssen uns ja nicht mehr. Wir halten auch nicht Händchen, obwohl es eiskalt ist. Ab und zu stupsen wir uns in die Seite oder legen dem Anderen eine Hand auf den Arm. Zufällig.

Als ich meine Füße nicht mehr spüre beschließen wir, irgendwo ins Warme zu gehen. Die Lange Reihe ist leider von Familien besetzt und weil wir keine Lust haben ewig durch die Kälte zu laufen, fahren wir einfach zu mir, denn ich habe Kuchen und Tee.

Etwas verkrampft sitzen wir im Wohnzimmer, essen Kuchen, trinken Tee. Dabei unterhalten wir uns hauptsächlich über den Kater, der sich auf meinem Schoß räkelt. Zwei Stunden lang. Irgendwann streicht M. über meine Hand, gar nicht zufällig. Und obwohl mein Herz einen kurzen Hüpfer macht, weiß ich in diesem Moment, dass aus uns nichts wird. Nicht jetzt und nicht später. Nun bleibt nur noch herauszufinden, wie man das jemandem erklärt, der sowiso nur Freunde sein will. 



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7 Kommentare

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josiflosi
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Mag ich Mag ich nicht

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12.02.2012 - 21:08 Uhr
josiflosi

Heute sehr berührend ...

gewitterhexe
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Mag ich Mag ich nicht

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12.02.2012 - 23:00 Uhr
gewitterhexe

*

herzfein
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Mag ich Mag ich nicht

3

13.02.2012 - 10:13 Uhr
herzfein

ach, verdammt.. ich hatte mich schon so auf die liebesgeschichte zwischen dir und m. gefreut.
er wirkt so lieb und ehrlich und gut. vielleicht wär er ja genau der richtige. aber vielleicht ist er gerade auch einfach ZU gut und ZU lieb. das ist schade.

zehnterjuni
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Mag ich Mag ich nicht

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14.02.2012 - 17:26 Uhr
zehnterjuni

herzfein sagte:
ach, verdammt.. ich hatte mich schon so auf die liebesgeschichte zwischen dir und m. gefreut.
er wirkt so lieb und ehrlich und gut. vielleicht wär er ja genau der richtige. aber vielleicht ist er gerade auch einfach ZU gut und ZU lieb. das ist schade.


ich schließe mich an!

reene
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Mag ich Mag ich nicht

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14.02.2012 - 18:05 Uhr
reene

Merci

Tributylzinn
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.02.2012 - 21:00 Uhr
Tributylzinn

Ach menno, es hörte sich doch so gut an.

ich weiß, es klingt total doof, aber mal sehen, was in einem halben Jahr so ist?

diemitdermeise
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Mag ich Mag ich nicht

0

16.02.2012 - 10:03 Uhr
diemitdermeise

* !!! danke für den text!
der m. scheint ja wirklich sehr lieb zu sein. zu lieb, zu vernünftig, damit kann nicht jede/r umgehen. ich z.b. überhaupt nicht...


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