13.02.2012 - 18:30 Uhr

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Die Geschichte wiederholt sich.

Text: dergrossearztroman

Der Keller unter der Klinik ist ein weitläufiges Gewölbe, von dem die üblichen Kellergeschichten kursieren, v. a. die klassische Legende jedes Krankenhauskellers: wie einmal eine Leiche aus dem Kühlfach Klopfzeichen gab. Wie einmal ein Patient fehlgeleitet und vergessen wurde. Wie ein in einer Ecke verstarb und wochenlang rumlag usw. usw.

Es existiert ein komplexes System von Schleichwegen und Abkürzungen, zum Wäschelager, zur Prosektur, zum internistischen Haupthaus gegenüber, zur Poliklinik, zur Kantine. Eine Mannschaft von 10 oder 15 kräftigen türkischen Männern fährt tagsüber mit Elektrorollern, an denen Anhänger mit Wäsche, Essen oder med. Verbrauchsmaterial hängen, durch die Gänge zum Be- und Entladen von Kisten an Fahrstühlen oder am Ausgang zum Hof. Ab und zu rotzt einer von ihnen im Fahren einen kräftigen Flatschen in den Gang. Die Wände, besonders in den Kurven und Ecken, sind am unteren Ende gelblich gefleckt. Ich habe die Flecke erst bemerkt, nachdem ich das erste Mal einen Fahrer habe dorthin spucken sehen. Als er gesehen hatte, dass ich ihn gesehen hatte, rotzte er extra noch mal. Der Keller ist ihr Reich. 

Unter den Fahrern der Materialwirtschaft gibt es nur einen Deutschen, einen unglaublich dünnen, braunhaarigen, der von den anderen „Sultan“ genannt wird. Sultan ist nicht besonders stark und wird damit regelmäßig aufgezogen. Wenn ein Lastwagen z. B. Mineralwasser anliefert, werfen sich die Türken johlend die Kästen zu, während Sultan leise leidend und immer langsamer Kiste für Kiste zum Anhänger trägt. Sie lachen: „Schneller, Schneller!“, oder: „Sultan kann nix!“ Man kann das beobachten, wenn man im z. B. Hof steht und raucht. 

 

Wie im Stationszimmer von Station 2 zu Beginn der Kurvenvisite eine brunzdumme, impertinente und außerdem wirklich scheißeaussehende Schwester fragte, ob uns heute Morgen nichts gefehlt habe, gefehlt?, wieso?, na ja, ob uns nichts gefehlt habe, ob wir nichts vermisst hätten, wieso vermisst?, was denn vermisst?, dann endlich: na ja die i. v.-Medikamente, sie habe die Infusionen angehängt heute Morgen, obwohl es Arztaufgabe sei, und es hätte ja immerhin sein können, dass uns das aufgefallen sei, oder dass wir mal nachgefragt hätten, wo denn die i. v.-Medikamente usw., und Markus einfach aufstand und rausging, ich hinterher. 

Wir saßen dann anderthalb Stunden am Kellerausgang, rauchten, ließen die Visite allein, wechselten keinen einzigen Verband, ließen die Blutabnahmen und die Neuaufnahmen bis mittags liegen und freuten uns, selbst als es unglaublich langweilig wurde, an dieser Rache an Schwester Scheiße und der ganzen bescheuerten Station 2. Wir beobachteten die Katzen und Spatzen. Unterhielten uns mit Sultan, gaben ihm eine Zigarette für eine Flasche Apfelsaft. Und spuckten beim Zurückgehen probeweise im Keller in die Ecke, jeder einmal.

Station 2: Schwerpunkt orthopädische Chirurgie, Schwerpunkt Endoprothetik. Das absolute Ende. Viele Alte und Uralte. Jammertal. 

 

Isabelle, die Tochter von Professor Soundso aus Soundso, ist heute zur Hospitation hier. Demnächst wird sie eine Stelle hier anzutreten. Ich meinte, sie schon auf dem Gang erkannt zu haben, sah sie hinter Hartung und Neureuther weghuschen ins Besprechungszimmer. Später Dr. Sacks zu Dr. Lemke: „Wo ist denn der Chef?“ „Der ist mit der Prada-Tasche unterwegs.“ Seitdem heißt die so. Prada-Tasche. 

Es handelt sich übrigens um jene Isabelle, die damals im vorklinischen Psychologiekurs steif behauptet hatte, noch nie im ganzen Leben, auch nicht im tiefsten Pubertätstrübsinn, einen egal wie kurzen, egal wie wenig ernstgemeinten Selbstmordgedanken gehabt zu haben, nichtmal ein trotziges Ihr-werdet-schon-sehen-wie-Ihr-dann-weint-Gedankchen. Nein, nie. Sie schloss das mit Sicherheit aus. Nie Selbstmordgedanken. An sich ja eine schöne Sache. Trotzdem fand man die Frau nach dieser Enthüllung bisschen verklemmt. Nix verstanden, egal.

 

Krächz- und Lalllaute. Diese elende, auf das absolute Minimum reduzierte Existenz (Unmutsäußerungen, Atmung, Ein- und Ausfuhr), die langsam um das nagelneue, ca. 10 000 Euro teure Hüftkopfimplantat herum verstirbt. Zunächst noch morgendliches Jammern, beim Waschen, gezielte Abwehrbewegungen. Dann nur noch Schnaufen, Japsen, alles immer fauler, stinkender, u. U. tagelang. Das Implantat immer noch kräftig und frisch, unsichtbar im Knochen. Oben an dem Menschen ist noch der Kopf dran, mit der tiefen, schwarzen grüngelb verkrusteten Mundhöhle, aus der es unbeschreiblich riecht und röchelt. Dann, nach einigen Tagen, kommt nichts mehr, der Kopf hat die Tätigkeiten eingestellt, der Rest auch. Dann wird alles zusammen verbrannt. Ich stelle mir vor, dass das Metall der nagelneuen Hüftprothese übrig bleibt und glänzend im Aschehaufen liegt. Kommt das mit in die Urne? 

 

Ärzte ohne Grenzen. 

 

 

 

„Hey Sultan.“

„Hm?“

„Hasst mal Zigarette?“

„Hm.“

„Lass mal rauchen.“

„Hm.“

 

Und dann passiert es, dass eines Nachmittags Oberarzt PD Dr. Schmidt den Kellergang abkürzend nimmt, um schneller zum Labortrakt zu gelangen. In Begleitung einer jungen Studentin. In Schmidts Augen kein Zeichen des Wiedererkennens unserer Personen (Markus + ich) oder der Situation, kein Übers-Gesicht-Huschen irgendeiner Regung o. ä. Bloß einfaches Vorbeigehen. 

Hier bestätigt sich also zum wiederholten Mal, was ich anfangs, im ersten klinischen Semester, zunächst für ein vielleicht nicht völlig hohles, aber doch übertriebenes Gerücht hielt, bis dann am Ende des Semesters beim Abschlusstrinken unsere Kommilitonin Hanna, 20, aus Gießen, in Begleitung unseres zwar auch eingeladenen, aber doch in irgendwie anderer Begleitung erwarteten Kursleiters Schmidt, damals schon Anfang 40, erschien. 

Schmidt: Mann in den besten Jahren. Tolle Forschungen, Projekte, in denen sich die Studentinnen einbringen können. Schmidt: braungebrannt, mit haarigen Armen und einer halblangen Frisur. Vorne hat er eine Silberlocke und am kantigen Kinn klebt eine Warze, die ist zwar nicht so schön, aber das gewisse Etwas. Jedes Semester, im Kurs, beim Sommerfest, irgendwo, kommt er mit einer Studentin länger und enger ins Gespräch und nimmt sie irgendwann mit und „zeigt ihr das Labor“.  Natürlich darf von dem ganzen nie jemand etwas bemerken und die jeweilige Studentin findet diese Erfahrung dann aufregend und wird später erzählen, dass sie es eben mal wissen wollte, wie es mit einem so viel älteren Mann ist und dass das ja auch seine Reize hat, vor allem auch das Geheime in der Uni und das Lehrer-Schülerin-Ding. 

Und es ist keinesfalls so, dass man Schmidt diese Erfolge nicht gönnte. Aber das ewig Charmante wirkt auf die Dauer bisschen dünngewetzt. Er ist ja auch nicht mehr der jüngste. Er wohnt im selben Viertel wie ich. Ich sehe ihn manchmal samstagabends durch die Straßen gehen, schwarzes Hemd, schwarzes Jackett, Kragen hochgeschlagen. Unrasiert, leicht dichterisch. Ungewöhnlich bedächtig und fein für einen Chirurgen. Schmidt streift durch die Gegend, geht auch in Studentinnenlokale, wo er dann Älteste ist. Dort sitzt er an der Theke und man schaut schnell weg, wenn man ihn trifft. Ich wünsche ihm, dass er sein Leben genießt.

Und über die ganzen fast 5 Jahre seit Hanna ging das also in stetigem Rhythmus so weiter, immer neue allgemeinbekannte geheime Geschichten, bis im vergangenen Winter Franziska aus Neubrandenburg die bislang letzte Halterin des Staffelstabs wurde, ihn aber wohl jetzt auch abgegeben hat.

 

Am Kellerausgang zum Hof stehen auch große silberne Stahltonnen. Immer wieder stellt sich die Frage nach z. B. biologischen Abfällen. Wo kommt so ein amputiertes Bein eigentlich z. B. hin?



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MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

2

14.02.2012 - 15:12 Uhr
MsAufziehvogel

soylentyellow sagte:
"Was hätte man davon, sich selbst umzubringen?"

Man wäre seine Probleme los? (Auch wenn man dabei das Kind mit dem Bade ausschüttet, weil man selbst ist sich dann ja auch los)


suizidale stellen sich wohl eher die frage, was sie vom weiterleben hätten...

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.02.2012 - 15:40 Uhr
soylentyellow

@ MsAufziehvogel

"suizidale stellen sich wohl eher die frage, was sie vom weiterleben hätten..."

Na nix außer Probleme, also:_______, was aber aufs Gleiche hinauskommt.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.02.2012 - 15:48 Uhr
octopussy

@Chestity: stimmt, dieser Unterton oder auch die Behauptung man brauche dieses Gefühl, um das Leben zu kennen, ist daneben.

Ich denke im Grunde geht es vielleicht auch eben mehr um dieses Gefühle ausloten, was man so als Teenie hat und macht. Was man so mitbekommt von jüngeren Jahrgängen war ja "Ritzen" wohl auch mal fast sowas wie Mode. Von sowas nehme ich deutlich Abstand.

Chestity
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Mag ich Mag ich nicht

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14.02.2012 - 15:51 Uhr
Chestity

Schneemann2 sagte:
Chestity sagte: Es scheint wohl fuer einige die vermeintliche Erloesung zu sein.Soweit ich aber die Gedankengänge von Suizidalen nachvollziehen kann oder will, scheints denen eher darum zu gehn, anderen zu 'schaden', indem die sich dann Vorwürfe machen oä


So wie mir das bekannt ist, ist bei den meisten "Hauptsache es ist zu Ende" der Gedanke und nicht anderen zu schaden.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.02.2012 - 15:51 Uhr
octopussy

Schneemann2 sagte:
Chestity sagte: Es scheint wohl fuer einige die vermeintliche Erloesung zu sein.Soweit ich aber die Gedankengänge von Suizidalen nachvollziehen kann oder will, scheints denen eher darum zu gehn, anderen zu 'schaden', indem die sich dann Vorwürfe machen oä


Nein, also das habe ich noch nie gehört/mitbekommen. Der Suizid ist (für mich in meiner Definition) ein Ausweg, wenn man kein Licht mehr am Ende des Tunnels sieht und sein Leben wirklich gar nicht mehr für sinnvoll erachtet.
Ich habe vielmehr schon gehört, dass einige dadurch, dass sie Familie/Freunde haben, keinen Suizid begangen haben, eben weil sie den anderen dieses Leid nicht zumuten wollten, dass diese sich dann womöglich Vorwürfe machen.

Schneemann2
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.02.2012 - 16:14 Uhr
Schneemann2

Gut, dann interpretiere ich das Ihr-werdet-schon-sehen-wie-Ihr-dann-weint-Gedankchen aus dem Text wohl falsch.

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Mag ich Mag ich nicht

0

14.02.2012 - 16:16 Uhr
Schneemann2

Man muss dann wohl differenzieren, ob man sich wegen einer Depression oder weil der Freund Schluß machen will, umbringen will

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