12.02.2012 - 13:49 Uhr

6 2

Die Kuckucksuhr

Text: josiflosi

Das ist die Kuckucksuhr, die früher in der Wohnstube meiner Großeltern hing. Gern würde ich so etwas sagen wie: Das bin ich. Wie ich vor der Kuckuckuhr meiner Großeltern stehe, um sie gewissenhaft aufzuziehen. Denn genau das habe ich gemacht. Hundertmal. Tausendmal. Unzählige Male. Aber es gibt kein Bild davon, nicht eines. Keine Erinnerung, keinen Schwank, nichts. Die Kuckucksuhr hatte ihren Platz an der Wand. Und ich hatte meinen.
Die Kuckucksuhr hing in zwei Meter Höhe an der Wand. Zwei eiserne, lange Tannenzapfen baumelten an einem zusammengeklebten Holzhäuschen. Das Häuschen mochte so um die 500 Gramm wiegen, die Tannenzapfen über zehn Kilo. Denn sie waren an eisernen Ketten befestigt. Und die Ketten waren sieben Meter lang. Mindestens.
Das hölzerne Häuschen, mit einem Nagel an der Wand gehalten, ächzte nie. Und wenn doch, dann habe ich das nie gehört. Obwohl ich oft unter dem Häuschen stand, und die Tannenzapfen an ihren Ketten wieder nach oben zog. Vorsichtig. Denn tat man es nicht, blieb das Uhrwerk stehen. Und wenn das Uhrwerk stehenblieb, so dachte ich damals, würde jemand sterben.

Genausowenig wie ich meine Großeltern mochte, genausowenig mochte ich ihr Haus. Ich mochte das Badezimmer nicht und auch nicht die blau gestrichene Veranda, im Keller war ich nie, und der Dachboden interessierte mich nicht. Sobald die Sonne schien, machte ich mich auf, wanderte über die Felder ringsumher, lief in den Wald in der Hoffnung, dort einem Hasen oder einem Reh zu begegnen, einem Kakadu, einem Boot, einem Zwerg, einem Gummiball, einer Regentonne. Und manchmal nahm ich auch das Dreirad und donnerte damit den steinigen Weg am Haus entlang hinunter, den es danach wieder hinaufzusteigen galt.

Lang waren die Sommer, die ich im Haus meiner Großeltern verbrachte. Länger als die Winter und viel, viel länger als Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Zäh waren die Tage, die sich aneinanderklebten, die auf und ab stiegen, tickend der Schwerkraft folgten, um dann wieder hinaufgezogen zu werden. Nein. Stillstand gab es nicht. Es fühlt sich nur heute so an. Wenn ich zurückdenke. An die Kuckucksuhr in der Wohnstube meiner Großeltern. Wenn ich an die Angst denke, die Zapfen könnten den Boden berühren, dann bin ich wie gelähmt.

Als ich mit 14 starb, sagte meine Großmutter zu mir, ich solle in den Sommerferien vielleicht besser nicht mehr kommen. Ich fragte nicht, warum. Ich hatte ja auch nie gefragt, warum. Warum kommen, warum gehen, warum bleiben?, das waren nie meine Fragen gewesen. Das war die Kuckucksuhr in der Wohnstube meiner Großeltern.



Neue Texte zum Label 'Familienalbum':
Textoptionen
Mehr Texte von
josiflosi
Mehr Texte zum Label
Familienalbum
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
2 Kommentare

speichern
flaschenbaum
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.02.2012 - 15:03 Uhr
flaschenbaum

Das mit dem Tod, wenn die Uhr stehen bleibt, kenn ich auch ...

polaroid_android
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.02.2012 - 05:49 Uhr
polaroid_android

großartig! mit zwei tollen Überraschungen...


Speichern

Jetzt-Mitglied

josiflosi unbekannt

josiflosi

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.