Nachsitzen bei Feller
Feller schaut mich entgeistert an. Das Buch, aus dem er eben eine markante Stelle vorgelesen hat, die für den Fortlauf des Romans von Bedeutung sein wird, hat er noch immer zwischen seinen knochigen Daumen und den langen Zeigefinger geklemmt. Die Stille ist da wie die wurmige Stelle in einem rotbackigen Apfel.
„Wisch dir gefälligst den Mund ab, bevor du mit mir sprichst“, sagt Feller in die Stille hinein. Seine Stimme ist fest, aber sein Mund möchte am liebsten ausspucken.
Feller hasst Menschen, die sich gehen lassen. Die herunterkommen wie „Stallsäue“. Ja, so drückt er sich aus. Feller ist mein Deutschlehrer.
Feller heißt eigentlich Herr Feller. Und seine Frau, Annegret Feller, sammelt Fotokalender. Damit nährt sie ihre wehmütige Erinnerung an die Tage, als sie noch Annegret Faust war. Als die Zukunft in so vielen bunten Bildern existierte, und jeder Moment eine einzigartige Aussicht bot. Ein Fohlen, eine Butterblume, ein in der Sonne liegender Marienkäfer. So Schön. So vollkommen. Und hinter jedem Augenblick wartete schon der nächste. Noch schöner, noch vollkommener. So dass die einzige Frage gewesen wäre, was man mit all diese schönen und vollkommenen Augenblicken hätte anstellen sollen. Wie man sie wieder los geworden wäre, die Berge heruntergerissener Kalenderblätter.
„Mach dir darüber keine Sorgen“, hatte der Großvater gesagt, als sie Daumennagel groß auf seinem Schoß gesessen hatte. Seine Augen waren so blau gewesen wie die Lagune, die auf den Fotografen für den Reiskatalog wartete. Und in seinen Pupillen waren die Wolken schneller vorbeigezogen als dort oben am viel zu breiten Himmel. Sie hätte ihm alles geglaubt. Den Seestern, den man zum Pinkeln an einer Leine in den Garten Eden hinausführt.
Frau und Herr Feller sind jetzt seit über 100 Jahren verheiratet. Und sie haben getrennte Schlafzimmer, weil Feller an die Rückkehr Goethes in einer fliegenden Zitronenschale glaubt und deshalb jede Stunde aufsteht, um aus dem Fenster zu schauen.
Woher ich das weiß? Nun. Feller macht regelmäßig „Arbeitstreffen“ bei sich in der Wohnung. Nur er und seine fünf Lieblingsschüler. Ich gehöre nicht dazu, bin aber trotzdem immer dabei, und seine Frau backt für uns alle einen Kirschkuchen, der mit rosafarbenem Quark gefüllt ist. Ich mag Frau Feller. Und wann immer ich kann, reiße ich vom Kunstkalender meiner Mutter die laufende Woche ab, und bringe sie ihr mit.
Feller steht auf und geht durch den Raum. Das tut er immer, wenn er sich anschickt, über die großen Momente der Weltliteratur zu sprechen. Heute geht es um die Erdbeeren in „Tod in Venedig“. Sie sind verfault. Feller schreitet am Fenster auf und ab. Venedig. Das ist die Stadt der Abenteuer. Wer dort war, kann nie wieder nach Hause kommen. Wer es dennoch tut, verreckt an den Erdbeeren.
„Venedig ist die Stadt der Begierde“, sagt Feller. „Es ist eine Stadt, in der man ohne Gesicht auf die Welt kommt. Es ist die Stadt der Tarnung. Nimm zum Besipiel die verbotenen Triebe. Weich sind ihre Schritte, wenn sie über Brücken gehen, und sie lächeln dich an wie das Kind, das dir sein ganzes Leben anvertraut. Und dort, auf den Gondeln. Wie die buntglasigen Fläschchen die Hände wechseln, als wäre feinstes Parfüm darin. Doch es ist tödliches Gift. Schau hoch in den Himmel. Dort steht das Verderben und winkt dir zu, umhüllt von einer strahlenden Aureole.“
Über der Toilette hängt ein Kalender mit Aufnahmen von der Lüneburger Heide. Ich sehe gelbe Felder. Sie sind endlos. Fellers Vergleich hinkt, denke ich, als ich mich hinsetze. Triebe lächeln nicht. Die Zeit haben sie nämlich nicht.
Feller kann mich nicht ausstehen. Er hat meinen Bruder gequält. Jetzt quält er mich. Wenn ich nicht zu seinen „Arbeitstreffen“ gehe, gibt er mir eine Sechs in Deutsch. Das hat er mir bei unserem letzten Gespräch unmissverständlich zu verstehen gegeben.
„Und Sie wissen ja. Mit der Fünf in Mathematik …“
Beim Kuss von Klimt hat mich meine Mutter erwischt. Mit dem Spüllappen zwischen den Fingern stand sie plötzlich in der Tür und sah auf das abgerissene Kalenderblatt in meiner Hand. Es war die Woche, in der sie ihren fünfzigsten Geburtstag feiern sollte. Wahrscheinlich hat sie deshalb geweint.
Ich habe nicht versucht, es ihr zu erklären.
Wer die Zukunft vergisst, vergisst, dass auch die Hoffnung zuweilen in einer Zitronenschale angeflogen kommt. Man kann nicht ewig wegsehen, ohne blind zu werden.
- Hauch von Lie 15.09.2011
- Klassentreffen nur mit mir 30.03.2011
- Englisch mangelhaft, Physik sehr gut. 20.02.2011
- Mobbende Lehrer - rechtlose Schüler? 28.01.2011
- Cafebar? - Ja scho.. 26.10.2010
*!!!
schwindlicht sagte:
kein lesenswertpunkt.
Stimmt, dafür solte es auch noch einen Button geben. Das verweigerte Herz oder so ;)
DaniausHamburg sagte:
Nach dem Teaser hatte ich eine Schule-Teenager-Geschichte erwartet, die nicht über den Schmerz der Lehrer-Ungerechtigkeit hinausgeht.
Ebenso.
Aber das hier ist so cool und viel schlauer, mag ich!
Ebenso!
*
Aber vielleicht muß ich sie in der Zukunft suchen, nicht in der Vergangenheit.
whyleemc sagte:
Täglich versuche ich die Annegret Faust in mir wiederzufinden.
Aber vielleicht muß ich sie in der Zukunft suchen, nicht in der Vergangenheit.
Falls Du sie findest, gib Bescheid. Ich drücke jedenfalls die Daumen!








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12.02.2012 - 13:15 Uhr
flaschenbaum