12.02.2012 - 10:58 Uhr

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L'acte de balance

Text: spuelwasser

Als Spagatmensch ist es schwierig. Es ist schon schwierig, sich ein blaues T-Shirt zu kaufen und dabei nicht daran zu denken, dass es aus Bangladesch kommt, wo das überhaupt ist und was das höchstwahrscheinlich (oder möglicherweise?) bedeutet. Es ist schon schwierig, die Dose mit dem Gemüse zu öffnen und nicht an verweiblichte Fischrassen zu denken. Es ist auch schwierig, sich jeden Tag eine Pille einzuwerfen, in der Hoffnung, immer noch man selbst zu bleiben (so genau kannst du das bald nicht mehr sagen, nicht einmal von dir selbst). Kakaopulver, maschinell hergestelltes, nach Fabrik und Menschenblut riechendes Kakaopulver, in die Milch zu geben, die mit der Mikrowelle erhitzt wurde, vielleicht deine Gebärmutter oder Eizellen oder was da sonst auf Strahlenhöhe so in dir drin ist, ein wenig anzuknuspern, Milch, die weißweißeramweißesten ist, die Schaum schlägt - so auch du -, die nicht Bio ist und das heißt, die Kuh war todtraurig, die Wiesen nur pseudogrün, der Fettgehalt ist reduziert worden, nur bei dir nicht, bei dir geht das alles rauf, immer weiter. Weil die Menschen fressen müssen. Weil du ein Mensch bist und weil du frisst, frisst, frisst, damit du nicht kotzen musst, weil zwei Richtungen auf einmal schwer zu bewältigen sind für dein kleines Körperlein. Schwach bist du, nichts anderes, wenn du es nicht schaffst, den Staub von den Buchköpfen zu wischen, ein Auge zuzudrücken, dich zu entspannen, dich beugst und Verben konjugierst wie man es muss und nicht so, wie ein Kind es zunächst tun würde. Schwach bist du, weil du nur im Konjunktiv sprichst und in würde, wäre, wenn statt in hierjetztsofortnimmdasweilsoistes. Zeitungen blätterst du nicht mehr durch, vielleicht ist das besser für den Regenwald, vielleicht nicht, weil du stattdessen vor dem großen Bildschirm sitzt, der dir dein Leben ist und dem du dein Leben längst gegeben hast. Ich will doch gar nicht so kritisch sein. Wen ich damit treffe, das bin ich selbst am meisten. Schwierig ist, lieben zu wollen und stattdessen mit jedem Menschen, der sich anbietet, ins Bett zu gehen. Schwieriger noch, mit dem ins Bett gehen Geld zu verdienen oder zu müssen und gar nicht zu wollen. Oder doch wollen? Oder sollen? Einen Groll zu hegen gegen jede Obrigkeit oder gegen die eigene Unterwürfigkeit, gegen das Verdammtsein zu dies und jenem, vielleicht zu einem makellosen Körper, der er nie gewesen ist, vielleicht zu Humor, vielleicht zum Nettsein, zum Händeschütteln, zum Küsschengeben, vielleicht zum Alleinsein und nimmermehr. Vielleicht dazu, abzuhauen. Oder jemanden zu hauen. Oder gehauen zu werden. Aber halt, aber stopp, aber hör mal zu.

Ich werde gehen, egal, was du sagst, egal, was du jetzt noch glaubst. La conjugaison.

Die Geschichten, die du gehört hast, sind nicht wahr geworden. Du zweifelst, ob die Menschen, die sie dir erzählt haben, die Wahrheit erzählt haben. Überhaupt. Ob sie dir vielleicht nur Mut machen wollten und dich Stehaufmännchen auf deine innere Schiefertafel kratzen ließen, dich mit Hoffnungen füllen wollten, bis du daran erstickst. Weil es das gar nicht gibt, diese grenzenlose Glücklichkeit, glaubst du, sondern weil sich die Momente nur aneinanderreihen und mal besser sind und mal schlechter, weil jeder Unbeschwertheit Verzweiflung folgen kann, weil du da einfach nur durch musst. Weil das Leben langweilig ist, nämlich, weil es sich wiederholt, nämlich, weil du manchmal in der Badewanne sitzt und sich deine Haut vom heißen Wasser fast von den Knochen schält, und du denkst, dass das vielleicht besser wäre. Weil du manchmal Geschichten im Kopf hast, die dich glücklich gemacht hätten und dieses hätte dich wahnsinnig macht. Weil du dann wieder anderen dieselben Geschichten erzählst, glückliche Momente zu glorifizierten Erinnerungen machst, selbst daran glaubst, fast, und dann ganz still bist, innehältst, weil du nicht fassen kannst, was du gerade tust.

Er denkt an sie und an es. Und sie finden, dass jetzt der Zeitpunkt ist, wenn nicht jetzt, es zu tun und zwar gemeinsam. Sie ist warm, ganz warm, er ist einfach nur hart. Zu ihr und in Wort und in der Tat. Der Lack ist noch nicht ab, alles glänzt noch. Seine Augen, wenn er an sie denkt. Ihr Haar vom neuen Shampoo. Der Fußboden im Flur, die Herzen. Unheimlich ist manchmal, wie gut sie sich anfühlt, wie gut er riecht, wie herzallerliebst alles ist.

Wir erzählen uns auch Geschichten, weil wir glauben, dass Geschichten wichtig sind und weil wir glauben, dass es gut ist, an irgendetwas zu glauben. Weil das sowas ist wie anthropologisch grundgesetzt, notwendig, aber auch hinreichend? Wir halten uns an unseren Körpern fest, finden uns anziehend und hoffen, dass der Zeiger nicht in Richtung abstoßend umschlägt. Wir verfallen, aber wenn, dann fallen wir gemeinsam. Oder? Manchmal haben wir Angst in jeder Vene, weil wir nicht wissen, ob das wahr ist. Ob wir das alles schaffen können, ob wir es müssen oder ob wir das wollen. Wir wollen abhauen, immer mal wieder, und sitzen dann doch zusammen am Küchentisch und schütten schwarzen Kaffee mit etwas Milch in uns hinein. Unsere Magenschleimhaut seufzt auf und so seufzen auch wir.

Ihr geht dann trotzdem raus, stellt euch dem allem, dem eisigen Wind, den Frostbeulen an den Mittelzehen, den tränenden Augen, den abfahrenden Zügen, abhebenden Fliegern, den Verkehrsunfällen und grausigen Krankheitsbildern, den kleinen und großen eigenen Schwächen, den Fehlern, euren Ängsten und euch euch selbst in den Weg, so oft, so oft, viel zu oft.

Sie fahren dann mit der Straßenbahn oder mit der U-Bahn, das kommt darauf an, in welcher Stadt du wohnst, sie haben in ihren Rucksäcken Papier, hunderte Seiten von Papier, die sie in Copy Shops schleppen und binden lassen, in Postfächer gleiten lassen, tieftieftief, und sowas nennt sich dann Studienabschluss. Sie haben dann das Gefühl, sie hätten etwas geschafft und vielleicht ist das auch so, aber zurück bleibt eine Leere, abgelutschte Bonbons, ausgekaute Kaugummis, abgetretene Sneakers, ausgebeulte Jeans, abgewohnte Studentenzimmer, durchgeschlafene Matratzen, verschimmelte Badezimmer, Hautfetzen an deinen Fingerkuppen, Löcher und abgerissene Schnürsenkel.

Und niemand ist mehr da, der das jemals reparieren könnte.


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