LEBEN + WERK
Flur, Mittagszeit. Geruch nach Erbsensuppe und Pisse.
Die Tatsache, dass an den meisten Tagen die Patienten aus denselben drei Gerichten wählen können, wie die Angestellten in der Kantine, und die Tatsache, dass die Patienten in der Regel sehr früh Mittag essen, also schon, während man noch Blutabnahmen und Verbandswechsel macht, also die jeweilige Mahlzeit während der Manipulation am Patienten auf dem Nachttisch neben dem Patienten, bzw. neben der Manipulation steht und riecht – diese beiden Tatsachen bzw. ihre Kombination macht es manchmal unmöglich, nach dem Verbandswechsel noch in der Kantine zu Mittag zu essen, da sich die Hirschkeule oder das Hähnchenschnitzel Cordon bleu untrennbar mit dem Geruch des Patienten X, bzw. seiner Wunde, bzw. seiner seit Wochen nicht gewaschenen Füße ... etc. etc.
Seit einigen Tagen neu auf Station 2, versetzt von Station 3 (Allgemeinchirurgie): Pfleger Jochen, genannt „der Flüsterer“. Es ist nicht eigentlich ein Flüstern, sondern ein extrem leises, vorsichtiges, wohlartikuliertes Sprechen einige Dezibel unter der normalen Sprachlautstärke, das nur manchmal, am Ende, ins Flüstern abrutscht. Trotzdem stimmt der Name. Als ich ihn das erste Mal angesprochen habe, bin ich vor der Antwort erschrocken, ohne zu wissen warum. Als sei irgendwas nicht in Ordnung, große Gefahr. Beim Sprechen kommt er sehr nahe heran, flüstert, bzw. raunt seinen Text, zuckt sofort vor der plötzlich entstandenen Nähe zurück, spricht weiter, kommt dabei wieder näher, zuckt leicht zurück usw., tatstet sich so an eine Kommunikationssituation heran, in der er längst drinsteckt. Als wollte er nicht, dass das Gesprochene von ihm ausgeht oder auf ihn zurückführbar ist. Anstrengend. Zusätzlich ist er natürlich schmächtig, ein jungenhafter androgyner Mann unbestimmbaren Alters mit graubraunem schütteren Haar. Er hält die Arme eng am Körper, schleicht, steht in der Ecke, selbst wenn er mitten im Raum ist, geht nie, sondern schiebt sich vorbei, hat eingefallene Schultern und immer leicht geknickte Knie, zeigt nie auf etwas, eckt nirgendwo an und schließt die Türen geräuschlos, trinkt nicht, schlürft nicht, sondern inhaliert quasi seinen Kaffee usw., so dass auch seine Gebärden und eigentlich seine ganze Gestalt ein Flüstern sind.
Diese unglaublich fetten, wabbeligen Arme, der in allen Ritzen und Rillen steckende Gestank, der jeder Beschreibung spottende Verrottungszustand von Füßen, Hinterköpfen, Geschlechtsteilen und Mündern.
Die Amygdala.
Abendliches Riechen, zu Hause, an den eigenen Fingern, ob man etwa auch so riecht.
Die Amygdala (Corpus amydaloideum), auch: Mandelkern. Der Mandelkern liegt an der Spitze des Unterhorns der Seitenventrikel und vor dem anterioren Ende des Hippocampus. Partiell ist der Mandelkern von palaeocorticaler Hirnrinde bedeckt, die mit zum Mandelkernkomplex gehört. Der Mandelkern besteht aus zahlreichen Kernen, die untereinander durch Nervenzellen mit relativ kurzen Axonen verbunden sind. Fasern aus dem Kortex bringen dem Mandelkern Informationen aus praktisch allen sensorischen Rindengebieten (für Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Fühlen), sowie aus dem Hippocampus.
Die Fasern der Riechbahn verlaufen durch die lateralen Striae zur Area praepiriformis und zur Regio periamygdalaris, wo die Signale auf die 2. Neurone übertragen werden. Die Area preapiriformis und die periamygdaläre Rinde gelten als die primären Riechrindenregionen. Von hier gelangen die Signale zum Corpus amydaloideum und über die Area entorhinalis zum Hippocampus. Auf diesem Wege ist das Riechsystem an das limbische System angeschlossen, so dass die Auslösung vegetativer und emotionaler Reaktionen, z. B. Ekel, durch olfaktorische Reize verständlich ist.
Ich glaube: der Flüsterer flüstert, um nicht allzu tief atmen zu müssen. Vermutlich ist ihm schon ganz schwindlig.
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