11.02.2012 - 18:10 Uhr

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ÜBERWIRKLICHKEIT

Text: dergrossearztroman

Die Germanistikstudentin beschreibt Einsamkeit (auktorial). Die Kunstgeschichtsstudentin beschreibt Einsamkeit (Er-Erzählung). 

 

Niemals mehr die Liebe erleben?

Wer ist die andere Dr. Kelsey?

So küsst nur Dr. Balfour. 

 

Namen: Kelsey, Balfour. Oder: Was haben Sie zu verbergen, Dr. Fulford? Oder: Dr. Rainfords große Liebe. 

Fulford, Rainfords. Schön ist hier die phonetische Nähe zum Furz. Weitere Arztromanhelden bei Bianca: Dr. McFadden, Dr. Dempster, Dr. McCloud, Dr. McMunroe. 

 

Der Kioskbesitzer guckt misstrauisch. Er schaut zu mir herüber, wie ich am Heftchen-Ständer stehe und was aufschreibe. Hätte ich keinen weißen Kittel an, würde er mich wegscheuchen. So traut er sich nicht. Ich liebe den ärztlichen Nimbus.

 

Ich las in ein immer stiller werdendes Publikum. Aber es war eine schlechte Form von Stille. Langeweile, Fensterblicke. Direkt vor mir ein Dicker, der sich schon mal sehr amüsiert hatte über einen über einen lustigen Text von mir, der saß grinsend da, schien nur darauf zu warten, loslachen zu können und ich dachte: Idiot, Idiot, Idiot.

 

Die Namen sind immer am schwierigsten. Hartung, Schulte, Katja, Jenny, Sacks, Markus, Ich. 

 

Heute Frau Kiak zum letzten Mal. In vier Tagen werden die Schrauben entfernt. Vorsichtiges Trotten ins Behandlungszimmer. Je zwei Behandlungsbetten sind durch einen Vorhang oder eine spanische Wand getrennt. I. d. R. steht die spanische Wand an der Wand und der Vorhang ist zurückgezogen, da die Notaufnahme über genügend Behandlungsräume verfügt. Nur in Ausnahmefällen werden Räume kurzzeitig mit zwei Patienten belegt. Für diesen Fall dann Trennwände/Vorhänge. 

Jetzt Ausnahmefall: Stimmen im Flur, jemand reißt die Tür auf, schiebt eine Trage herein. Im ersten Schwung beinahe amerikanisch, filmisch, nur nicht so laut. Auf der Trage liegt ein Bauarbeiter, der einen groben fleischigen Klumpen am Handgelenk hat. Die Fingerknochen verdrillt und splittrig. Langsames hervorziehen des Vorhangs, der sich wegen klemmender Vorhangleiste allerdings nur halb vorziehen lässt, was nur gerade eben Frau Kiaks Blick auf das Operationsgebiet verhindert. Geräusche werden durch den Vorhang nicht abgehalten. Der Bauarbeiter presst einen Laut zwischen den Zähnen hervor, der Schmutz auf seiner Wange ist von Tränen verwischt. Auf seiner Haut sind Mörtelspritzer und mit der gesunden Hand boxt er vor Schmerz gegen das Kunstlederpolster der Trage, bis das Mittel wirkt. Das Wimmern des Bauarbeiters wird leiser, schließlich zu einem gleichmäßigen Schnarchen, während er ein dunkles Oval in seine Jeans pisst. 

Von Frau Kiak nur durch einen hellblauen, bei Schultes chirurgischen Bewegungen verräterisch sich ausbeulenden Vorhang getrennt: das Gebilde aus Haut, Knochen, Mörtel- und Blutkrusten, in das sich die Instrumente schieben und dabei hell und silbrig aneinanderklappern. Frau Kiak horcht hin oder weg. Blick in den Schoß. Auf ihrer Unterlippe platzt ein Speichelbläschen.

Als ich fertig bin, bewegt sie ihre fast gesunde Hand, schaut auf sie herunter, dann auf den Boden und bestaunt die Blutpfütze, die langsam unter dem Vorhang hervorkriecht. 

Einschätzung von Blutverlusten, z. B. bei Verkehrsunfällen: 

  1. Blut an der Oberfläche: sieht immer schlimmer aus als es ist. 10 Milliliter Blut wirkungsvoll über den Raum verteilt sehen aus wie ein Massaker. 
  2. Nie schwach blutende Wunden unterschätzen! Der Blutverlust nach Innen kann > 5 Liter betragen.
  3. Vor allem bei häuslichen Unfällen immer nach genauem Unfallort und Blutverlust fragen. Immer wieder Geschichten von übersehen Blutlachen im Hobbykeller, in der Garage, infolgedessen unterschätzten Blutungen. Patienten können innerhalb von Minuten kollabieren. 

Frau Kiak sagt: „Nähxta Woch“ und geht. 

 

Am Abend mit dem Fahrrad gehetzt durch die Stadt, schwitzig, mit Desinfektionsmittelgeruch an den Fingern, zum Seminarraum, dann von verstreuten Zetteln vorlesen, das Neuste vom Tage, die Schöne des Tages, la Belle de jour. Meist so ein stummes Aufseufzen, seufzendes Schulternheben im Auditorium, v. a. wenn ich mein eigenes Gekritzel nicht entziffern konnte. 

 

Der Arbeitslose schreibt Texte über Beziehungen, aber ganz gut. Von der Kunstgeschichtsstudentin weiß ich, dass der Arbeitslose in einer Wohnung wohnt, deren Küche von 7-10 blauen und schwarzen Müllsäcken angefüllt ist. In den Müllsäcken ist: Müll und leere Flaschen (Wasser, Saft, Alkohol). Man kann den Raum nicht mehr betreten, ein schmaler Gang zum Gasherd, mehr nicht, sie hat ihn mal besucht. Einmal pro Woche bringt er einen Müllsack runter (den stinkendsten). Dafür sind in der Zeit zwei neue gewachsen. Das Bad: vermodert. Der Wohnraum: geht einigermaßen, teilweise ganz nett, das sei das seltsame, sogar ordentlich aufgeräumt. Seine Texte sind kurzweilig und erträglich auch nach längerem Vorlesen, vielleicht auch deshalb, weil er dabei relativ interessant aussieht: er ist groß, Kassenbrille, kurze braune Haare, rötliche Nase, Pickel, ziemlich hässlich. Beim Vorlesen ein Wechselspiel der Farben in seinem Gesicht. Rot, rotbraun, hellweiß, dann fleckig. Komisch, interessant. Er hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Die Kunstgeschichtsstudentin ist so eine in Hellbeige und Pastell, mit Halstüchlein und spitzen Damenschuhen. Sie fährt einen silberblauen Passat, den sie von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Das sind so Dinge, die man am Rand erfährt. 

 

Eine andere Frage ist: warum schreibt die Kunstgeschichtsstudentin, wenn sie so jemanden wie den Arbeitslosen mit dem Müll in der Küche kennt, unfassbar fade Texte über Architekten, die in einsamen Hotels Gänse beobachten, im Herbst, aus dem Fenster?

 

Sommerhaus, später. 

 

Selbstmord, Versuch.

 

Planen beim Roman ist Überhöhung des zufälligen „Wirklichkeits“geschehens in gedanklich verknüpfte Überwirklichkeit. Erfüllen Sie einen solchen Plan mit einprägsamen Charakteren, mit nachdenkenswerter Entwicklung dieser Charaktere, mit charaktermäßig bedingten oder den Charakter beeinflussenden Geschehnissen und vor allem mit einem allgemeinmenschlichen Thema, beachten Sie unsere Vorschläge hinsichtlich Steigerung, Spannung, Rhythmus, Verdichtung – dann haben Sie das Mindestmaß an erforderlichem Handwerkszeug für einen Roman beieinander. Ob Sie dann einen g u t e n, der Erinnerung und der Beachtung werten Roman schreiben, hängt nicht vom Handwerkszeug ab, sondern von Ihnen selbst. 

 

Ich weiß nicht, das ist so splattermäßig.

 

 



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molicana
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Mag ich Mag ich nicht

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19.02.2012 - 15:29 Uhr
molicana

Apropos Fahrradfahren und Arbeitslose
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzei...

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