Acta-Protest in München
Brrr, kalt war's; aber auf jeden Fall wert, hinzugehen. An der S-Bahn-Haltestelle 'Karlsplatz (Stachus)' um 1206 angekommen, begegnete mir ein kleiner Mob von 8 Polizisten. Ich ging die Treppe rauf. Hmm wenig los. Dachte schon, dass ein paar mehr da sein würden. Und es müssen gar nicht alles Demonstranten sein. Dann - langsam aber sicher - füllte sich der Platz. Pickelfaces, langhaarige Bombenleger und augenscheinliche Punks konnten nun eindeutig als Angehörige der Netzkultur und Teilnehmer der Protestaktion identifiziert werden. Ja, das klischeehafte Erscheinungsbild eines Nerds und Computerfreaks ist häufig vertreten. Guy Fawks-Masken hier und da, eine Anonymous-Munich-Fahne, Trollfaces, typische Memes der Netzkultur, die von mir hier zum ersten Mal in der "Realität" zu sehen waren.
Ich lief zweimal um den Platz herum, da ein paar Freunde laut Facebook-Gruppe (8000 Zusagen) auch hier sein wollten. Keiner da, was sich nach ein paar Telefonaten auch bestätigte. Es ist einfach, auf "zusagen" zu klicken, als sich tatsächlich auf die Strasse zu begeben. Als ich das dritte mal um den Platz lief, fiel mir auf, dass es immer voller wird, da ich schlechter durch die Menschenmenge kam. Ein Wagen wurde aufgebaut, ein Sprecher kam ans Mikrofon. Es ging los. Die Polizei meldete über 5000 Demonstranten. Ich hätte einen weit niedrigeren Wert geschätzt.

Mehrere Redner wurden vorgestellt (darunter auch ein Künstler), die kritischen Punkte im Acta-Abkommen wurden nochmal klar herausgestellt und mit "Nein!","Buuuh" und "Wuuuuuh" von der Menge kommentiert. Neben den tatsächlichen Fakten des Abkommens wurden auch Spekulationen und Interpretationen ausgesprochen, die sich mit meinen Bedenken größtenteils deckten. Dass das Urheberrecht nicht zeitgemäß ist, dass die Wirtschaft das Internet verschlafen hatte und nun mit Acta Ihre späte Reaktion ausgleichen will. Dass eine Raubkopie nicht mit dem Entwenden einer CD im Laden gleichgesetzt werden kann. Im Prinzip mache ich mich dadurch strafbar, dass ich ein Lied illegal herunterlade, weil ich es nirgendwo zum legalen Erwerb gefunden habe (weder im lokalen Geschäft, noch auf den großen Musikportalen im Internet). Darin gipfeln meine Bedenken bzgl. der schwammigen Formulierungen des Abkommens, dass Staatsgelder für die Verfolgung von so kleinen Delikten verwendet würden und einem kleinen Mann die Freiheit kostet. Und dann ist da noch der Three-Strike-Paragraph. Und und und. Genügend Gründe, um mal auf die Strasse zu gehen.

Um rund 1315 ging der Marsch Richtung Odeonsplatz los. Lange Menschenkette, die Polizei sorgte für Ordnung und dass die Strassen frei für den Marsch waren. "Wer nicht hüpft, der ist für Acta" und "Achter Stock" (oder "Acta Stop"? Man weiss es nicht) sorgten für Laune. Unschön fand ich einen Schreihals, der dauernd "Scheiss Linke, verpisst euch" geschriehen hat, wo es doch eine schöne Sache ist, dass verschiedene Parteien mit ihren Fahnen in den Massen zu finden waren.
Am Odeonsplatz angekommen (der Wagen fuhr mit und beschallte die Menge mit kritischen Liedern zB von den Ärzten), wurden nochmal ein paar Sprecher angehört, darunter ein Mitglied des CCC, aber auch einem "ganz normalen, parteilosen, vereinslosen Menschen wie du und ich" schenkte man seine Aufmerksamkeit.

Die Zahl der Demonstranten stieg laut Polizei inzwischen auf stolze 16000-20000. Und das trotz der grausigen Kälte. Dann verlies ich den Platz.

Ach ja: Neben den augenscheinlichen Nerds, Zockern und Freaks (das meine ich nicht abwertend, ich würde mich selber auch dazu zählen, wenn auch nicht dem Auge nach) waren auch genügend "normale" Menschen da, jüngere wie ältere.






