Mit dem Supermarktkugelschreiber in meiner Hand
Ich schreibe einen Brief an einen Freund, an jemanden der mir wichtig ist. An jemanden von dem ich zu lange nichts mehr gehört habe.Keine 160 Zeilen auf dem Weg nach Hause, voll von Abkürzungen und auslassen von Leerzeichen um Zeichen zu sparen, keine t9 Witzeleien. Auch keine Din A 4 Seite Standardschrift, eine Schriftgröße größer als normal, eineinhalb Zeilen Abstand, von @x an @y.
Nein, heute schreibe ich dir einen Brief auf dem guten Briefpapier, das bei dem ich mir immer vorstellen muss ich wäre ein großer Dichter und Denker wenn ich es benutze, einer der Nachts nach zu viel Rotwein im schwachen Schein einer einsamen Kerze an seinem Holztisch sitzt und Briefe schreibt die man in 200 Jahren mal als Zugabe einer Schullektüre abdrucken wird.
In der rechten Hand halte ich den Stift immer noch genauso „falsch“ wie vor fünfzehn Jahren als ich mit dem Schreiben begann, der Stift aus dem Fünferpack das ich mir kaufen musste, als mir mein schönster Stift von der Securityfrau beim Konzert abgenommen wurde, hätte ich ihn noch ich würde ihn benutzen.
Das einzige Licht kommt vom Sonnenuntergang, der irgendwo zwischen mir und dir in der Luft über meiner Heizung flirrt.
Wie soll ich dir schreiben ohne mich von Geigenmusik beeinflussen zu lassen die ich mir aus all' den schönen Geigenmusikstücken dieser Welt zusammengeklaut habe und in Endlosschleife aneinanderreihe?
Am Anfang nur dein Name mit Ausrufezeichen, unweigerlich muss ich an die kleinen Papierfetzen denken die überall in deiner Wohnung an den Wänden hängen, ausgeschnitten aus Zeitschriften und Postkarten, in der Küche, im Badezimmer, im Flur, an das Bild über dem Sofa, dass ich bis jetzt noch jedesmal beim Zurücklehnen runtergerissen habe. Du warst nie böse. Was wird aus mir? Aus diesem Brief? Am Ende auch nur ein Papierfetzen? Eine Leiche aus chlorfrei gebleichtem Papier, die dann irgendwann jemand anders interessiert betrachten wird?
Ich würde dir diesen Brief gerne schreiben, einfach weil ich gerne Briefe schreibe, weil ich den Geruch von Papier mag und die feinen Muster die die eigene Schrift bildet, wegen dem Kratzen des Stifts auf dem Papier und dem Kleber-Spucke Gemisch mit dem ich den Brief verschließe.
Ich würde gerne nachts nach zu viel Rotwein an meinem Holztisch sitzen und dir meine halbgaren Philosophien unterbreiten. Dann würde ich dir wahrscheinlich eine SMS schreiben, in der ich dir davon erzähle und davon wie ich den Brief mit meinem Billigfeuerzeug anzündete und ihn verbrannte bevor du eine Chance hattest ihn zu lesen.
Ich wünschte dieser Brief wäre nicht die Reaktion auf unbeantwortete E-Mails und SMS, ich wünschte dieser Brief wäre nicht die letzte Instanz vor ich klingel an deiner Haustür, ich wünschte dieser Brief würde sich nicht schon jetzt so sehr nach einer Anklageschrift anfühlen, ich wünschte ich müsste nicht ständig „Ich habe schon schlechtere Freundschaften als diese sterben sehen“ denken.
Heute schreibe ich dir einen Brief und wie ich da sitze mit dem Supermarkt Kugelschreiber in der Hand über Zentnerschwerem Papier, weiß ich nicht wie ich dir schreiben soll ohne mir Sorgen zu machen.
- 26.05.2012, nachtrag vor 4 Std.
- 26.05.2012 vor 5 Std.
- 25.05.2012 vor 5 Std.
- 24.05.2012 - rückwärts erzählt 24.05.2012
- Wochenschau 24.05.2012
Sehr gut geschrieben. Großartige Gedanken!








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11.02.2012 - 08:19 Uhr
DoktorGarchingHydroge…