Erfahrung
Ein junger Mensch, der mit wilden Augen
und hungrigem Atem durch die Gegebenheiten hetzt,
die er für das Leben hält:
Immer im Ansetzen, immer kurz vorm Sprung,
immer am Hetzen ...
Nur sehr temporäre Linderungen seiner Hast
- z.B. im Bett neben einem anderen Menschen,
während gemeinsam der Schweiß auf ihrer gemeinsamen
Haut trocknet, der Atem noch schnell,
aber nicht mehr hungrig – für einen Augenblick.
Oder ein Titel, ein Job, eine Wohnung, eine Rede, ein gewonnenes Argument --
kleine Etappen, kleinere Siege.
Aber nur kurz. Schon kommt wieder die Gier,
die Sehnsucht, das Reißen --
-- "Ich will sehen!", schreit er. "Ich will fühlen!"
"Ich will ERFAHRUNG!"
Und auf, und weg, und wieder ist er am
Rennen, am Hasten, am Grabschen ...
Erfahrung ist es, was er wirklich wirklich will --
-- oder was er dafür hält. "Nichts schlimmer", schreit er,
"als am Ende etwas verpasst zu haben!"
"Nichts schlimmer", schreit es in ihm, "als am Ende
Bedürfnisse zu haben, die nicht gestillt wurden, Gefühle,
die nicht gefühlt, Nahrung, Sehenswürdigkeiten, Sex oder Weine, die nicht
gekostet wurden!"
"Ich mache es mit Frauen, Männern und Pflanzen", sagt er.
"Ich will bei Geburten dabei sein und Leichen waschen,
Autos auseinandernehmen und Tiere sezieren.
Ich will alles wissen, was es zu wissen gibt. ALLES!“
So hetzt er durch die Gegebenheiten
(die er für das Leben hält)
bis plötzlich eine andere Figur sich vor uns erhebt,
ein älterer, furchtbar aussehender Mensch, der in einer Ecke
in Embryonalstellung kauert.
Er erhebt sich und richtet ein brechendes,
leeres Auge auf den jungen Hetzenden.
„Du weißt nicht“, sagt der Ältere, „was du da redest.
Du weißt nicht, was du da willst. Ab einem bestimmten Punkt,
gibt es kein Zurück mehr. Diesen Punkt willst du nicht erreichen.
Glaub mir: Es gibt Erfahrungen, die man besser ausspart.
Es gibt Erfahrungen, die dich auf eine Art verändern,
die alles verändert. Glaub mir einfach.“
„Nicht für MICH!“, schreit der Jüngere. „Niemals für mich!“
„Das hab ich auch mal gesagt“, sagt der Ältere.
„Und ich weiß, welche Erfahrung DAS hier sein soll“, schreit der Jüngere.
„Du willst mir sagen, dass du ich bist, in der fernen fernen Zukunft.
Darauf scheiß ich! Das gibt mir nichts! Die Art Erfahrung hab ich schon
gemacht. Das liegt alles schon hinter mir.“
„Gehen wir ein Stück gemeinsam?“, sagt der Ältere.
„Keine Chance!“, schreit der Jüngere. „Ich reise allein.“
„Schon mal darüber nachgedacht, welche Art Erfahrung du
für andere bist?“, fragt der Ältere.
„Einmal! Auch das hab ich hinter mir!“, ruft der Jüngere.
„Na dann“, sagt der Ältere. „Gibts noch was zu sagen?“
„Ja. Ich würde dir gern eine lange, komplexe Geschichte erzählen.
Es geht um mich, meine Kindheit und wer ich wirklich bin!“, sagt der Jüngere.
„Schon mal die Erfahrung gemacht, dass das jemand interessiert?“, fragt der Ältere.
„Noch nicht.“
„Verstehe.“
- Schneller als man denkt 23.05.2012
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(aber man lernt es natürlich nicht, so lang man um nichts anderes zu fürchten hat, als um einen selbst.)








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10.02.2012 - 22:01 Uhr
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