10.02.2012 - 12:59 Uhr

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7.8.9. 2. - von Stockholm nach Sortland - Reiseprotokoll - 2/2

Text: rasenmaeherkaputtmacher

15.12 Uhr
Wir halten irgendwo im Nichts, dort, wo es keine Häuser gibt. Der Busfahrer sagt mir, dass ich hier aussteigen solle. In 25 Minuten komme der Bus nach Sortland vorbei. Der sei vor 2 Minuten in Narvik losgefahren.

Dann stehe ich da und schau mich um, Fjord, hohe Berge, am Horizont goldenes Abendsonnenlicht, das sich durch die Wolken bricht. Ich hab keine einzige norwegische Krone im Portmonee, habe keine Visakarte und nur noch 300 Kronen auf meinem schwedischen Konto. In Gedanken überlege ich mir, wie ich den Busfahrer überreden kann, mich mitzunehmen, falls das Bezahlen mit der Karte der Sparkasse Harburg-Buxtehude nicht klappt. Dann überlege ich, in welche Richtung ich notfalls trampen soll. Narvik ist fünfzehn Minuten mit dem Auto weit weg, Sortland knapp zweihundert Kilometer.

Ich versuche Synne anzurufen, doch da kommt nur eine Computerstimme auf Norwegisch. Ich verstehe nicht, was sie sagt.

15.39 Uhr
Der Bus kommt. Bezahlen geht ohne Probleme. Ich bin erleichtert. Seit fast 24 Stunden bin ich nun unterwegs. Draußen wird es dunkel. Bald ist es pechschwarz. Ich schicke Synne eine SMS, dass ich im 15-Uhr-Bus sitze.

18.40 Uhr
Ankunft in Sortland. Es sind plus fünf Grad und stürmischer Wind. Ich frage mich, wie Synne heute wohl aussieht, wir haben uns schließlich vier Jahre lang nicht gesehen. Es kommen zwei Mädels auf mich zu, eine davon könnte Synne sein, ich grinse über beide Ohren. Beiden grinsen auch und gehen an mir vorbei und umarmen einen alten Mann, der mit mir ausgestiegen ist. Ich komme mir vor, wie im Film.

Der Busbahnhof ist etwas schäbig. Die Sitzpolster sind aufgerissen und sehen aus wie ausgeweidete Unterwassertiere. Ich warte auf Synne, sie kommt nicht.

Ich frage im Kiosk, ob man irgendwo ins Internet könne. Sie versteht mich falsch und erklärt mir den Weg zur Toilette.

Ich gehe raus in die milde Abendluft und frage nach einem Geldautomaten. Jemand erzählt was von anderer Seite des Stadtteils und ich folge seiner Wegbeschreibung und fünf Minuten später stehe ich am besagten Platz und habe norwegische Kronen in der Hand. Sortland ist klein.

Zurück am Busbahnhof ist Synne immer noch nicht da. Ich gehe raus zum Hotel gegenüber um dort nach Internet zu fragen. Das Hotel hat geschlossen. Nebenan steht ein Bowlingcenter, in dem es nach Fritten und Kaffee riecht und wie durch ein Wunder gibt es freies WLAN. Ich solle mich doch irgendwo hinsetzen.

In einer Mail von Synne von vor zwei Wochen steht ihre Telefonnummer. Sie unterscheidet sich fast nicht von der in meinem Handy, wie gesagt, fast nicht. Ich rufe sie an.

19:25 Uhr
Ich sitze in Synnes Küche und trinke abwechselnd ein Schluck Kaffee und ein Schluck Bier. Sie wohnt im Dachgeschoss eines weißes Hauses nahe dem Busbahnhof und als erstes fielen mir ihre fünf Gitarrenkoffer auf, die in dort in der kleinen Küche an der Wand lehnen. Die Wohnung ist gemütlich, die Haustür uralt. Sie erzählt mir, dass die anderen Wohnungen alle renoviert werden und dass sie das leicht verranzte alte viel lieber mag.

Wir haben uns viel zu erzählen und erzählen auch viel und sie raucht selbsgedrehte Zigaretten ohne Filter.

20.08 Uhr
Ein Freund kommt vorbei. Er ist blond und sieht hübsch aus. Synne erzählt, dass sie gerne Besuch hat, das sie will, dass eigentlich immer jemand vorbei kommt. Der Freund nimmt sich so selbstverständlich ein Bier aus dem Kühlschrank als ob er hier wohnt.

22.14 Uhr
Wir gehen ins Retro, einer Bar, in der Synne arbeitet. Auf dem Weg dorthin sagt Synne, dass ich aufpassen soll, denn es sei glatt und unter den Pfützen bestimmt Eis und fünf Sekunden später lag ich in einer solchen.

Im Retro ist es leer, fast niemand da, bis auf Ole. Ole ist schon alt, hat weiße Haare und eine Brille und eine Ledermappe voller Füller vor sich aufgeschlagen. Alles sehr edle Modelle. Plötzlich erklärt mir Ole auf deutsch, dass er deutsch gelernt hat, als er zwei Monate lang mit einer Schweizerin durch Japan trampte, während er mit einem Baumwolltuch seine Füller polierte.

Viel Bier trinken wir und man sieht mir meine Müdigkeit an und Synnes Kollege, der heute in der Bar arbeitet, stellt mir Vodka und Energytrinks hin und später auch einen Teller mit Brot und Wurst und Käse. Dann schmeißt er einen Eimer Eiswürfel über die Bar und lacht mit uns. Ich stelle fest, dass mir Sortland gefällt.

0.50 Uhr
Synne fragt, ob ich schlafen möchte oder ob wir noch zu einem Freund wollen. Ich sage, dass ich hier bin um Sortland kennen zu lernen und nicht das Gästebett, obwohl ich merke, dass Schlaf genau das richtige ist.

Mit dem Taxi fahren wir zum Pharao. Ich nenne ihn so, weil er eine Art Künstler ist, der außerhalb Sortlands wohnt und ägyptische Familienstammbaumäste hat. Sein Haus ist groß und sehr gemütlich mit dutzenden Bildern an der Wand und Holzskulpturen in der Mitte und im Kamin brutzelt ein Feuer und ein paar Leute sitzen auch im Wohnzimmer und trinken Wodka.

Man schenkt mit ein Schnapsglas mit klarer Flüssigkeit aus einer Plastikflasche ein und ich trinke es in einem Schluck. Es brennt und schmeckt scheußlich. Man schenkt mir Wodka ein, der plötzlich wie Wasser schmeckt. In der Plastikflasche ist Heimbrand, 80 Prozent Alkohol – absolut illegal.

Im Wohnzimmer steht ein Keyboard, dass an ein Aufnahmegerät angeschlossen ist, das wiederum alles looped, was irgendwie scheiße klingt und auf dem Keyboard klimpern alle drauf herum, mit ganz unmusikalischen Settings drehen Synne und ich damit am Rad und der Pharao macht expressionistische Geräusche mit seinem Mund und singt irgend ein bekloppten Text zu unserer Musik, während er mit einem alten Fischer skypt, der in Südnorwegen auf dem Wasser dümpelt und sich freut, dass in Sortland das Leben andere Regeln kennt als im Rest der Welt. Dieses Haus kennt einfach andere Regeln, mir gefällt das sehr.

Ich mache mir Kaffee und schiebe mir Wodka rein. Dann noch einen Kaffee.

4.27 Uhr
Ich kann nicht mehr, zu lange nicht geschlafen, zu viel Scheißmusik aus dem Keyboard und zu viel Alkohol an Bord. Ich gehe in die Küche und mache mir noch einen Kaffee. Dann schmeiße ich meinen Kopf in den Müll und lege mich schlafen. Nach 36 Stunden unterwegs sein...

15.02 Uhr
Ich wache auf. Und steh auf. Keinen Kater. Nur Hunger.
Es war gut, alles ging gut. Die Busfahrt war zwar lang und nervig, doch ich bin froh um die Fotos, die sie mir ermöglicht hat. Die Leute in Sortland sind nett und verrückt. Das gefällt mir. Ich glaube, die Woche wird gut...

Beim Blick aus dem Fenster verstehe ich, warum die Leute von den Lofoten schwärmen. Beim Blick aus dem Fenster wird mir alles klar.

Es war Nacht, als ich angekommen bin. Da konnte ich noch nicht ahnen, was hier eigentlich lost ist.




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2 Kommentare

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fuckartletsdance
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Mag ich Mag ich nicht

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10.02.2012 - 13:01 Uhr
fuckartletsdance

Haha, also, wann hat man im Bus wenn man schlafen will schon Mitmenschen die einem erträglich erscheinen?

Loseyan
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Mag ich Mag ich nicht

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10.02.2012 - 18:21 Uhr
Loseyan

Wow. So muss das sein, das Reisen.


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rasenmaeherkaputtmacher unbekannt

rasenmaeherkapu…

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.

'reg dich nicht auf - wunder dich!'
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