Zweite Februarwoche
Eihülle, Küchenfest, diverse Erschöpfungszustände & Taxiweisheiten
3. FebruarIm letzten S-Bahn-Wagen zu sitzen, auf der hintersten Sitzreihe hat Vorteile (im Gegensatz zum Bus): Erstklass-Feeling mit Holzarmlehnen, an viele Bahnhöfe steigt keiner zu wg. zu weit weg, zudem kann man bei Aussteigen sondieren, mit wem man zum Hochhaus gehen möchte. Ruhiger Arbeitstag. J. reserviert im Affekt für Montag eine Eisstockbahn. Sage die kleine Peking-Reise im März ab, kriege keine Texte dazu unter. Müde daheim und noch Küchenarbeit. Für die deluxe-Parmigiana morgen etwa 100 Scheiben Aubergine eine Eihülle anfrittiert. Nicht sehr besinnlich. Weil der Herd damit belegt ist, holen wir Essen von unten.
4. Februar
Abends soll das kleine Küchenfest sein. Wie immer wollen wir kein Aufhebens darum machen, wuseln aber doch ab 9 Uhr rum wie vorgespult. Fahre noch mal Sperrholz zum Wertstoffhof, dann Getränkemarkt. Später Fischsuppe mit einem Kilo Seeteufel. Weil Kinder zu erwarten sind, müssen auch die Krabbelziele gesäubert werden, nicht dass wieder eines voller Staub und alten Mandarinen hinterm Kühlschrank vorkommt. Ab sechs fröhliches Eintrudeln. Sorge, dass die Getränke am Balkon einfrieren. Tatsächlich kommen fast alle, nur JB sagt ab. Mein Plan: Alle gruppieren sich locker essend in der Wohnung, während ich was Neues zubereite. Klappt überhaupt nicht, 16 Leute sitzen am Tisch, essen alles sofort auf. Neuankömmlinge werden dazu gequetscht. Kurzeitiger Kontrollverlust, Löffelknappheit, nebenbei Parmigianazubereitung. Aber lustig. Der riesige Suppentopf war innerhalb von zehn Minuten leer. Herrje. Gegen Mitternacht entspannt sich die Lage etwas, weil dann nur noch getrunken wird. Wein und Proseccokisten zuerst leer, dann gehen die Herren noch engagiert ans Bier. Lange fröhlich mit KB, H und den lieben S und S. Am Ende ist es fünf. Verdacht, dass ich seit zwölf Stunden durchtrinke. Geraucht wurde auch, natürlich nicht auf dem Eisbalkon. Verwüstung hält sich in Grenzen, J. beseitigt noch das Gröbste während ich innerhalb einer Sekunde einschlafe.
5. Februar
Gut an eigenen Festen ist ja, dass die Wohnung danach immer noch einigermaßen aufgeräumt ist und Essen rumsteht, das man besinnungslos auf den Kater werfen kann. Nichts davon diesmal, alle Töpfe leegekratzt, Küche riecht übel. Hm. Kater nicht ganz schlimm. Trotzdem Tag überwiegend liegend. Immerhin: Kiste mit 0,2l- Colafläschchen ist übrig geblieben. Kinderluxus! Festfazit: Gelungen. Nächstes Mal größere Töpfe. Außerdem erst hinterher erkannt, was unsere Freunde zufällig für interessante Leute geworden sind: Herzinfarktspezialistin, Kommissar für ungeklärte Todesfälle, Pariserin, Songwriter, Floristin etc. Sehr schöne Geschenke, die wir erst jetzt auspacken und herrliche Blumen. Schiebe die ganze Steuersachen vor mir her, Zwegat hilf!, mache schon ganz Kacheltisch-mäßig nicht mal mehr die Briefe auf. Angst vor Formularen. Im BenBrooks-Buch gelesen, das halb anziehend, halb belanglos. Man muss halt immer denken, dass er 18 ist.
6. Februar
Die Kälte lässt das Haus knarzen. Sitze morgens am Schreibtisch in Decken gewickelt wie bei Spitzweg oder Dr. Schiwago. Kalte Hände. Koche zusammen mit J. wieder einen Riesentopf Suppe, diesmal Gulasch. Lustiges Anziehen sämtlicher Winterklamotten, J. kann kaum mehr gehen. Zum Nymphenburger Kanal wo wir die J.-Familie treffen, die vollständig antritt, Mama ist leider krank. Beziehen die Eisstockbahn, mit Blick auf das Schloss, leihen Stöcke etc, nicht billig, das Ganze. Warum gehört irgendwem das Eis? Rundherum alte Hasen. Trotz der Kälte vergnüglich, auch gar nicht so einfach. Nach zwei tapferen Stunden mit komischen Glühgesichtern in die Hübnerstraße zur Gulaschsuppe. Wieder ist der Topf in zehn Minuten leer. Gegen sechs alle weg. Genug mit Geburtstagstrara, Suppentopf einmotten. Erschöpft. Auch wieder unzufrieden mit allem, vor allem mit mir. Bei aller Ablenkung bin ich doch etwas in der Krise, so ganzheitlich. Schön auf arte: Schiessen sie auf den Pianisten!, den ich noch nicht kannte.
7. Februar
Heute soll mal was gearbeitet werden. Sitze an dem Kettcar-Text, geht aber zäh. Platte redundant aber natürlich nicht richtig ärgerlich, was einfacher wäre. Bisschen am Roman auch weiter, aber immer noch unsichere Schrittchen. Final J.-Gerümpel weggefahren, das war’s jetzt erstmal, als nächstes ist mein Zimmer dran. Müsste so viel lesen, mailen, anleiern, entscheiden und mache: nix. Die gefrorene Stadt im Schnee ist hübsch. Hübscher: Mit schneekaltem Becks in der Badewanne. Zum ersten Mal am Tag ganz warm. Allerdings zu lange drin und Kreislaufkollaps. Oh boy.
8. Februar
Heute hatte ich einen KZ-Traum. Wo kommt das jetzt her? Mit der neuen Lambchop- in die Redaktion gefröstelt. Viel Post, viele Mails. Sonst alles recht übersichtlich. Mit WH der auf der gefrorenen Außenalster war, über Romanaufschub, was zu klappen scheint. Linde Erleichterung. Kettcar-Text fertig. Abends allein zur Muffathalle wg. Knyphausen-Konzert wo M. ja managt. Treffe ihn hinterm T-Shirt-Stand, der umlagert ist von Frauen, die sich Knyphausen-Shirts krallen, hunderte. Schaffen kaum drei Worte. Erstaunlich, vor drei Jahren spielte der noch unbeachtet in einer Ecke im Cord, jetzt genau 998 zahlende Gäste. M. erzählt, dass seit der ZEIT-Story, in der Knyphausen als Parade-Weichei vorgeführt wurde, die Interviewanfragen dutzendweise reinkommen. Als ob es sonst keine Schluffis mit Gitarre gäbe. Konzert so lala, Band und Halle irgendwie zu groß für die kleinen, schönen Lieder. M. nach zwei Wochen Tour groggy. Treffe noch JW und MG, nett. Gehe während der Zugabe. Vor der Halle wartet ein freies Taxi, das ich absichtlich nicht nehme, weil alles besser, vernünftiger werden soll. Isartor S-Bahn, die dann natürlich vor der Hackerbrücke mit Triebwerkschaden liegen bleibt. 40 Minuten stumpf in der Nacht gestanden, zum Glück den Brooks dabei. Bus fährt dann auch keiner mehr, also drei Kilometer zu Fuß in die Hübner. In Zukunft immer Taxi.
9. Februar
Seltsamkeiten. Zum ersten mal in meinem Leben werde ich geheadhuntet und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte Head of Internal Communication worldwide bei Konzern YX zu werden. So bizarr, dass mir gar nix einfällt. Lasse mir das genaue Jobprofil zusenden, bei dem ich so ungefähr die Hälfte der Anforderungen nicht erfülle. Wie arbeiten diese Personalagenturen? Den ganzen Nachmittag Spaß am Gedankenspinnen, wie so ein Leben aussehen würde, worldwide. Dann Botschaft auf jetzt.de von einer Person, ob ich literarischen Austausch mit ihr mache, sie auch Autorin, Selbstverlag etc, Smiley. Ich okay, antworte ausgiebig und nett. Keine Reaktion. Abends, als ich den Tagesdienst beende, will sie sich auf FB anfreunden, okay, eine Minute später Chatfenster auf und die Fremde fragt, ob ich überhaupt Deutscher wäre wg. meines Namens SmileySmiley. Ich frage warum, bejahe, bitte um Smiley-Unterlassung. Sie wieder SmileySmiley. Ich: Okay, adieu. Daheim mehrere FB-Botschaften, sie hätte schon gemerkt, ich wäre so arrogant etc und auf den Bildern sähe ich auch „anders besaitet“ aus. WTF? Schreibe erzürnt zurück, von wegen Distanzlosigkeit und überhaupt, was das soll und was für eine Geisteshaltung denn hinter dieser „besaitet“-Kacke stecke? Hätte ich geschwiegen. Es folgt eine baumlange Mail mit Schmähungen, Beschimpfungen, Drohung, immer unterfüttert von bittersten biographischen Einsichten. Du lieber Himmel, aus dem Nichts. Wie schnell das im Netz geht und wie schwärend gleich die Sorge, die Irre könnte in ihrem Wahn irgendwas anrichten, besudeln whatever. Verstörend, das alles und natürlich ärgerlich. Zur Beruhigung mit J. die zwei letzten Folgen Downton Abbey, am Schluss geradezu tumultartig. Sorge wegen der Fahrt nach Amberg morgen, in Eis und Schnee und mit maroder Karre.
- 26.05.2012, nachtrag vor 4 Std.
- 26.05.2012 vor 5 Std.
- 25.05.2012 vor 5 Std.
- 24.05.2012 - rückwärts erzählt 24.05.2012
- Wochenschau 24.05.2012








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10.02.2012 - 13:00 Uhr
MsAufziehvogel