08.02.2012 - 23:27 Uhr

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Go on, Baby!

Text: fuckartletsdance

Als A. ihren schon längst überwundenen Liebeskummer wiederaufleben ließ fragte ich sie Wie kannst du ernsthaft davon ausgehen, dass es keine andere Person auf der Welt gibt die dich glücklich, vielleicht sogar noch glücklicher als alle anderen machen kann, ich meine 7 Milliarden Menschen und du vertraust darauf die Eine zufällig in der Disko, zwei Straßen von dir entfernt getroffen zu haben?
Es war nicht als würden diese Sätze plötzlich aus mir herausbrechen. Sie waren gut durchdacht, mein Mantra, lange schon, lange bevor ich A. das erste mal traf. Jedesmal wenn ich aufgeben wollte, wenn ich dachte mein Leben auf einen ganz bestimmten Punkt zulaufen zu sehen, jedesmal sagte ich mir: Es gibt mehr als ein Leben für dich da draußen, es gibt tausende, du musst dir nur eins aussuchen und wenn's dir nicht mehr gefällt, dann go on Baby!
Ich war siebzehn und hielt alles für prinzipiell möglich, Rockstar, Aussteiger, Schichtarbeiter, Student, Hipster, Au Pair, Baumretterin, Regiesseurin, warum nicht?
Ich war siebzehn und glaubte in der Welt könne keine Entfernung zu groß für mich sein, hätte man den Wald und die Berge erstmal hinter sich gelassen.



Ich bin einundzwanzig Jahre, neun Monate, 10 Tage und ein paar Stunden alt und habe in den letzten Jahren etwas über Entfernungen und Möglichkeiten gelernt.
Ich habe die Wälder und Berge hinter mir gelassen und nur langsam wird mir klar, dass ich dafür mit einem Stück Freiheit bezahlt habe, einem Stück Gedankenfreiheit,
 dass von meinem persönlichen Bankberater verwaltet wird und von einem Teil in mir selbst, der an einem sehr glücklichen Tag geboren wurde. Trotzdem singe ich ihm kein Lied zum Geburtstag. Vor dem Spiegel stehend sage ich zu ihm: Wer hat dich eigentlich hier reingelassen? Und wie lange bist du schon hier? Ich atme einmal ganz tief ein, gucke ihm in die Augen und dann sage ich: Geh jetzt. Ich möchte dass du jetzt wieder gehst.
Er wurde aus purem Glück geboren, zwei Tage später taufte ich ihn mit Bier und einer guten Freundin, ich nannte ihn: Zufriedenheit, mit ihm kam die Langeweile.

Meistens ist der böse Zwilling der Zufriedenheit ganz still, solange freue ich mich, wenn ich jemandem den Weg erklären kann, ich finde es schön auf der Straße Bekannten zu begegnen und zu wissen welcher Copyshop die freundlichste Bedienung hat, ich gebe viel Trinkgeld für den Kellner der meine Bestellung nur noch aus reinem Pflichtbewusstsein erfragt und sitze stundenlang mit M. Im Cafe. Solange ertrage ich auch die schlechten Tage, ich ertrage die Tage an denen ich niemandem begegne außer der Putzfrau, die Tage an denen ich denke ich müsste mich sofort exmatrikulieren, ich ertrage, dass das Glas manchmal halbleer ist.
Ich ertrage all das, weil ich genug Zufriedenheit für einen bestimmten Zeitraum angesammelt habe. Wie ein Eichhörnchen verstecke ich sie unter meinem Kopfkissen oder im mittleren Schreibtischfach um sie herauszuholen und davon zu zehren wenn der Winter kommt.

Der Vorrat wird knapp.

Und dann kommt die Langeweile zurück.

Als A. ihren schon längst überwundenen Liebeskummer wiederaufleben ließ traute ich mich nicht ihr zu sagen: Hör verdammt nochmal auf aus Angst zu verlieren zu versuchen einen nur mäßig guten Status quo zu bewahren! Go on!

Als wäre es die ganze Zeit offensichtlich gewesen, fühle ich, dass ich weiter muss, dass ich nie genug Zufriedenheit ansammeln kann, weiter, nur immer weiter, meinetwegen geradeaus, die Flucht nach vorne.
Da draußen ist eine ganze Welt, tausende Leben und du gibst dich mit einem mäßig gutem zufrieden, wo da draußen doch die besten auf dich warten. Du nimmst auch die schlechten Momente hin und glaubst sie mit einigen perfekten kompensieren zu können? Narr!
Ich will Fortschritt unbedingt und in jeder Hinsicht, dann prüfe ich meinen Kontostand, schaue nach wann der nächste Zug fährt und wohin man vom Flughafen meiner Wahl so fliegen kann, ich kalkuliere den durchschnittlichen Preis für Nudeln mit Ketchup in verschiedenen Ländern und überschlage wie lange das Geld reichen würde, ich überlege wie ich meinen Freunden erklären würde, dass mir das Glück mit ihnen manchmal nicht reicht. Ich möchte zum nächsten Tattoostudio rennen und sagen: Los, zögern Sie nicht, ich scheiß auf den Schmerz: Sicherheit wird zu Langeweile und Langeweile wird zu Zorn, irgendwo hin wo ich es immer sehen muss!

Dann steht M. vor meiner Tür, sie fragt ob ich mitkomme das Fuchskostüm kaufen und danach die neue Teebar auszutesten. Klar, sage ich, lass uns fahren.

Und dann weicht die Langeweile und der Zorn der Zufriedenheit, aber für wie lange? Für zwei Monate oder nur für zwei Stunden? Wie groß wird der Zorn sein wenn er wieder kommt und dass er wiederkommt ist eines der wenigen Dinge die ich mit Gewissheit sagen kann.
Während M. und ich darüber fachsimpeln wie man in der Teebar Kuchen bestellt, Quallen und Katzen im Teesatz lesen und über die Ästhetik von Kandiszucker nachdenken höre ich ein siebzehnjähriges Mädchen aus der Ferne rufen, nur leise oder vielleicht kann ich es auch nur deswegen nicht verstehen, weil ich selbst zu laut bin. Erst als ich abends im Bett liege und meinem eigenen Atem lausche erinnere ich mich an sie, sie schreit über Wälder und Berge und Städte hinweg, lotet die Grenzen von Raum und Zeit neu aus. Sie ruft nur drei Worte wieder und wieder: Go on, Baby!


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himmelstaenzerin
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Mag ich Mag ich nicht

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15.02.2012 - 15:20 Uhr
himmelstaenzerin

Sauguter Text! Go on, baby - aber verlier dich nicht, vor lauter Fortschrittssehnsucht. Es gibt durchaus auch Zufriedenheitszauber, die meisten nehmen ihn nur nicht wahr.

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