Von der Hand an die Wand
Es gibt Vermissten-Zustände, die braucht man nicht wirklich. Ich weiß, wovon ich schreibe, zumindest heute. Und zwar wenn die Handwerker-Innung offenbar Phantomschmerz oder Verlustängste als Zusatzausbildung anbietet.Ich will es mal so beschreiben: Mein Bad ist endlich fertig. Nach drei Monaten. Ja, Applaus ist angebracht! Es fehlt noch ein Wohnzimmerdeckenanstrich und ein neuer Fußbodenbelag in einem Flur, aber man will ja nicht kleinlich sein. So kann ich verkünden, ich habe das Schlimmste dieser Bad-Tsunami-Vollverwüstungs-Katastrophe überstanden. Es war erst vor wenigen Tagen, da sagten die stattlichen Blaumänner zärtlich Servus (oder was der Hesse so sagt, wenn er einen Westfalen liebgewonnen hat), schauten mich traurig an, klopften mir auf die Schulter und weg waren sie.
Nein, nicht ganz, denn in der Nachbarwohnung ging es für sie weiter. Die Trennungsphase war allerdings angebrochen, denn auch im Nachbarbad schien sich die Restaurationsbewegung dem Ende entgegen zu neigen. Irgendwann kam die Zeit und jemand nahm den Schlüssel für die Nachbarwohnung an sich, sagte kurz Danke und verschwand.
Sicher, morgens um 8 Uhr NICHT die Tür für eine Horde gutgelaunter Blaumänner im handlichen Schrankformat öffnen zu müssen, ist schade, aber man kommt schnell drüber hinweg. Auch hatte ich es schnell raus, nur noch Kaffee für mich und meinen Gatten zu kochen.
Meine Handwerker hingegen können offenbar nicht genug bekommen von meiner mütterlichen Art. Vielleicht habe ich sie zu oft Herzchen genannt, wenn sie wieder mit ihren kleinen Wehwehchen ankamen und ihre Riesenpranken hinhielten, damit ich ein Pflaster draufklebte. Vielleicht fehlte ihnen die Bewunderung durch meine Söhne, denen selten ein Bohrer laut genug sein konnte. Wer weiß das schon.
Zufrieden damit, sich wieder der Körperpflege an einem Stück hingeben zu können, dachte ich an nichts Böses, als das Telefon klingelte.
Hallo! Wollten nur sagen, wir kommen dann morgen früh. Ist Ihnen das recht?
Bitte? Ich dachte, ich hätte Wasser in den Ohren.
Ja, zu Ihrem Nachbarn.
Schön, aber ich habe keinen Schlüssel mehr für seine Wohnung. Was jetzt kam, ist schwer zu beschreiben. Ich befinde mich selten in einer Lage (obwohl ich mich intensiv in die Gefühlswelt von Handwerkern eingearbeitet habe) auf Knopfdruck Betroffenheit zu heucheln. Aber der Mann am anderen Ende der Leitung brach schlicht und ergreifend in Panik aus. Wieso hätte ich keinen Schlüssel mehr? Es klang, als erwarte er, dass alle Einwohner Mühlheims mir ihre Schlüssel geben. Ich ließ einen Augenblick in tiefenentspannter Gelassenheit verstreichen, da ich den handwerklichen Mann in seiner desolaten Gefühlswelt nicht alleine lassen wollte, dann wünschte ich einen guten Tag und legte auf.
Nur wenige Gedanken ließen mich in dem sich anschließenden Spätvormittag aus meinem stundenlangen Sekundenschlaf hochschrecken, bis plötzlich das Telefon erneut schellte. Eine andere männliche Stimme meldete sich. Man gab sich keinerlei Mühe, die kaum zu bändigende Irritation zu kaschieren, die offenbar in dem Hauptquartier der Handwerker herrschte. Was sie so verunsicherte? Klar, der Umstand, dass ich KEINEN Schlüssel mehr hatte.
Hab ich wirklich nicht. Ich wollte nicht ernstlich meine westfälische Patzigkeitkarte ausspielen. Schließlich hatten wir eine gemeinsame Vergangenheit. Keinesfalls wollte ich die sehr schön zusammen erlebten drei Monate mit einem Schlag ausmerzen. Das ist man einer guten, aber beendeten Beziehung schließlich schuldig.
Aber mir kam schon der Gedanke, was mein Lieblings-Pöbler Jürgen Klopp an dieser Stelle zu Protokoll gegeben hätte. Ich verehre den Trainer von Borussia Dortmund, erwähnte ich das schon? Ich mag es, wie der Mann sich mitteilen kann. Der pöbelt auf so eine verlässliche, anschauliche, fast unverschämt sympathische Weise, die mir einfach in diesem Fall fehlte. Hätte ich doch diese Gabe, zu sagen was Sache ist, mich würde man endlich mal in Ruhe lassen. Aber ich bin zu nachgiebig. Mist!
Es herrschte Entsetzen in der Telefonleitung, was mir überflüssigerweise total leid tat. So mühte ich mich, mit einem herzigen Tonfall den Umstand zu beleuchten, wie es sein kann, dass der Wohnungsmieter über mir (oder welche zwielichtige Schlüsselfigur auch immer), den Schlüssel an sich nahm, nachdem die Bauarbeiten augenscheinlich beendet waren. Keine Ahnung, aber ich glaube, der Mann am anderen Ende hörte gar nicht richtig zu. Entweder er war plötzlich stocktaub geworden oder seine Gehirnfunktionen kämpften hauptsächlich gegen eine Sauerstoffunterversorgung infolge einer Hyperventilation an, so dass für die Funktion Zuhören kein Raum mehr war. Wie dem auch sei, ich beendete das Gespräch.
Es klingelte nach einer halben Stunde wieder. Offenbar war dieser Schlüsselschock in der Handwerker-Hauptzentrale eine Art ansteckender Geisteszustand. Ein weiterer Herr (oder der vom ersten Mal) fragte entsetzt, ob ich den Schlüssel WIRKLICH NICHT HÄTTE.
Ich bedauerte. Allerdings bedauerte ich in erster Linie, keine Krimis zu schreiben, denn diese Zurschaustellung von GUTER HANDWERKER-BÖSER HANDWERKER war perfekt inszeniert. Respekt!
Wie gesagt, es ist ja Herz erwärmend, wenn man derart vermisst wird, aber können die Jungens nicht mal Hemmungen entwickeln? Oder einsehen, dass Handwerkern die Kernkompetenz des Telefonierens nicht in die Wiege gelegt ist?
Sie hatten offenbar mittlerweile ganz Mühlheim und den Kreis Offenbach auf der Suche nach dem Schlüssel aufgemischt. Sie hatten einen Namen aus den Verhörten herausgepresst. Den Namen einer weiteren Nachbarin, bei der sich der blöde Schlüssel nun befinden KÖNNTE. Aber von der hätte man keine Telefonnummer.
Ich will nicht (weiter) ins Detail gehen. Nicht etwa, weil ich Angst hätte, Euch zu langweilen, nein. Denn was könnte lustiger sein als Verwechslungskomödien? Ich denke da mit feuchten Augen an Is was, Doc? mit der göttlichen Barbra Streisand und den vertauschten, karierten Koffern. Und wie war das mit den Koffern bei Luis de Funes?
Aber hier kann ich EBEN NICHT ins Detail gehen. Warum? Weil ich komplett den Überblick verloren hatte. Wer hatte denn nun wie und warum welchen Schlüssel? Und was hab ich damit zu tun? Ich war doch offenbar die einzige Person, die nachweislich den Schlüssel NICHT hatte.
Egal. Ich habe den Mann an der Leitung nahegelegt, sich zu beruhigen, habe persönlich einen Zettel geschrieben und an eine nachbarliche Wohnungstür geklebt. Kurze Zeit später baumelte in meinem Schlüsselkästchen wieder DER Schlüssel.
Ich will Euch nun folgenden Rat geben: Sollte es in Eurem Bad zu tropfen beginnen – verlasst das Land.

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08.02.2012 - 13:11 Uhr
vaus
notfalls was mit hand- und mundwerk....
von der wand auf den hund. nein, das ist zu albern.
vaus sagte:
*supersach!
ich hätt es beinahe verpaßt zu lesen, weil der titel bissle wenig aussagt.
jetzt also besser???
lieben schneeigen gruss aus hessen
john_doa sagte:
Ich habe inzwischen erratisch eine Hand voll Schlüssel in der Nachbarschaft verteilt. Das hilft aber auch nichts...
Ich stell mir das gerade vor, wie du bei deinen Nachbarn klingelst: könen sie bitte meine schlüssel nehmen, weil mich sonst die handwerker bis ans ende meiner tage verfolgen!!!!
dazu so trompeten tatataaaa-musik aus dem off
lach
(aber das hilft wirklich nichts, meine handwerker waren eben wieder hier und guckten treu - die kälte macht offenbar so ziemlich allen wasserrohren zu schaffen...ich ziehe ja bald weg hier...besser ist das)








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08.02.2012 - 12:59 Uhr
vaus
ich hätt es beinahe verpaßt zu lesen, weil der titel bissle wenig aussagt.