12.03.2012 - 21:55 Uhr

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Stadtanthropologie in Hamburg

Text: HEDunckel


Im Rahmen des Studiengangs Kultur der Metropole an der HafenCity Universität Hamburg (HCU), gab es im Januar eine Vortragsreihe mit dem Titel: “Armutszeugnisse? Zum Verhältnis von Stadt und Fotografie”. Diese fand in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg und dem Museum für Hamburgische Geschichte statt. Es ging um Relationen zwischen Armut, Stadt und Fotografie. Einerseits wurde gefragt, wie sich ein fotografischer und auch forschender Blick auf die materielle Armut in der Stadt verändert hat. Zum anderen sollte aus einem medientheoretischen Blickwinkel diskutiert werden, welches Potenzial die Fotografie für die perzipientelle und kognitive Analyse von Stadt ausweisen kann, um Phänomene in Metropolen entschlüsseln zu helfen. In Vorträgen und Gesprächen trafen unterschiedliche Positionen aufeinander, die über Beispiele bezüglicher Praxis reflektiert wurden. So ging es in medientheoretischen Perspektiven um die “Armut der Wahrheit – Gefahr des Ähnlichen” (Dr. Andreas Stuhlmann - Universität Hamburg), um eine Dokumention mit dem Titel “Monalisen der Vorstadt” (Prof. Ute Mahler - Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg), im Kontext von Fotografie und dem Medium Ausstellung um die “Architektur der Obdachlosigkeit” (Prof. Dr. Lisa Kosok - Museum für Hamburgische Geschichte / Andreas Herzau - Fotograf) und in einem Gespräch über Fotografie und das Medium Buch um “Die Armut über den Dächern” (Stefan Canham - Fotograf / Hannes Wanderer - Verleger). Im Dezember gab es bereits in den Deichtorhallen einen interessanten einführenden Vortrag, mit dem Titel "Berlin - London - New York: Topografien der Armut in der dokumentarischen Fotografie" (Dr. Nina Trauth) - den ich leider verpasst hatte.

Bei all diesen Reflexionen stand die kulturelle Dimension von Stadt-Bildern und ein interdisziplinäres Arbeiten im Mittelpunkt. Die HCU stellt sich im Internet vor: “Im Studiengang werden wissenschaftliche Methoden und künstlerische Praktiken aus unterschiedlichen Fachbereichen miteinander kombiniert und in Beziehung gesetzt: Dazu gehören Philosophie, empirische Kulturwissenschaften, Geschichte, Kunst, Design, Betriebswirtschaft, Statistik, Management und Medien. Mit dieser Interdisziplinarität können die vielfältigen Fragestellungen bearbeitet werden, die das Phänomen Stadt aufwirft.” Es wird sich also um eine Vielfalt von Qualitäten in Informationsmengen bemüht, die mittels ihres weitgefassten Umfangs auch eine weitgehend uneingeschränkte Eigenkombinatorik im Operativ zulassen. Dabei wird ebenfalls nicht ermangelt, bisher Unbekanntes als durchaus kompatibel gelten zu lassen, um es als ignotum per ignotius, als Unbekanntes durch noch Unbekannteres ersetzen zu können; und so derartige Wahrscheinlichkeiten auf jeden Fall offen zu halten.


In den Kontexten all dieser Vorträge und Gespräche drängte die Frage nach einer Proportionalität von Exotik zwischen den involvierten Perzipienten (Empfänger) und Expedienten (Sender) in den Vordergrund, zumal in der thematisch präsenten situativen Ästhetik ein Rollentausch nicht auszuschliessen war. Eigentlich unerwartet kam mir eine Erwähnung Heinz von Foersters in den Sinn. Die Anthropologin Margaret Mead war dafür bekannt, schnell die Umgangssprachen vieler Stämme zu erlernen. Sie zeigte einfach auf beliebige Objekte und lauschte den dadurch evozierten Geräuschen. Jedoch fand sie sich einmal in mitten eines Stammes, wo dieses Rezept nicht funktionieren wollte. Egal auf was sie auch deutete, immer erklang die selbe Lautfolge aus den Mündern der Eingeborenen: „chu mulu“. Anfänglich glaubte sie einer extrem primitiven Sprache begegnet zu sein, doch später erfuhr sie, dass der Begriff „chu mulu“ sich auf das Konzept „mit dem Finger zeigen“ bezog.

Theodor W. Adorno beschrieb in „Ästhetische Theorie“ eine gewisse Sympathie der Moderne für Exotisches, wo über eine Abstraktion von Naturobjekten, diese dem kreativen Gestalter begehrbar werden. Historisch zeichnete sich ab, dass in einem Maße, wo der perzipientelle Umgang mit dem Exogenen, dem durch äußere Fremdartigkeit bedingten, sich in Konzepten des Endogenen, im eigenen inneren Ursprung, expedientell und als Kultur vermittelnd exponiert, verliert Exotik, als ein immer gegenseitiges Phänomen, an Fremdartigkeit. Barrieren zwischen den in derartigen Prozessen involvierten Intermedianten können abgebaut werden, und gelegentlich sogar fallen. Als reziproke Exotik gewinnt hier auch materielle Armut als Austausch von kulturellen Gütern und Techniken an Bedeutung, da sie auf diese Weise, zwar nicht unmittelbar und materiell nachweisbar, jedoch indirekt und auch durchaus nachhaltig Reichtum generieren kann. Doch kann eine dem Thema korrespondierende Komplexität und Sensibilität sogar direkte Erfolge für aufgewendeten Fleiß und sichtbare Sorgfalt ausweisen. Die konzeptuell wie darstellerisch sehr gelungene und im Vorfeld bereits exotisch angelegte Photo-Buch-Dokumentation “Die Armut über den Dächern” ist zum Beispiel seit längerem vergriffen; Autor und Verleger konnten ergänzend zu ihren Projektionen nur ein verbliebenes Belegexemplar zeigen.


Das Bild der Vorträge in seiner Gesamtheit wies in diesem Zusammenhang diverse weitere Stimmigkeiten aus. Das Antlitz eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts fotografierten Ziegelträgers bei der Arbeit, zierte als „Atlas“ Prospekte und Poster einer Ausstellung unserer Tage: Sein “Image” repräsentiert in unserer Aktualität eine „Ästhetik“ von zeitgenössischem „Life-Style“ und der abgebildete Arbeiter wäre heute eher ein Super-Modell als ein schmutziger Prolet. In den exotischen Armen-Vierteln der eigenen Stadt wirkte die Fotografin Ute Mahler nur gering exotisch, ebenso in den meist sauberen Vororten von Florenz, wo die lokalen Anwohner eher vermuteten einer verirrten Touristin zu begegnen. In einer Stadt wie Liverpool hingegen, wo es fast keinen Tourismus gibt, wirkte die Fotografin mit ihrer Profi-Ausrüstung geradezu exotisch, im Kontrast zur einheitlichen Trostlosigkeit von Armut im Hintergrund. Ein sehr peripheres Ablichten völliger Abwesenheit des eigentlichen Geschehens von Armut, zeichnete die Arbeiten von Andreas Herzau aus. Hier zeigte sich, wie in der anfänglich von Margret Mead beschriebenen situativen Ästhetik, ein wiederholtes Bild von Abstand und fehlendem Verständnis, das sich auf diese Weise auch einer ideellen, synergetischen Bereicherung entzog. Eine, bei “Die Armut über den Dächern” in Hongkong verwendete, große Holzkamera, unterstrich hingegen die Relevanz, auch exotische Arbeitsmittel in einem exotischen Ambiente anzuwenden. In dialektischer Äquivalenz wäre hier daran zu erinnern, dass Andy Warhol, als ein unverkennbarer Exot, seine Schnappschüsse von Super-Stars und Reichen grundsätzlich mit billigen Fotoapparaten machte.

Interdisziplinär zeigte sich weiterhin, in Kontexten der Kybernetik, das eine Gewinnung von Information aus diskontinuierlichen Signalen, wie zum Beispiel materieller Armut in einer Stadt, sich auf sehr konkrete Zeitpunkte und Zeitintervalle; auf vergängliche Punkte in einer kontinuierlichen Zeit reduziert. Als ein Signal, das nicht zu allen Zeitpunkten die zu signalisierenden Informationen offen hält, verringert das Bild so zwar einerseits seine Lesbarkeit, doch wurde andererseits medientheoretisch auf eine Anwendung der Heisenbergschen Unschärferelation in der Kunst verwiesen: Je geringer die Eindeutigkeit im jeweiligen Exponat, desto intensiver verteidigt der Perzipient seine Interpretation eines scheinbar abgebildeten Inhalts. Bertrand Russell sagte: „Wir nehmen Ereignisse und nicht Substanzen wahr.“ - So kam es, in diesem von Prof. Dr. Alexa Färber und ihren Kommilitonen organisierten “Ereignis”, zu einer schöpferischen und plurimedialen Verdichtung von Erfahrungen mit themenbezogener situativer Ästhetik, die ein konkretes Problem von Städten in Form einer vielfältigen Erzählung öffentlich, verständlicher und diskutierbar machte.

Holger E. Dunckel



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12.02.2012 - 19:48 Uhr
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