Die letzten Fragen (aus dem Alibert)
Vielleicht, sage ich zu B., vielleicht wäre es schön, das Meer noch einmal zu sehen. Oder einen großen Berg. Einmal noch Skifahren vielleicht. Aus dem Schlepplift fallen und alle Nachkommenden mit sich reißen. Bis jemand den Lift anhält. Die Skier ordnen, wieder zum Stehen kommen. Sich schämen und heimlich Freude verspüren. Darüber, der Störenfried gewesen zu sein.B. will ein paar Postkarten schreiben. Gemeinsam suchen wir ein Dutzend aus. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal eine Postkarte geschrieben habe. Und an wen. Ich frage mich, wem ich jetzt eine Karte schreiben könnte. Mir fällt aber nur B. ein und das erscheint mir albern.
Manche finden, wir sind ein komisches Paar. Alt und jung. Ärgerlich, belustigt. Ohne Sonnenbrille, mit. Als Kind machte mir die Welt Angst. Deshalb war ich ständig auf der Suche nach Geheimgängen. B. hingegen hat sich im Atlas die Kontinente angesehen, die Länder, Staaten, deren Sprache und Flaggen. Später dann auch deren Probleme. Das mag ich an ihm. Dass er sich Platz nahm. Und Platz einräumte. Und dass das heute noch so ist, ohne dass er selbst dabei verschwindet. Zumindest nicht ganz. Hoffe ich.
Ich war nie politisch. Ich habe ein vages Gefühl von Gerechtigkeit, aber ich habe keine Argumente. Merkwürdigerweise verzeiht B. mir das. Merkwürdigerweise redet er trotzdem mit mir, auch wenn mir bis vor kurzem gar nicht klar war, dass man nicht ‚schwarz‘ sieht und auch nicht so fährt. Und keine ‚weiße Weste hat‘. Jetzt weiß ich es. B. hat es mir erklärt. So wie man jemandem erklärt, dass man sich zum Baden Wasser in die Wanne einlaufen lassen muss. Und das schätze ich an B. Seine Unaufgeregtheit. Und dass er mich – im Ganzen – lässt. Mir nicht vorschreibt, ich müsse Postkarten schreiben oder auf irgendwelche Demos gehen.
Ich bin zu tief in der Wand drin. Da komme ich wahrscheinlich auch nicht mehr raus. Aber vielleicht. Ein Fuß oder so. Ein Fuß in Richtung weg von der Wand. Das wäre schon was.
Ob ich mich jemals wieder bei B. melden werde? Ich weiß es nicht. Lustigerweise kam die einzige Postkarte, die ich damals dann doch noch geschrieben habe nie an. So ist es, wenn ich anfange, über etwas nachzudenken. Etwas zu Papier zu bringen. ‚Es‘ niederzuschreiben. Es verschwindet. Wenn ich Glück habe, erfahre ich davon. Und wenn ich nichts davon erfahre, bleibt das Glück, wo es ist. B. kann das nicht verstehen. Von all seinen Briefen macht er sich Kopien, bevor er sie losschickt. Er will nicht, dass sie verloren gehen und mit ihnen die Worte. Auf immer und ewig verschwunden. B. kann an keiner Online-Umfrage teilnehmen. Ich kann es auch nicht. Ich würde ewig über die Fragen nachzudenken.
Tatsächlich habe ich eine Zeit lang versucht, politisch aktiv zu sein. Auf Demos zu gehen, zu Diskussionsrunden, auf Panels. Ich habe versucht, mich in meiner Wand so zu positionieren, dass ich die Welt sehen konnte. Die Kontinente und deren Probleme. Habe versucht zu verstehen, dass Orte nicht ohne Bezüge existieren. Und Probleme oft ohne Orte sind. Ich wollte so sein wie sie. Die Kämpfenden. Die Idealisten. Die, die Verantwortung übernehmen. Wollte ein Anliegen haben. Etwas, das sich besser machen ließe.
Das habe ich damals auf die Postkarte geschrieben. Der Gedanke, dass sie noch irgendwo herumschwirrt, noch auf dem Weg ist, beruhigt mich ein bisschen.








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07.02.2012 - 14:07 Uhr
larala