03.02.2012 - 18:30 Uhr

0 14 Über Twitter weiterempfehlen

„Als Käufer muss man sich verarscht vorkommen.“

Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa

Nach dem Skandal bei der Großbäckerei Müller-Brot sind viele verunsichert. Wozu gibt es Lebensmittelkontrollen, wenn schlampigen Betrieben lange gar nichts passiert? Ein Interview mit einem Bäcker-Azubi.

„Schädlinge in erheblichem Umfang“ sollen Lebensmittelkontrolleure in der Großbäckerei Müller-Brot gefunden haben. Erst nach einer grundlegenden Sanierung darf der Betrieb wieder aufgenommen werden. Wie kann so was unter den heutigen Produktionsbedingungen passieren? Leidet der Ruf der ganzen Bäckerbranche? Wir haben mit Joel Akwuba, 17, einem Auszubildenden in der Brotmanufaktur Schmidt in München, über die Auswirkungen des Skandals gesprochen.  

Der Hygieneskandal bei der Großbäckerei Müller-Brot hat viele verunsichert.

jetzt.de: Wie redet ihr in der Arbeit über den Skandal bei Müller-Brot?

Joel Akwuba:
Als Konkurrenzbetrieb sehen wir das nicht als Grund, den Betrieb fertig zu machen, sondern als Fehler, den die gemacht haben. Daran merkt man, dass man allgemein besser aufpassen muss. Ich frage mich schon, wenn die Kontrolleure zu uns kommen, wird dann geschlossen? Das heißt nicht, dass es bei uns aussieht wie die Hölle. Die Angst ist eher, dass man was übersehen hat. Gestern in der Berufsschule war das Thema ganz groß, auch unter den Lehrern.

Was sagen deine Lehrer zu der Geschichte?
Dass das eigentlich nicht sein kann bei einem so großen Betrieb, den es schon so lange gibt. Die werben mit einer langen Tradition und einer guten Produktion – und dann kommt so was in die Zeitung. Das ist ja fast Betrug! Als Käufer muss man sich verarscht vorkommen.  

Bei Müller-Brot sollen die Kontrolleure schon öfter gemeckert haben. Warum wird das nicht besser überwacht?

Wenn ein Betrieb auffällig war, wird er normal schon verschärft kontrolliert. Ich kann nur sagen, was bei uns die Konsequenz gewesen wäre. Wir hätten uns zusammengesetzt und Änderungen besprochen. Da ist ja nicht nur der Betrieb gefährdet, sondern vielleicht auch die Kunden. Wir hätten gleich beim ersten Mal was unternommen und würden es nicht zur Schließung oder einem Produktionsstopp kommen lassen.  

Wie viel sind solche Kontrollen eigentlich wert, wenn solche Mängel gar nicht verfolgt werden?

Die Änderungen sind kein Befehle, sondern Empfehlungen. Größere Sachen kann man auch nicht von heute auf morgen ändern, das braucht seine Zeit. Wenn nichts passiert, ist die Konsequenz ein Betriebsstopp.  

Bei Kakerlaken muss aber doch gleich was passieren, oder?

Ja, das ist nichts, wo man sich rausreden könnte oder wo man sagen könnte, dass man es nicht gesehen hat. So was muss sofort geändert werden.  

Angeblich sind Kakerlaken in jedem Restaurant und Mehlwürmer in jedem Bäckerbetrieb normal. Stimmt das?

Nein. Das darf in keinem Lebensmittelbetrieb sein, egal welcher Art. Bei uns im Betrieb haben wir in den Mehlsilos Filter, für den Fall, dass es Mehlwürmer geben sollte. Aber die Filter sind nicht dazu da, dass die immer alle Mehlwürmer auffangen, sondern eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass es vorkommen sollte. Das darf nicht die Regel sein, so wie es anscheinend bei Müller der Fall war, da schien das ja nichts Ungewöhnliches zu sein.  

Dir sind also noch keine untergekommen?

Nein, zum Glück nicht.  

Wie oft wird bei euch kontrolliert?

Wir haben einen Großabnehmer, Dallmayr, da kommen stichprobenartig die Chefs bei uns vorbei und sehen sich um. Das ist quasi eine Art Zusatzüberwachung. Schnell alles putzen, weil man weiß, die Kontrolleure kommen, ist auf jeden Fall Quatsch. Es sollte immer egal sein, ob ein Kontrolleur oder der Firmenchef vorbeischaut. Wenn dann eine Kleinigkeit nicht passt, kann man die schnell beheben. Aber Kakerlaken, Mehlwürmer oder Schimmel kann es nicht geben, wenn der Betrieb sauber geführt wird.  

Wie sollten die Produktionsbedingungen sein?

In einem großen Betrieb kann man natürlich nicht jeden Mehlhaufen sofort wegkehren. Aber eine Grundhygiene sollte da sein. Man kann nicht alles verdrecken lassen und sich dann darüber wundern. Normalerweise gibt es einen Plan, dass zum Beispiel immer nach Produktionsschluss oder bei einem 24-Stunden-Betrieb einmal am Tag zu einer bestimmten Zeit alles sauber gemacht wird, die Mischerei, die Öfen, die Semmelproduktion. Innerhalb eines Tages sollte alles einmal gereinigt werden, sonst ist es logisch, dass da irgendwelche Tierchen kommen oder es anfängt zu schimmeln. Da kann man nicht mehr sagen, man wusste das nicht. Wenn man regelmäßig alles sauber macht, kommt so was gar nicht vor.  

Glaubst du, dass durch den Skandal bei Müller-Brot das Image aller Bäcker leidet?
Ein bisschen schon. Stammkunden bei anderen Bäckereien bleiben vermutlich, aber ich denke, dass alle vorsichtiger werden und nur noch bei denen kaufen, bei denen man noch nichts Schlechtes gehört hat. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich viele denken, wenn bei Müller schon so was passiert, dann kauf’ ich gleich beim Discounter. Das ist aber auch keine Lösung, die Semmeln macht ja auch ein Bäcker.  

Sind vorgefertigte Teiglinge, wie sie in einer Großbäckerei wie Müller verwendet werden, anfälliger für so einen Befall?

In der Theorie haben Schädlinge keine Chance bei tiefgefrorenen Sachen, die überleben im Gefrierschank nicht. Bei Müller ist es darum umso schlimmer und verwunderlicher, dass so was überhaupt passieren kann. Ich will damit aber nicht sagen, dass es besser ist, alles tiefgefroren zu kaufen.  

Hat Müller als Großbäckerei vielleicht einfach die Kontrolle über den Betrieb verloren?

Je größer der Betrieb ist, desto leichter ist es auf jeden Fall, den Überblick zu verlieren. Aber ich finde, es sollte denen nicht so einfach gemacht werden, sich rauszureden. Da kann ja jeder sagen, dass sein Unternehmen so groß ist und er darum die Kontrolle verliert. Das sollte man nie als Vorwand vorschieben können. Man muss schon wissen, was alles in seinem Betrieb los ist.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
kathrin-hollmer
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
14 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

bernweich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.02.2012 - 18:39 Uhr
bernweich

Die Brotmanufaktur Schmid ist Super, Kauf da gern ein und mag ich auh lieber als die großen Ketten.

immortality
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.02.2012 - 18:50 Uhr
immortality

das schärfste von müller war ja noch, dem kunden allen ernstes in der filiale zu erzählen, dass es gebrannt hat

majia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

03.02.2012 - 20:15 Uhr
majia

ich hab gerade gelesen:
"Als Käfer muss man sich verarscht vorkommen"

ahahaha...


hofpfisterei hat eh das beste brot!

Nichtsnichter
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

04.02.2012 - 01:19 Uhr
Nichtsnichter

bernweich sagte:
Die Brotmanufaktur Schmid ist Super, Kauf da gern ein und mag ich auh lieber als die großen Ketten.


Das wissen die wenigsten heute, aber als Senior kann ich was erzählen. Ich habe noch als Kind in den 90ern erlebt, wie in einer Bäckerei Brot und Brötchen gebacken wurden, d.h. nicht von der Zentrale geliefert, sondern der Bäcker brachte mit dem Lieferwagen Mehl aus der Mühle und Milch vom Bauern und machte daraus seine Produkte in der Backstube, die er oben verkauft hat. Das was man heute Bäckerei nennt, ist im Normalfall ein Verkaufsladen, in dem Fertigware erwärmt wird. In meiner Stadt (Großstadt) gibt es zum Beispiel keine einzige richtige Bäckerei mit Backstube. Alles nur Fertigware. Schade.

Shorebilly
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2012 - 07:53 Uhr
Shorebilly

Nichtsnichter sagte:
bernweich sagte:
Die Brotmanufaktur Schmid ist Super, Kauf da gern ein und mag ich auh lieber als die großen Ketten.


Das wissen die wenigsten heute, aber als Senior kann ich was erzählen. Ich habe noch als Kind in den 90ern erlebt, wie in einer Bäckerei Brot und Brötchen gebacken wurden, d.h. nicht von der Zentrale geliefert, sondern der Bäcker brachte mit dem Lieferwagen Mehl aus der Mühle und Milch vom Bauern und machte daraus seine Produkte in der Backstube, die er oben verkauft hat. Das was man heute Bäckerei nennt, ist im Normalfall ein Verkaufsladen, in dem Fertigware erwärmt wird. In meiner Stadt (Großstadt) gibt es zum Beispiel keine einzige richtige Bäckerei mit Backstube. Alles nur Fertigware. Schade.


hier bei mir gibt's eine. mit glaeserner trennwand zwischen verkaufsraum und backstube, so dass der kunde sich selber davon ueberzeugen kann das alles mit rechten dingen zugeht. und normalerweise reicht die schlange bis auf die strasse, trotz 4-6 verkaeufern im laden.

majia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2012 - 11:21 Uhr
majia

Wer sicher gehen will, sollte selbst backen;
http://hb-kunstmuehle.de/home/index.php?...

jushi
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2012 - 11:53 Uhr
jushi

Die Kunstmühle backt auch selbst. Außerdem sehr empfehlenswert ist auch die kleine Bäckerei in der Herzogstraße, kurz vor der Münchner Freiheit. Fantastisches Brot, direkt vor Ort gebacken. Und in der Gundelindenstraße gibt's noch einen kleinen Biobäcker, für den manche Leute durch die halbe Stadt fahren. Oder halt Manufactum.

Man kann schon auch in München gutes Brot kaufen, wenn man die üblichen Verdächtigen nur ein bisschen meidet.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2012 - 11:56 Uhr
jushi

Und mal ehrlich: Müller-Brot sah für mich schon immer genau so aus, wie die Lebensmittelkontrolleure es jetzt beschrieben haben. Lustig, wie das eigene Gefühl und der gesunde Menschenverstand instinktiv den richtigen Riecher haben.

Variable
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2012 - 20:01 Uhr
Variable

Mir tun nur die armen Betreiber der Filialen leid, die durch diesen Dreck Umsatzeinbußen hinnehmen müssen.
Abgesehen davon schmeckt dieser ganze Pappkram eh nicht. Da ist nichts natürliches mehr drin, nur Emulgatoren, die ganzen E-Stoffe, Säuerungsmittel, Ascorbinsäure, Malzmehl...
Habe da noch nie Brot gekauft, es schmeckt einfach nicht. Mir immer ein Rätsel, wie die Kunden haben können, und das bei den Preisen!
Da ist Backwerk ja besser....
Im Übrigen macht diese ganze Mehlpappe eh nur dick und ist so ungesund.
Da helfen auch keine Sonnenblumenkerne auf dem Deckel, muss ich mich jedesmal krümmen vor lachen, wenn ich sehe wie die Menschen sich aus Profitgier verarschen lassen und diesen ganzen künstlichen Dreck in der Lebensmittelindustrie kaufen. Diese Eu hat uns Bürgern nur Nachteile gebracht. Der Preiskampf der hier in den letzten Jahren enstanden ist, spottet jeder Beschreibung. Chemie im Essen wo man hinschaut, Antibiotika, künstliche Farben, Zucker, künstlicher Geschmack, Pestizide, usw. usw.
Dabei liegt alle Macht beim Verbraucher. Einfach nicht mehr kaufen, basta...
Vielleicht mal nur einmal in der Woche Fleisch und dafür gesündere Lebensmittel kaufen. Ich unterstütze nur unsere Bauern aus unserer Region. Man kann auch hochwertig günstig einkaufen wenn man sich ein bischen anstrengt....

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

06.02.2012 - 09:41 Uhr
alcofribas

Variable sagte:
Diese Eu hat uns Bürgern nur Nachteile gebracht.


Mimimi. Sparbuchnazis und Wutbürger bitte rechts anstellen.

Weiter Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

kathrin-hollmer offline

kathrin-hollmer

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


München