3.2. - Aber erst, wenn es 25 Grad wärmer ist als heute
Es ist nicht kalt in der Hütte, dennoch kann ich beim Frühstück scheibchenweise Eis vom Fenster kratzen. Kondenswasser gefriert an der Innenseite der Scheibe. Draußen legen sich minus 30 Grad auf alles, was an freier Luft über dem Erdboden vorhanden ist und gäbe es keine Menschen an diesem Ort, dann wäre er ein einziges Stillleben, versiegelt im kalten Krieg kalter Luftmassen aus Richtung Ost. Es bewegt sich nichts, selbst der Rauch aus den Schornsteinen erstarrt zu einem wattigen Muster.
Mit drei Schichten Klamotten stehe ich im Schnee und nur mein Gesicht schaut durch ein Loch in meiner Kleidung und nach zehn Schritte frieren meine Füße und nach 20 Schritte frieren meine Hände, dann schmerzen die Lippen und nach 10 Minuten habe ich das Gefühl, ich werde meine Nase nicht mehr putzen können, weil all der Rotz gefroren ist. Alles in allem gute Bedingungen, um zum ersten Mal im Leben ein Snowboard unter die Füße zu schnallen.
Der Weg zum Skilift dauert eine Ewigkeit und ich benötige fünf Anläufe, bis mich der Lift nach Oben zieht, ohne dass ich mit dem Gesicht im Schnee lande. Und das ist nur der Kinderhügel. Ich sehe dort Knirpse, die haben noch nicht mal den Bauchnabel ihrer Väter im Wachstum erreicht und die mit Handstand snowbaoarden könnten, wenn es ihre Eltern erlauben würden und ich wette, dass sie in 20 Jahren Goldmedaillen gewinnen werden.
Oben angekommen lege ich den Weg nach unten in Etappen zurück. Zwei Meter bergab, dann Bruchlandung im Schnee, gefühlte dutzend Mal. Versuchen zu lenken, versuche zu stehen, versuchen, nicht dumm auszusehen. Ich friere wie ein totes Tier. Ich schäme mich und bin froh, dass es fünfjährige Kids gibt, die zu jung sind, um mich auszulachen. Mir tut alles weh, die Kälte jagt mir Rasiermesser durch die Nasenlöcher, meine Skitaucherbrille beschlägt von innen, den Beschlag muss ich mit den Fingernägel abkratzen.
Ich gönne mir zwei Versuche, beide verlaufen identisch scheiße. Dann lass ich es bleiben. Ich will nur noch Kaffee und warme Füße. Es gibt im Leben Dinge, die muss man nicht um jeden Preis wollen. Ich werde es im Leben bestimmt noch einmal probieren mit dem Snowboard den Kinderhügel zu bezwingen. Aber erst, wenn es 25 Grad wärmer ist als heute.
- 25.05.2012 vor 1 Min.
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