01.02.2012 - 18:30 Uhr

1 14 Über Twitter weiterempfehlen

"Durch die Taten einzelner gerät die gesamte Protestaktion in Verruf"

Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa

Es muss nicht mal wie bei ACTA die Freiheit des Internets in Gefahr sein, schon startet Anonymous einen neuen Angriff. Ist das wirklich die Art Protest, die uns weiter bringt?

Irgendwie haben wir uns schon an diese Reflexkette gewöhnt: Sony klagte 2011 gegen zwei Hacker, die Informationen über das Kopierschutzsystem der PlayStation 3 veröffentlicht haben sollen. Anonymous griff daraufhin die Internetseite von Sony an. Kim Schmitz wurde verhaftet und der One-Click-Hoster „MegaUpload“ geschlossen. Anonymous legte die Websites des FBI, des US-Justizministeriums sowie einiger Plattenfirmen lahm. Die Unterzeichnung des ACTA-Abkommens wurde öffentlich. Der Web-Auftritt des EU-Parlaments ist für mehrere Stunden nicht erreichbar.  

 In Polen demonstrieren die Menschen auf der Straße gegen das ACTA-Abkommen.  

Am Anfang waren die DDoS-Angriffe von Anonymous irgendwie cool, irgendwie rebellisch. Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns gefreut, dass die „Großen“ auch mal einen Dämpfer abbekommen – und dass es jetzt welche gibt, bei denen man sich einer Reaktion sicher sein konnte, als wäre das Kollektiv ein neues Kontrollorgan.  

Langsam fragen sich immer mehr, ob diese Art des Protests aber die richtige ist und ob es nicht friedlichere Formen der Demonstration gäbe. Natürlich hat Anonymous damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. In User-Kommentaren und in meinem Umfeld taucht aber immer häufiger die Frage auf, ob das Kollektiv mit seinen permanenten Angriffen der demokratischen Gegenbewegung zu ACTA am Ende sogar schadet.  

Bei den Attacken des Hacker-Kollektivs wird natürlich niemand körperlich verletzt, doch in ihrer Wirkung sind sie aggressiver als Demonstrationen auf der Straße – und dabei nicht unbedingt effektiver. Im Fall von ACTA waren die Internetseiten des Parlaments lahmgelegt. Der Rat der Piratenpartei an die Bevölkerung, die EU-Abgeordneten wegen ACTA zu kontaktieren, war ohne deren Adressen auf der Website hinfällig. „Es gibt Teile von Anonymous, die ihrer Wut über ACTA keinen anderen Kanal geben können. Andere Teile wie Anonymous Hamburg arbeiten produktiv gegen ACTA durch Flyer, Infokampagnen und Aufklärung", sagt Stephan Urbach vom Bündnis „Stopp ACTA“ der Piratenparteien aus der Schweiz, Deutschland, Mexiko, Luxemburg, Österreich, Großbritannien und Schweden, das neben dem Informationsblog „stopacta.de“ eine Informationskampagne gestartet hat. Ferhat Dogruol von „stopacta.de“ stimmt zu: "Wir unterstützen zwar den Aufklärungsgedanken von Anonymous, jedoch sehen wir auch, dass durch die Taten einzelner die gesamte Protestaktion in Verruf gerät."  

Ist ein friedlicher Protest im Internet aber überhaupt möglich? Was wäre im Netz das Adäquat zur Straße, auf die man gehen könnte? Hat man sich zu lange auf Anonymous verlassen? Die US-amerikanische Stiftung Avaaz betreibt eine internationale Beteiligungsplattform, in der man seit kurzem eine Online-Petition gegen das ACTA-Abkommen unterzeichnen kann. Von den erstrebten 1,5 Millionen Teilnehmern sind bereits mehr als 1,4 Millionen erreicht (Stand: 18.30 Uhr). Aleks Lessmann, der stellvertretende Pressesprecher der Piratenpartei, würde auch lieber eine friedliche Form der Demonstration sehen: "Sinnvoller und auch gewinnbringender wäre es, Petitionen zu unterschreiben, die Parlamentarier anzurufen oder anzuschreiben – und vor allem auf die Straße zu gehen."  

Am Ende läuft es doch auf den Protest auf der Straße hinaus. Eine Gruppe auf Facebook ruft zu Protesten gegen ACTA am 11. Februar auf. In Deutschland planen die europäischen Piratenparteien unter anderem in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, München und Stuttgart Aktionen. In Polen waren in der vergangenen Woche bereits 500.000 Menschen auf den Straßen, um gegen das ACTA-Abkommen zu protestieren - und waren damit weit eindrucksvoller als digitale Attacken es je sein könnten.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
kathrin-hollmer
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
14 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

apollyon
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2012 - 19:48 Uhr
apollyon

Das Thema braucht Aufmerksamkeit. Es muss raus aus den Verhandlungshinterzimmern, in denen vorgestrige Hinterbänkler die Wünsche einer Industrie nachbeten.
Anonymous verschafft Aufmerksamkeit.

Mehr als das braucht es allerdings Aufklärung: Was NACTA mit dem Rechtsstaat machen kann und was es mit dem Internet machen kann.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2012 - 19:53 Uhr
apollyon

Bla, ich meine natürlich ACTA.

WestendKanacke
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2012 - 21:46 Uhr
WestendKanacke

"Durch die Taten einzelner gerät die gesamte Protestaktion in Verruf"

Und ich les zuerst:

"Durch die Taten einzelner gerät die gesamte Prokrastination in Verruf"

StaticBool
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

02.02.2012 - 11:50 Uhr
StaticBool

Wenn man schon einen Offline-Vergleich anführen muss, so ist es tatsächlich so, dass es Menschen mit und solche ohne Gewaltpotential gibt.

Mir ist es allemal lieber, dass aufgebrachte Hacker die Webseiten von Rechteverwertern lahmlegen als dass sie zu deren Repräsentanzen fahren und dort Brandsätze hineinschmeißen!

Protest muss auch weh tun, aber eben am besten nicht körperlich, sondern finanziell!

Digital_Data
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.02.2012 - 16:38 Uhr
Digital_Data

Es kann ja wohl nicht sein, dass man im Digitalen-Zeitalter bei digitalen Machenschaften auf die Straße gehen soll.. Wir brauchen endlich ein Online-Demonstrationsrecht, denn wir können nicht erwarten, dass unsere Politiker dort hinsurfen (und ausdrucken) wo der Protest stattfindet. Auch die Medien sind hier gefragt, warum lese ich beispielsweise nie von Aktionen und Unterschriftenlisten von avaaz ?

Digital_Data

Wurzelpetersilie
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

02.02.2012 - 18:18 Uhr
Wurzelpetersilie

"in meinem Umfeld taucht aber immer häufiger die Frage auf, ob das Kollektiv mit seinen permanenten Angriffen der demokratischen Gegenbewegung zu ACTA am Ende sogar schadet."

Ja, ja liebe Bummel Studenten. Das fragts ihr Euch? Da lach ich doch euch gehts doch ihr fragts euch doch nur wie viele Weiber ihr in einer NAcht flachlegen könnts. Schnackseln, will die Jugend, SCHNACKSELN! "demokratischen Gegenbewegung" LOL-bei euch bewegt sich ganz was anderes!

habedieehre
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.02.2012 - 19:32 Uhr
habedieehre

" ... in meinem Umfeld taucht immer häufiger die Frage auf ... ob das kollektiv ... der demokratischen Gegenbewegung zu ACTa am Ende sogar schadet."

Liebe Frau Hollmer, das sagt am Ende mehr über Sie selbst und Ihr Umfled als über das, was Sie hier als gewalttätig wirkendes Kollektiv darstellen.

Es tendiert nicht nur ihr Verständnis von Anonymous zu einer infantil vereinfachten Sichtweise, auch der Aufbau ihrer Argumentation, à la man munkelt, bestimmte Kreise behaupten, usw., sowie das Vergleichen von Aktionen im Internet mit Gewalttaten auf der Straße, lassen mich hinter diesem Artikel einen kindlichen Geist vermuten der für Pappa Meinungssaltos vorturnt.

Es gehört alles zusammen. Der Protest auf der Straße, die Organisation über die sozialen Neztwerke, die Petitionen, sowie der Aktivismus unterschiedlichster dezentraler und unabhängiger Gruppen im Internet unter dem Label Anonymous. Dieser, wenn mit klassischen Protestformen vergleichbar, das wohl am ehesten mit einer Sitzblockade ist. Was ihnen daran zu gewalttätig ist, verstehe ich beim besten Willen nicht. Was wolles Sie hier eigentlich kritisieren? Den friedlichst möglichen Protest als zu gewalttätig darstellen, bzw. in seiner Repräsentation zu agressiv? Wollen Sie dass Anonymous jetzt pink wird? Mit weniger Dramatik arbeitet? Oder ist es nicht die Ästhetik, sondern die Praxis an sich, die Sie stört? Das geht aus ihrem Artikel nicht klar hervor und ich unterstelle Ihnen, diese Unschärfe mit Absicht generiert zu haben.

Es wird noch viel mehr kommen Frau Hollmer - Sie werden auch davon profitieren. Sie müssen dann keine Artikel mehr schreiben wenn ihnen selbst nichts einfällt.

D4x
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.02.2012 - 20:18 Uhr
D4x

"Was wäre im Netz das Adäquat zur Straße, auf die man gehen könnte?"

DDOS kann man mit einer Menschenkette gleichstellen, die z.B. ein Konzerngebäude blockieren soll für eine gewisse Zeit, insofern wär das so ziemlich das "Adäquat zur Straße".

Außerdem gibt "Anonymous" als Bewegung einem Großteil der Menschen Weltweit, vor allem jüngeren Hoffnung und spornt Sie an sich für die Sachen an die Sie glauben einzusetzen, siehe dieses Video:

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.02.2012 - 20:19 Uhr
D4x

"Was wäre im Netz das Adäquat zur Straße, auf die man gehen könnte?"

DDOS kann man mit einer Menschenkette gleichstellen, die z.B. ein Konzerngebäude blockieren soll für eine gewisse Zeit, insofern wär das so ziemlich das "Adäquat zur Straße".

Außerdem gibt "Anonymous" als Bewegung einem Großteil der Menschen Weltweit, vor allem jüngeren Hoffnung und spornt Sie an sich für die Sachen an die Sie glauben einzusetzen, siehe dieses Video:

xxxttt
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

08.02.2012 - 00:30 Uhr
xxxttt

Demokratische Prozesse brauchen Zeit desto ärgerlicher ist es, wenn der Öffentlichkeit dieser Vorlauf genommen wird. Soweit ich informiert bin wurde acta seit laengerer Zeit, mehr oder weniger, im geheimen entwickelt und anschließend die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt. Das erinnert stark an die Anfangsszene aus dem Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" als Arthur Dents Haus weggebaggert wird und man ihm sagt es sei alles seine Schuld denn die Pläne dafür liegen seit Jahren in einem Keller tief unter dem Gebäude der Stadtverwaltung.
Sowas vermittelt mir ein Gefuehl von Hilflosigkeit und tatsächlich sind wir, mit unseren Durchschnitts -oder Weniger-einkommen entmuendigt. Selbst wenn jeder der die Petition unterzeichnet hat hundert Euro springen laesst wiegt das im Vergleich zu den Überzeugungsbudgets der Konzeren nichts. Unsere gewählten Volksverter sind nich direkt korrupt, die werden einfach von einer milliardenschweren Überzeugungsmaschinerie der Konzeren von deren Vorhaben die Welt zu verbessern ueberzeugt.
Wenn in New York die Occucpy Bewegung rebelliert, machen sich Hedgefond - Manager einen schönen Urlaub am Meer und warten bis andere globale Missstände um die Aufmerksamkeit der Zielgruppe "Revoluzer" ringen. Ausser Zelten, nichts gewesen. Unser System, dass wir möglicherweise ohne es zu wollen täglich unterstützen hat sich auf ganz besondere Weise verselbstständigt. Es saugt einige wenige an die Spitze und stopft die so mit Kohle voll dass jeder versucht diesen Zustand zu konservieren. Dazu kommt noch das allzu menschliche unantastbare Selbstverständnis des eigenen Wohlstand welcher durch harte Arbeit und spitze Ellenbogen täglich aufs neue errungen wird. Bestimmt ist der Chef eines grossen Konzern ein klasse Typ und trotzdem macht ihn das System zum Monster. Den kuemmert es nicht die Bohne ob 1k oder 100k hübsch friedlich mit Plakaten durch Vororte großer Städte ziehen. Wir haben es hier mit einem System zu tun dass nicht am Wohl Aller sondern ausschließlich am eigenen Fortbestand interessiert ist und dazu benutzt es uns und zwar genauso wie es gerade passt.

Weiter Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

kathrin-hollmer offline

kathrin-hollmer

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


München