15 Minuten... mit der Hoffnung.
Es ist spät. Es ist kalt. Es ist Samstagnacht. Gerade bin ich aus der U-Bahn gestiegen. Vor mir liegen 15 Minuten Fußweg bis zu meiner Wohnungstür. Über meine Kopfhörer lausche ich der Musik von Angus & Julia Stone. Ein schlechtes Zeichen. Denn es bedeutet, dass ich auch an diesem Sonntag wieder allein sein werde.
Der Abend verlief wie immer. Voller Vorfreude auf eine ausgelassene Partynacht in Berlin bin ich vor Stunden aus dem Haus gegangen – an meiner Seite die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, am Ende des Abends nicht mehr allein zu sein. Die Hoffnung darauf, dass er dort sein würde und mit „dort“ meine ich nur bedingt den Club, auf den ich zusteuerte, sondern vielmehr den Ort in seinem Kopf, der für uns beide reserviert war.
Doch weder im Club, noch an dem Ort in seinem Kopf, wo mein Gesicht gespeichert war, war er aufgetaucht. Bis jetzt. Denn noch bin ich ja nicht zu Hause, liege noch nicht in meinem Bett, schalte noch nicht mein Handy aus und lasse die Hoffnung noch Hoffnung sein. Noch ein paar Minuten laufe ich neben meiner Hoffnung, die mich warm hält trotz des kalten Windes, der meine Haare verweht und meine Nase rot färbt. Und so sehr ich sie in diesem Moment auslachen möchte für ihre naive Sicht auf die Dinge, komme ich doch nicht umhin, ihr zuzuhören. Sie redet von leeren Handy-Akkus, von kranken Großmüttern und schweren Autounfällen. Sie redet von meiner großen Liebe, die in diesem Augenblick auf der Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses liegt, weil sie von einem Auto überfahren wurde, als sie versuchte, mich einzuholen, während ich lautstark „Yellow Brick Road“ auf meinem ipod hörte. Sie redet von Geheimagenten, die ihn entführen wollten und von einer zweiten Identität, die er annehmen musste, um nicht umgebracht zu werden. Als sie diesen Gedanken in meinem Kopf mit Bildern versorgt, muss ich aber in der Tat laut loslachen – der Schatten eines Fahrradfahrers dreht sich in diesem Moment irritiert zu mir um und wieder nutzt die Hoffnung diese flüchtige Begegnung, um mich hoffen zu lassen – schließlich fährt er immer Fahrrad, vielleicht ist er es ja... doch Fehlanzeige. Es ist eine Frau.
Nur noch eine Kreuzung trennt mich nun von meinem zu Hause. Die Hoffnung wird stiller, aber noch immer verstummt sie nicht. Da ist noch die Treppe vor dem Haus, windgeschützt und geradezu einladend wäre sie perfekt für einen Wartenden. Doch niemand wartet auf der Treppe. Ich zücke meinen Schlüssel und verpasse der Hoffnung damit eine ordentliche Ohrfeige.
Ich gehe die drei Stufen zum Hinterhof hinunter, hinein ins Gartenhaus. Die Hoffnung unternimmt einen letzten Versuch und blickt zuversichtlich auf die dunkle Ecke im Hausflur, wo er einst auf mich wartete, als ihn ein Nachbar bis hierhin hatte kommen lassen. Doch die Ecke ist leer. Natürlich wusste ich das bereits. Nur die Hoffnung will es nach wie vor nicht einsehen. Sie wartet geduldig, bis ich meine Wohnung aufgeschlossen und die Schuhe ausgezogen habe. Sie hält es für eine gute Idee, dass ich mir seelenruhig noch ein Glas Wein einschenke, bevor ich meinen Laptop einschalte und mich bei Facebook einlogge, denn sie möchte so lange wie möglich bei mir bleiben. Sie schlägt vor, dass ich mir noch eine Zigarette anzünde, bevor ich auf den Bildschirm schaue – sie kämpft nun um jede Sekunde, die sie noch an meiner Seite bleiben darf. Ich blicke auf den Bildschirm. Oben links in der Ecke blinkt - nichts. Schließlich gibt auch die Hoffnung auf und zieht sich zurück.
Und ich bin allein.
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02.02.2012 - 14:06 Uhr
Aljeex
Wenigstens kannst du schreiben, manche können nicht mal lesen.