02.02.2012 - 20:10 Uhr

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Meine Karriere bei jetzt.de, oder: Prenzlauer Berg, die Zweite

Text: IgorK

Es war vor paar Jahren, da kam ein Kumpel auf mich zu und sagte: „Warum veröffentlichst du eigentlich deine Kurzgeschichten nicht auf jetzt.de?“ Und ich: „Das jetzt-Magazin? Süddeutsche Zeitung? Da komm ich doch niemals rein!“ Und er: „Doch doch. Da kann jeder schreiben.“ Und so geschah es. Ich fing an zu schreiben und hatte nach kurzer Zeit einen relativen Erfolg: Mehrere Redaktionstipps. Eine Kurzgeschichte in der SZ abgedruckt. Und ich hatte damals noch Kommentatoren, die an einer sachlichen Diskussion interessiert waren.

Das änderte sich schlagartig vor einigen Monaten. Da fuhr ich nach Berlin, geriet zufällig auf eine Krawall-Demo, und schilderte meine Erlebnisse auf jetzt.de unter dem Titel „Assi Berlin“. (Auch diese Geschichte wurde zum Redaktionstipp gekürt.) Was danach kam, hätte ich nichtmal in meinen Träumen erahnen können. Binnen zwei Tage kamen an die 100 Hass-Kommentare zugeflogen, die zum Teil so extrem unter die Gürtellinie gingen, dass ich mich schon gefragt hatte, ob das immer noch Menschen sind, die eine Süddeutsche Zeitung lesen (können). Selbst in den 10 Jahren meiner Tätigkeit in der Hip-Hop-Szene hatte ich noch nie Derartiges erlebt. Ich verstand zunächst die Welt nicht mehr. Was habe ich denen getan? Ich habe einen Reisebericht aufgeschrieben und mich darin geäußert, dass ich es gut finde, dass Berlin sich gegen die zunehmende Gentrifizierung wehrt. Und das Wort „Prenzlauer Berg“ ist darin kein einziges mal vorgekommen. Doch dann erfuhr ich von einer Frau Anja Maier. Sie hatte einen Auszug auf ihrem Buch „Lassen sie mich durch, ich bin Mutter“ im Netz veröffentlicht und die gleichen Hass-Kommentare kassiert.



Ich zog nach Berlin, und hatte damit endlich die Gelegenheit, mich mit dem „angesagtesten Bezirk Deutschlands“ näher zu befassen. Und ich stelle fest: Sie lesen tatsächlich die Süddeutsche Zeitung. Und trinken Augustiner Bier. Und all das, was über diese Leute gesagt wird, scheint sich zu bewahrheiten. Sie haben sich dort ein kleines Imperium aufgezogen, einen elitären Kreis aus postbürgerlichen Latte-Macciato-iPad-Usern. Sie bestimmen, wo es langgeht. Jeder, der elitär genug ist, um da mithalten zu können (bzw. zu wollen), ist gerne willkommen, wenn er an einem gemeinsamen Strang zieht. Jeder, der es nicht ist, ist in dem Viertel eigentlich unerwünscht. Er nimmt nur den Platz weg und versaut das Ambiente mit Loserhaftigkeit. Das Machtsystem, was hier unter den Usern abläuft, ist in etwa identisch. Jeder, der nicht in den Kragen passt, wird "weg-gedisst". Lassen Sie mich noch paar Takte über den Prenzlauer Berg erzählen, denn so kann man die Zusammenhänge noch besser begreifen.



Da rollen Mama Ökoschwäbin und Papa Rechtsanwalt ihren Sprössling mit einem hochgestylten Designer-Kinderwagen durch die Gegend, und zwar mit einer solchen Wucht, als wollen sie ihre Kinder schon im Frühstadium auf das Leben an der Überholspur vorbereiten. Jeder, der sich denen in den Weg stellt, wird niedergerollt. „Platz da! Ich komme jetzt! Ich! Ich! Ich!“ So lernt der kleine Junge schon von Kindesbeinen an, dass die Welt nur denen gehört, die mit massiven Ellbogeneinsatz sich Platz erstreiten können. Dass Ich wichtiger ist wie Du. Mir tun diese Kinder leid. Sie werden eines Tages genau so wie ihre Eltern: arrogante, elitäre, egoistische Arschlöcher. Sie werden knallhart über Leichen gehen, um das zu bekommen was sie wollen. Sie werden überall auf die Fresse kriegen und ein Leben lang auf ihre Eltern angewiesen sein. Aber vielleicht ist es ja genau das, was diese Eltern wollen. Vielleicht wollen sie ja in Wirklichkeit gar kein menschliches Individuum, sondern ein Aushängeschild für repräsentative Zwecke. Schaut mal her! Das ist MEEEEEIN Kind!



Im Prinzip benehmen sich die Hass-Kommentatoren hier auf jetzt.de genau so. Sie springen trotzig auf und ab und brüllen: „Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will!“

Ich will nicht, dass der Typ hier solche Sachen schreibt! Ich will nicht, dass der Typ überhaupt hier ist! Und weil ich es gewohnt bin, dass ich alles im Leben kriege was ich will, werde ich auch diesmal meinen Willen durchsetzen! Und dazu habe ich ja einige Möglichkeiten:

1. Beleidigen und abwerten
2. Wenn das nichts bringt, dann zusammen mit den anderen beleidigen und abwerten
3. Wenn das nichts bringt, dann drohen und einschüchtern
4. Wenn das nichts bringt, dann petzen. Aber ICH werde auf jeden Fall MEINEN Willen durchsetzen!

Den eigenen Willen durchsetzen – es passt wie die Faust aufs Aug zum „angesagtesten Bezirk Deutschlands“. Da schreibt eine Leserin empört zum Thema „Aggressionen gegen Zugezogene - Berlins neue Hasskultur“ (http://www.sueddeutsche.de/kultur/aggres...)

blieb mir doch ganz schön die spucke weg. berlinern im umgang mit den zugezogenen südwestdeutschen intolenanz vorzuwerfen, ist komplett abwegig. diese menschen haben aus prenzlauer berg inzwischen eine muffige südwestdeutsche kleinstadt gemacht. mit absoluter meinungshoheit! meine lieblingsstory (ich könnte inzwischen dutzende erzählen) ist jene, wo ich hier in einem cafe saß, und joachim fests hitlerbiografie, zweifellos ein wissenschaftliches standardwerk las, und so eine schwäbische bio-mutti sich irgendwann aus ihrem mütterkreis löste, an mich herantrat und mit eindeutigen akzent sagte:
"du! das finde ich irgendwie überhaupt nicht in ordnung, du, dass du hier ein buch über hitler liest. kannst du das bitte lassen, das geht hier nicht, du".
und solchen menschen gegenüber verlangen sie toleranz??? von mir???
und was sagen sie überhaupt dazu, dass sich - ging ja auch durch die empörte lokale presse - dass sich unter den schwäbinnen am helmholzplatz letzten sommer fast ein lynchmob gebildet hätte, weil sich dort zwei schwule geküsst haben.... vor kindern!!!
und jetzt kommen sie mir nicht mit "einzelfällen". ich lebe hier. ich weiß es besser. sie wohnen hier offensichtlich nicht.

Den eigenen Willen durchsetzen…

Bei mir beißen diese Leute damit auf Granit. Denn ich werde es niemals zulassen, dass irgend jemand mir seinen Willen aufzwingt. Im Gegenteil. Angespornt durch die ganzen Hasstiraden fing ich damit an, kurze Vierzeiler zu veröffentlichen, worin ich meine eigene Meinung zum Thema exzessiv heraus posaunte. Den letzten tippte ich gestern beim Kacken ein. Ich muss sagen, ich finde allmählich Gefallen daran, der postmodernen Bildungselite auf den Zahn zu fühlen. Denn dann eröffnen sich die wahren Abgründe dieser Menschen.



Da meldet sich z.B. ein User, der in einem ehemaligen Münchner Arbeiterbezirk wohnt. Seine Kommentare beginnen mit einem „Igor (Komma)“ und beinhalten Sachen wie „du kleiner Prolet aus Wladiwostok“. Dies zeugt von einem Menschen, der in einem stinkenden bajuwarischen schwarz-braunen Sumpf großgeworden ist, und dessen Bild von einem Ausländer ganz dem eines bajuwarischen Provinzlers entspricht: Ein verlauster Kanacke, der kein ordentliches Deutsch spricht, auf Kosten des deutschen Staates lebt und es in seinem Leben nicht weiter bringt als Drogendealer oder Türsteher. Das sind so richtige erzkonservative Münchner U-Bahnspießer. Im Gegensatz zu den Glatzen in Marzahn haben sie nicht die Eier, ihre Gesinnung offen nach außen zu tragen. Sie maskieren sie hinter ihrem bajuwarischen Traditionsdenken, als gehöre eine abwertende Haltung gegenüber Ausländern zum baierischen Mir-san-mir-Kulturgut. Aber ich muss mich bedanken bei solchen Leuten, zeigen sie mir doch, dass es eine gute Entscheidung war, nach Berlin zu ziehen. Es ist ein ungeheuer befreiendes Gefühl, als ein vollwertiger Mensch angesehen zu werden, auch (oder gerade weil) man aus Moskau kommt.

Dann gibt es da noch eine Userin, die quasi mein Stammgast ist. Sie meldet sich immer dann, wenn meine Beiträge von mehr als 10 Leuten kommentiert wurden. Ihre Kommentare beinhalten stets immer das selbe „blubb!“, und könnten genau so gut auch nicht existieren. Doch sie muss sich einfach zu Wort melden, andernfalls besteht ja die Gefahr, überhört zu werden. Sie wirkt auf mich wie ein kleines eifersüchtiges, neidisches Mädchen, die ihrem großen Bruder den Erfolg nicht gönnen will. „Warum immer nur er?!“ Manchmal entwickelt sie sich zu einer richtigen Schlange und fängt an, mit sachlich-kühlen pseudopsychologischen Analysen irgendwelche persönliche Defizite zu diagnostizieren. Dann hat sie sich wieder beruhigt und spielt plötzlich das beleidigte kleine Mädchen, weil keiner sie unterstützen will.

Ich habe mir sagen lassen, in Prenzlauer Berg gibt es jetzt etwa 10x mehr psychotherapeutische Praxen, als wie noch vor 10 Jahren. Ich fühle diesen Umstand jedes mal neu bestätigt, wenn ich irgendwelche Vierzeiler auf jetzt.de raushaue. Wie labil diese Leute doch sind! Wie hypersensibel gegenüber Kritik. Wie feindselig all den Menschen gegenüber, die ihre Weltsicht nicht teilen. „Ja und duuuuu?“ – wird jetzt irgend eine Betroffene, wild um sich schlagende Vertreterin der postbürgerlichen Bildungselite herauszischen. „Bist du etwa besser? Wertvoller? Menschlicher?“

Ja, bin ich.

Denn ich würde niemals auf die Idee kommen, dass sich meine Umgebung gefälligst an mich anpassen soll. Ich hätte kein Problem damit, wenn sich zwei Männer vor meinen Kindern küssen würden. Mich würde es nicht stören, wenn sich unter mir ein Club befände. Und wenn doch, dann würde ICH wegziehen.



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IgorK
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Mag ich Mag ich nicht

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08.02.2012 - 00:55 Uhr
IgorK

"...denn Berlin zeigt euch, ihr seid so wichtig wie..."

Montrose
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Mag ich Mag ich nicht

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11.02.2012 - 07:41 Uhr
Montrose

IgorK sagte:

Ich kenne diese Argumentation. So argumentieren in der Regel Leute, die a) von der Gentrifidingsbums nicht selber betroffen, oder b) auf der anderen Seite stehen.

Aber irgendwann wird diese Wandlung an dem Punkt angekommen sein, dass auch DIR deine Stadt zu teuer geworden ist. Was machst du dann? Packst du still und leise deine Sachen? Oder entwickelst du dich zu einem Spießer, der anfängt mit "früher war alles besser" und "alle anderen sind doof"?


Nun ja, mit dem ersteren magst Du recht haben, mir geht mein Einkommen über mein "Kiez", ich bin dort, wo mein Einkommen für ein auskömmliches Leben reicht und nicht dort, wo es heimelig ist, auch wenn ich kaum finanziell überlebe.

Und ja, ich würde in der Sekunde weiterziehen, in der ich feststelle, dass ich nur noch rumkrebse. Denn mittlerweile habe ich wie a.a.O. erwähnt durch mehrere Umzüge und viel Mobilität gelernt, dass fast jeder Ort "mein" Ort sein kann. Und diese Mobilität nicht zu haben erinnert halt irgendwie an das Kleingärtner-/Schützenvereinsmitglied (setz ein, was Du willst), das lieber verhungert, als auch nur 50km in die nächste Stadt zu ziehen. Und sich dann noch darüber beschwert, dass sein Nachbar einen Anbau macht. Weil wenn arm, dann bitte alle.

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