Der Fluch des Digitalen
Die längst überfallige Stellungnahme der Generation "Irgendwas mit Medien".

Irgendwann nach der Jahrtausendwende fing es an – die digitalen Medien gewannen zunehmend an Bedeutung. Viele meiner Freunde wollten sofort mitmachen. Sie wollten Werbeclips drehen, Jingles produzieren und digitale Slogans formulieren. Jeder würde seine Kreativität ausleben und Profit machen. Und genau das wollte ich auch.
Mittlerweile habe ich das längst erreicht – irgendwie. Der erste Griff am Morgen ist der zum Laptop. Mein Alltag als Medienstudent bedeutet, das Internet ständig zu verwenden. Bei uns wird geklickt und gescrollt, während sich der iPlayer in einem neuen Tab öffnet. Vintagekult? Das ist Schnee von gestern.
Dann das richtige Captcha eingeben und den Webplayer von DivX buffern lassen. So geht der Vorhang heutzutage auf. Die Zeiten, in denen man zwei Stunden vor Filmbeginn in einer langen Schlange vor dem Kino steht, sind lange vorbei.
Altbackene Medienromantiker sprechen ab und zu von dem einzigartigen Geruch eines neuen Buchs oder vom unersetzlichen Ambiente im Kinosaal. Von dem schönen Kratzen der Nadel auf einer Schallplatte. Das kann ich nicht nachvollziehen. Das Ambiente findet bei mir zu Hause statt: iTunes öffnet sich schneller als die Klappe des Plattenspielers und Literatur wird zunehmend digitalisiert.
Müsste ich mich also eines Tages entscheiden, so wäre ich auf der Seite der digitalen Medien. Viel zu sehr habe ich mich an das Gefühl gewöhnt, ständig auf dem neuesten Stand der Nachrichten zu sein. Und die Möglichkeit, jederzeit mit Freunden und Familie in Kontakt treten zu können, prägt meinen Alltag.
Auch war es nie einfacher als für unsere Generation, Musik und Film zu konsumieren. Illegale Downloads stehen auf der Tagesordnung und die verlässlichsten Musikkenner aus meinem Kurs haben seit mehreren Jahren keinen Plattenladen mehr betreten. Ein wahnwitziges Paradox und Kulturschnorrerei par excellence.
Digitalen Medien bieten mir ständige Aktualität und uneingeschränkten Zugang zu Filmproduktionen und Mediatheken aller Art. Die enorme Vielfalt an Musik, Film und Kunst gibt mir den Eindruck, auswählen und Gefühle gezielt wecken zu können. Und das angesammelten Wissen vorheriger Generationen scheint mir jederzeit im Netz zur Verfügung zu stehen.
Diese Versprechen des Digitalen erzeugen jedoch Abhängigkeit. Mein Studium könnte ich ohne Internetzugang gar nicht bestehen. Notwendige Informationen, wie Abgabetermine und Stundenpläne, müssen online abgerufen werden. Aufsätze und Projekte werden vorwiegend online eingereicht. Zudem wird verlangt in hoher Regelmäßigkeit den Posteingang zu überprüfen.
Die digitalen Medien lenken mich oft auch ab. Schließlich verkörpert mein Computer Arbeit und Freizeit in einem. Informationen sind selten mehr als einen Klick von kurzweiliger Unterhaltung entfernt. So öffnet sich Facebook automatisch, wenn ich meinen Computer starte. Die Ablenkung, die das Internet bietet, käme beim Lesen eines Buchs vermutlich gar nicht erst in Frage.
Aus meiner Sicht braucht meine Generation Menschen, die ein Rendezvous mit der Wirklichkeit nicht fürchten, sondern mutig vorangehen. Die Sachen anfassen, schließlich die Haptik der Dinge neu erfahren und ihre originale Existenz beweisen. Nur so ließe sich die notwendige Waage zwischen digitalen Medien und analoger Welt wieder finden.
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28.01.2012 - 21:42 Uhr
josiflosi
;)








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28.01.2012 - 21:21 Uhr
josiflosi