27.01.2012 - 18:30 Uhr

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Von wegen Erfolg! Eine persönliche Anmerkung zum "Bufdi"

Text: david-winands

Schon 32.000 Menschen leisten im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) ihren Einsatz zum Wohle der Nächsten. Regierung und Medien sprechen von einem großen Erfolg. Man kann das aber auch ganz anders sehen, schreibt David Winands.

Vor knapp einem Jahr habe ich meinen Entlassungsbrief aus dem Zivildienst erhalten. Über mehrere Monate hinweg habe ich in der 8. Klasse einer Förderschule mit den Förderschwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung meinen Ersatzdienst abgeleistet. Morgens die schwerstbehinderten Schüler am Bus abholen, sie im Unterricht begleiten, das Essen anreichen, mit ihnen auf die Toilette gehen, sie zur Therapie begleiten, im Sport gemeinsam über die Matte wälzen – für die beiden Schüler, die im Rollstuhl sitzen und nicht sprechen können, bin ich linke und rechte Hand zugleich gewesen, habe ihnen meine Stimme geliehen, war Helfer und bester Kumpel zugleich.
 
Nach meinem Weggang gibt es bis heute keinen Ersatz für diese Tätigkeiten. Zunächst überbrückte man mit Praktikanten von der Universität, die jedoch nur wenige Wochen an der Schule waren. Im neuen Schuljahr wurden dann die Bundesfreiwilligendienstler eingeteilt.
 
Und schon erwiesen sich die „Erfolgszahlen“ auf dem Papier als Problem in der Praxis: Da sich erwartungsgemäß viel mehr Frauen als Männer auf die Bufdi-Stellen beworben haben, können die männlichen Freiwilligen nicht allein in einer Klasse tätig sein und alle oben aufgeführten Aufgaben übernehmen. Sie müssen stattdessen mehrere Schülern aus anderen Klassen ebenfalls intim pflegen. Denn sich mitten in der Pubertät von einer Frau wickeln zu lassen – auch für einen behinderten Schüler zu Recht unvorstellbar! Ein persönlicher Kontakt und ein intensives Vertrauen zwsichen dem Bufdi und dem jeweiligen Schüler kann allein bei Toilettengängen nur selten entstehen.
 
Die Aufhebung der Wehrpflicht und damit auch des Ersatzdienstes wird noch weiter reichen: durch den Zivildienst haben junge Männer soziale Berufe kennen gelernt, die viele von ihnen heute freiwillig nicht mehr wählen werden. Nicht nur ich, sondern fast alle meiner Kommilitonen haben nicht zuletzt über den Zivildienst den Studiengang „Sonderpädagogik auf Lehramt“ entdeckt. Männliche Studenten der Sonderpädagogik und spätere Förderschullehrer wird es damit erwartungsgemäß immer weniger geben. Den späteren männlichen Förderschülern fehlen damit Respekts- und Orientierungspersonen.
 
Die schwerstbehinderten Schülerinnen und Schüler haben außerhalb der Schule meist keinen Freundeskreis. Da Förderschulen einen sehr weiten Einzugsbereich haben und die Schülerinnen und Schüler nicht selbstständig mobil sein können, wird auch der Besuch von Schulfreunden erschwert. Für sie sind wir Zivildienstleistenden daher oftmals die einzigen gleichaltrigen Ansprechpartner gewesen. An uns konnte man sich ähnlich wie an einem älteren Bruder orientieren, mit uns einmal einen Scherz machen, sich auch einmal über Kino oder Musik unterhalten. Denn wer nicht sprechen kann, hat trotzdem viel zu sagen. Wir waren mehr Kumpel und weniger Onkel. Ein Grund, warum die Öffnung des Bundesfreiwilligendienstes für alle Altersstufen dem Einsatz an Förderschulen wenig genutzt hat.
 
Selbstverständlich gibt es auch Pflegetätigkeiten für ältere Menschen. Dort mag es sicherlich sinnvoll sein, auch annähernd gleichaltrige Freiwillige einzusetzen. Ohne älteren Mitmenschen solche Fähigkeiten absprechen zu wollen – aber sind dort die jungen Menschen vielleicht nicht auch für die Unterhaltung, die Lockerheit, die Spontaneität und manchmal gar für den Enkel-Ersatz zuständig?
 
Die Bundesregierung meldet, die 35.000-Marke an Bundesfreiwilligendienstlern fast erreicht zu haben. Bis vor einem Jahr hat es noch über 90.000 Zivildienstleistende gegeben. Eine große Lücke wird schnell sichtbar. War das Ziel also nicht von Anfang an viel zu niedrig gesteckt? An meiner ehemaligen Zivi-Schule wurden zudem FSJ-Stellen in Bufdi-Stellen umgewandelt. Dies mögen auch Mittel sein, Zahlen für das Prestige-Projekt Bundesfreiwilligendienst zu erfüllen.
 
Das Gehalt der Bufdis wurde nicht an das besser gestellte Entgelt im Zivildienst, sondern an den FSJ-Lohn angepasst. Wie viel ist unserer Gesellschaft die Pflege von behinderten oder pflegebedürftigen Menschen überhaupt wert?
 
Unweigerlich muss ich auch die Frage stellen: Wo sind Stellen gekürzt worden? Hätte man im Rahmen der drastischen Stellenreduzierung vielleicht eine Prioritäten-Liste erstellen müssen, hätte man nicht sogar den Bundesfreiwilligendienst auf Hilfs- und Pflegedienste für besonders bedürftige Menschen beschränken müssen? Polemisch gefragt: Ist es nicht wichtiger, einem behinderten Schüler oder einer pflegebedürftigen Person zur Seite zu stehen statt einer Naturfreunde-Organisation eine Bürokraft zu stellen?
 
Die Einsatzbereiche sind die eine Seite des Problems, die jeweiligen Bewerber sind die andere Seite. Auf Grund der Verkürzung von 90.000 auf 35.000 Helfer muss de facto jeder Freiwillige eingestellt werden. Eine Überlegung, welcher Bufdi zu welchem Schüler überhaupt passt, ist nur schwer möglich.
 
Und die Schüler sind es, die den „Erfolg“ der Politik spüren. Viele können nicht einmal bis zehn zählen. Aber sie merken: 32.000 Freiwillige soll es geben, nur mir fehlt gerade einer.


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nahundgut
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Mag ich Mag ich nicht

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27.01.2012 - 19:28 Uhr
nahundgut

Sehr guter Artikel, entspricht in etwa auch meinen Zivildiensterfahrungen in einer Behindertenwerkstatt. Der Leiter des Bereichs muss jetzt, ohne Zivi, alleine mit ~20 Behinderten und der anfallenden Arbeit zurechtkommen. Schülerpraktikanten oder Ferienjobbende sind keine Hilfe, da sie eingelernt und somit, wie die Behinderten, betreut werden müssen. Ein Wählerstimmen haschender, unausgegorener Schnellschuss der verantwortlichen Politiker, die Wehrpflicht abzuschaffen. Es hätte gereicht, die militärische Wehrpflicht abzuschaffen.

edding3000
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27.01.2012 - 23:42 Uhr
edding3000

saf

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Mag ich Mag ich nicht

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27.01.2012 - 23:49 Uhr
edding3000

Ups. Schön beschrieben. Ich selbst wurde noch (aus)gemustert, die Wehrpflicht wurde in der Zeit jedoch trotzdem abgeschafft. Ausgemustert, super, also studieren, nur was? Ich bin relativ glücklich darüber eine der wenigen FSJ-Kultur Stellen bekommen zu haben.
Das Problem bei der Aussetzung der Wehrpflicht ist, dass kein Politiker über die Konsequenzen nach gedacht hat. Viel mehr hätte es eine andere Verteilung geben müssen: Zivildienst zur Pflicht, für alle, auch für Frauen, und die Bundeswehr hätte als Alternative offen gestanden, all jenen, die das Abenteuer Soldat hätten antesten wollen. Stattdessen rühmt man sich mit dem Bufdi. Mit dem spärlichen Gehalt kann man sich vielerorts gerade mal ein WG Zimmer leisten, Essen (und Spaß) ist davon noch nicht bezahlt. Mal ehrlich 300 Euro sind ein Witz. Als Zivi verdiente man nicht viel, aber mehr.
Ich bin übrigens eine Bürokraft in Vollzeit ...

clnet
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28.01.2012 - 00:32 Uhr
clnet

Natürlich. Gibt es irgendwo ein Problem? Da muss irgendeine Stelle mal ein paar Freiwillige dafür bereitstellen, oder, noch besser: ein paar Schulabgänger zwangsverpflichten.

Droht dem Käfer im Schlossgarten ein Leid, oder wird eine Stromtrasse geplant, dann schwärmen die Bürgerinitiativen aus, wütenden Berserkern gleich.
Dagegen scheint die Freiheit junger Menschen nicht viel wert zu sein.

Wenn sich nicht genügend Menschen finden, die bereit sind, Behinderte zu betreuen, muss man die Arbeit eben besser entlohnen oder auf andere Art und Weise attraktiver machen: wie in allen anderen Branchen auch. Dass der Wehrdienst abgeschafft wird war absehbar, seit der kalte Krieg vorüber ist.

lea2
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2

28.01.2012 - 11:27 Uhr
lea2

clnet sagte:

Wenn sich nicht genügend Menschen finden, die bereit sind, Behinderte zu betreuen, muss man die Arbeit eben besser entlohnen oder auf andere Art und Weise attraktiver machen: wie in allen anderen Branchen auch.

ja! bitte!

was den mangel an freunden von kindern mit behinderung betrifft: wie wäre es mit konsequuenter inklusiver wohnortnaher beschulung? dann klappts auch hoffentlich besser mit den schulkameraden und nachbarskindern, anstatt zu beklagen, dass der zivi nicht mehr bezahlter "freund" ist. ich hätte mir gewünscht, dass die sonderbeschulung kritischer hinterfragt wird.

auch wenn der zivi als türöffner für den sozialen bereich gedient hat (meine meinung dazu hab ich schon unter den anderen bufdi-text jüngst geschrieben), wie wäre es, wenn ein interesse für diesen bereich auch ohne zwang entstünde?

coquelicot1
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3

28.01.2012 - 21:59 Uhr
coquelicot1

Ich bin auch für bessere Anreize statt Zwang, auch wenn das hoffnungslos idealistisch klingt. Außerdem für mehr Aufklärung bereits in der Schule oder andere integrative Projekte. Eigentlich bin ich für alles außer, dass man nun zugunsten der Behinderten schon wieder den Umweltschützern auf die Füße tritt, als wären sie das Überflüssigste auf der Welt. Wann hat dieses Anti-Öko-Denken endlich ein Ende?

battlegnom
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Mag ich Mag ich nicht

1

29.01.2012 - 02:41 Uhr
battlegnom

Warum sollte auch nur irgend ein Mensch diesen Job machen wollen?

Schlechte (aber unberechtigt) Reputation.
Stress-weil der Betreuungschlüssel extrem überstrapaziert wird
Finanzielle Katastrophe - teilweise können sich die Leute mit einer 4o Std/Woche keine Wohnung mehr in Großstädten leisten

Im Gegenzug verdienen Aktienanalysten und ähnliches Pack soviel Geld, dass es nicht mehr zum Aushalten ist.

Um mal Volker Pispers zu bemühen:
An einem Tag sterben alle Akienanalysten, Investmentbanker, Unternehmensberater.
Am selben Tag sterben alle Polizisten, Feuerwehrleute, Altenpfleger, Krankenschwestern, Lehrer und Erzieher.
Mag jeder für sich selber entscheiden, wass ihn persönlich eher treffen würde.

JosephineKilgannon
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29.01.2012 - 14:42 Uhr
JosephineKilgannon

kein schlechter beitrag, aber auch ein paar stellen, bei denen ich mir eher "naaajaaa" gedacht hab.

dass die politik den Bufdi als erfolg verkauft ist doch eh klar. dass dabei auch viel getrickst wird ebenso.


aber ist durchaus gut, dass (immer wieder) mal auzusprechen

Brummelwurz
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Mag ich Mag ich nicht

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29.01.2012 - 16:37 Uhr
Brummelwurz

Einzig das Argument, dass junge Männer sich nicht mehr so leicht für soziale Berufe begeistern könnten, halte ich in diesem Artikel für stichhatig.
Männliche Jugendlicghe, die von Frauen gewaschen werden? Was war dann früher mit weibliche Jugendlichen und den (männlichen) Zivis?
Gleichaltrige vs. ältere Betreuer: ich sehe den eindeutige Vorteil jüngerer Männer nicht: wo der im Altenheim ein Enkelersatz sein kann, kann die ältere Dame als Betreuerin eines Jugendlichen halt eine Art Oma-Ersatz sein.
35000 vs. 90000 Stellen: die 35000 Stellen sind für ein ganzes Jahr, die 90000 für wesentlich kürzer. Natürlich gibt es eine Lücke, aber die ist nicht so gigantisch, wie im Artikel suggeriert wird.
Ich finde, mit den Bufdies lässt sich die Pflege Behinderter praktisch genauso gut organisieren. Junge Männer, die nicht mehr gegen ihren Willen zu einem Dienst zwangsverpflichtet werden, (und z.B. ein ganzes Jahr im Studium versäumen) werden diese Umstellung aber begrüßen.

asphaltfruehling
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Mag ich Mag ich nicht

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29.01.2012 - 17:19 Uhr
asphaltfruehling

ich hatte neulich im rahmen eines projekts mit einer gruppe bufdis/bfdlern/oderwieauchimmermandiejetztabkürzt zu tun und ich hatte ehrlich den eindruck, dass die arge jedem der nicht weiß was er tun soll jetzt das bfd-jahr anrät, als wäre es das berufsvorbereitende jahr... von keinem dieser jugendlichen hätte ich mich "pflegen" lassen wollen. nein danke.

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