Vierte Januarwoche
Von kaputten Duschen, London, Tina Fey und Putenkeulen.
20. JanuarDusche immer kaputter, wird gar nicht mehr warm. Erste Prüfung des Tages: Nackt mit der Rohrzange durchs eisige Bad springen und überall rumdrehen. Geringer Erfolg. In der Redaktion viel Schreibarbeit heute, nur unterbrochen vom Kickern. Musste auch schon morgens die Platten für die Popkolumne fertigmachen, da ja bis Dienstag unterwegs. Das S-Bahnfahren nach so einem ewigen Tag im Hochhaus besonders liderlich und länglich, aber mit Nada Surf ok. Am Bahnsteig endlich M. in Dresden erwischt und kurz und nett gesprochen aber schade, dass ich seinen Sohn immer noch nicht gesehen habe - jetzt ist er wieder mit Knyphausen auf Tour. Später mit J. rüber in die Stammkneipe wo es uns ja wieder ganz gut gefällt. Freitags auch angenehm voll, so dass man genug zu sehen hat aber doch nicht dauernd ein sog. Stück rutschen muss. Gibt heute extrem scharfe Burger und J. guckt zwischenzeitlich wie diese Lokomotive mit dem Gesicht bei Kesselüberdruck. Zur Belohnung später noch Schnaps und so. Auf dem Nachhauseweg: Herrlich schöne Schneeflocken, die uns natürlich kicherig machen. Da ist dann wieder schade, dass die Kneipe so nah ist. Nachts noch bei TZM die Nachricht von der Klum-Trennung gelesen und kurz gedacht, ob jetzt in der SZ-Redaktion anrufen und so ein bisschen Alarm machen. Alter RTL-Reflex. Nach fünf Sekunden als unsinnig verworfen.
21. Januar
Leicht schnapsös um elf immer noch im Bett und ungern raus ins Winterwonderland, um die Hemden aus der Reinigung abzuholen. Surprise, hätte neuerdings bis 14 Uhr offen. Ich erfahre zudem: Das graue CP Hemd hat am Rücken ein handgroßes Loch. Weiß nicht, wann zuletzt getragen. Der Mörsergranatenbeschuss letzte Woche? Doof, weil wie alle von CP Lieblingshemd. Reinigungstyp meint flicken lassen. Darüber konfus Unsinn eingekauft u.a. obszön riesigen Putenschlegel, der geflügelbleich aus der Einkaufstasche ragt. So möchte man nicht gerne von Traumfrauen angesprochen werde. Werde ich zum Glück nicht. Daheim mit dem Schlegel Furcht und Schrecken verbreitet. Kitzbühel Skifahren – das einzige, das ich immer angucke, diesmal farblos und verschneit. Übertragung endet auch nach dem 30. Läufer, obwohl noch mehr oben –gerade bei den nicht so Geübten ist es doch urst spannend, findet der Sensationsreporter in mir. Wie fühlt sich der Skifahrer, vor dem die Kamera ausgeschaltet wird? Dann größeres Wohnugsgeräume, reißen alle möglichen Schränke auf, sehen was rausquillt, schreien. Popkultur-Messies! (Sendung für ZDFneo?), alles voll mit Plakaten, Filmen, Zeitschriften, Band-Shirts und altes Vintage-Ironie-Strandgut – Sachen, wiewohl schlimm und unnütz, nicht einfach so in die Tonne kloppbar. Als Übersprungshandlung und aus purer Verzweiflung zu IKEA und damit drei Jahre altes Gelübde gebrochen. Obwohl später Nachmittag voll mit den Menschen, wegen denen Gelübde. Wir supernüchtern, durchschneiden die wälzende Masse aus schwangeren/ungewaschenen/pickligverliebten/kleinglücksverkrusteten Opel-Sympathisanten und erstehen innert 15 Minuten allen Ernstes ein Billy-Regal und einen Bilderrahmen. Sonst nichts. Rekord. Warum gibt es das Billy eigentlich nicht in vernünftigen Farben sondern nur schwarz, weiß und yeah, nussbraun? Warum nicht aus echtem Holz? Auf dem Heimweg lassen wir uns beim Obi noch Holzbretter in Form schneiden. Daheim wuchte ich den Schlegel ins Rohr und J. das Billy zusammen, die hellen Holzbretter sollten eigentlich die weißen Originalbretter ersetzen – allerdings dann noch besser, wenn das Holzbrett zusätzlich auf dem Billy-Brett fixiert ist. Wertet 200Prozent auf. Glücklich. Putenschlegel ist auch sehr ordentlich, merken für wenn mal zehn gute Esser zu Besuch kommen. Nächtliches Büchersortieren ins neue Regal. Erkenntnisse: Wir bräuchten noch eines, um keine Buch- und Heftchenstapel mehr zu haben. Und: Wirklich viele interessante Bücher, wer soll die alle lesen?
22. Januar
Mein Konfus-Einkauf gestern hatte auch Weißwürste ergeben. Sonntags-Brezn kaufen aber zu faul. Auch so gut, auch wenn J. lieber mit FrenchToast experimentiert. Trödle rum, dann hektisch packen und losrasen Richtung Flughafen. Zwanzig Minuten vor closenden Gates noch in der S-Bahn. Rutsche gerade noch in den BA-Flug. Wolkendecke reißt über der Themsemündung auf. HeathrowExpress nach Paddington, zu Fuss ins Hempel-Hotel, hat wie befürchtet sein Design-Wischiwaschi zehn Jahre lang verkommen lassen. Jetzt sieht es aus wie die Schnäppchenecke bei Ikea: Alles ausgeleiert, angestoßen, kaputt. Zudem Zimmer sehr laut. Schlechte Hotels die immer noch so tun als wären sie gute, machen mich instant-cholerisch. Gleich wieder los um M und JR in Islington zu treffen. Schönes altes Pub, Bier und Fish’n’Chips. Guter Abend. Leicht kreiselnd ins Hotel, dessen diverse Lärmquellen bis morgens unterhalten. Zudem fallen vom frei im Raum stehenden Bett (angeblich: Zen!) ohne Kopfteil hinten im Minutentakt die Kissen über Bord. Gesamtschlafzeit etwa zwei Stunden.
23. Januar
Kein Hotel-Frühstück, will mit Nichtachtung strafen. Kaffee im Stehen, Spazieren durch kahlen Hyde-Park mit enorm eleganten Hunden und weniger eleganten squirrels. Komme in NottingHill wieder raus und irre bisschen rum, PortobelloRoad eher uninteressant. U-Bahn nach Holborn und Beginn der O.Spencer/Heritage-Chic-Recherche auf der Lambs Conduit Street. Interview, spreche außerdem die Ladenbesitzer, lungere in diversen Cafes rum, kaufe natürlich auch was. Etwas mühsam, irgendwie will die Story doch nicht so sein wie ich das vor den roten Augen habe, bin auch zu müde. Am Schluss kaufe ich noch eine zutrauliche Pudelmütze und damit durch die halbe Stadt, obwohl ja eigentlich zehn Grad. Komische Stimmung. Im Hotel Schlafversuch, geht aber wieder nicht. Leicht weinerlich. Spazieren nach Marleybone, gutes kleines Thai-Restaurant. Noch weiter, Bier, Kneipenkonzert, wieder spät. Kein Taxi weil alles eh schon wieder zu teuer. Aber diese rappelnde, ewige U-Bahnfahrerei nervt doch gehörig. Nachts im Hotelzimmer kleiner nervous breakdown, für den ich in der zweiten Hotelnacht alleine albern anfällig bin. Potenzierte Einsamkeit der großen, fremden Stadt plus Nichtfesthalten können an der Hotelzimmereinrichtung. Herzrasen, kein Schlaf, Geworfensein. Zu Beruhigung aus dem Filmangebot „Kings Speech“, macht nur noch nervöser. Außerdem ja doch alles nach Schema F, in dem Film. Wenig Trost. Irgendwann ein paar Stunden geschlafen.
24. Januar
Hoteldusche nach dem gleichen Prinzip kaputt wie in der Hübnerstraße. Egal, will nur raus. Oxford Street und die Uniqlo-Bestellungen für daheim abgearbeitet, Kaffee in nettem Buchladen im ersten Stock. Kaufe das Tina-Fey-Buch. Bräuchte immer noch dringend Stimmungsaufheller, dieses Transportiertwerden zieht wieder arg runter, U-Bahn, Flughafenbahn, Aufzug, Rollband, dreimal Schlangestehen, Fliegen, S-Bahn, Bus, das ist der ganze Tag. DeathCab auf Rotation, das Fey-Buch okay, aber auch keine Offenbarung. Sehr froh als J. die Tür öffnet und alles so nett, warm und hell ist. Auch die Lasagne. Freundlicher Leserbrief in der Post, samt Foto und zu widmendem Buch. Aber immer noch so trübselig. Muss solche Trips lassen, kosten nur zuviel Kraft, Zeit, Geld. Sehr müde.
25. Januar
Tiefernst geschlafen. Wintersonne. In der Redaktion recht wohlig und ruhig, viele Mails, kaum geredet. Neues Tindersticks-Album in der Post, passt sehr gut. Schönster Songtitel „If Not I’ll Just Die.“
Abendessen: Hot-Dogs mit Jalapenos! Nahezu tröstlich. Wieder ein bizarrer Leserbrief: Ein Herr Seidenbeck hat (wohl via Google) von meiner Lesung in Darmstadt gehört, wo ich ja zum ersten Mal die Geschichte vom Feuerwerkskritiker Seidenbeck gelesen habe. Er nun: Woher haben Sie diesen Namen, es gäbe nämlich nur (s)eine Familie Seidenbeck in ganz Deutschland! Hätte ich gar nicht gedacht, klingt so geläufig. Werde antworten, dass ich einen halben Tag lang Versatzstücke im Kopf zusammensetzte, bis ich den schönsten Namensklang hatte. Irr.
- 24.05.2012 - rückwärts erzählt 24.05.2012
- Wochenschau 24.05.2012
- 22.05.2012 22.05.2012
- 22.05 22.05.2012
- 21.05.2012 [Das Märchen vom Baumfisch...Teil V] 22.05.2012
Und: Es heißt Wassabumbäzong. Naja.
Ich hätte das hier auch gern als Buch. Jaja.
schön! *
Schön zu lesen, ja.








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26.01.2012 - 20:04 Uhr
MsAufziehvogel