24.01.2012 - 18:30 Uhr

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Die Stimmen der Revolution

Text: sidney-gennies

Vor einem Jahr begannen in Kairo die Proteste und die Erfolgsgeschichten einer jungen Generation ägyptischer Musiker. Wie sie und ihre Musik von und mit der Revolution in Ägypten leben.

Eslam Hakeem trommelt im Takt auf dem Lenkrad seines gut 25 Jahre alten Fiats. Das Autoradio hat er voll aufgedreht, aber er singt noch lauter mit: „Aisch, Horreya, Adala Igtimaiya.“ Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Es ist ein Lied der ägyptischen Revolutionäre. Dabei hat er, der Taxifahrer, längst die Nase voll von der Revolution. Die Touristen bleiben aus. Lukrative Fahrten zum Flughafen oder den Pyramiden hatte er seit Tagen nicht. „Aber vielleicht wird es ja nun doch besser.“ Die Musik jedenfalls gefällt ihm.

Der Mann, der dem einfachen Fahrer diesen Rest Zuversicht gibt, heißt Ramy Essam, er hat das Lied geschrieben. Er ist nur einer von einer ganzen Garde junger Musiker in Ägypten, die mit kritischen Texten und einem neuen Stil nach dem politischen System nun auch die Musikszene umkrempeln wollen. Eigentlich, sagt Essam, mache er für die Demonstranten Musik. Als vor genau einem Jahr die Revolution losbrach, stand er als einer der ersten auf dem Tahrirplatz. „Irhal“ also „Hau ab“, sang er auf dem Platz vor Tausenden Menschen an die Adresse des damaligen Diktators Hosni Mubarak. Es brachte ihm viele Freunde und gefährliche Feinde ein. Er wurde gefangen genommen und mit Elektroschocks und Schlägen gefoltert. „Das hat mich nur stärker gemacht“, sagt er heute. Und glaubwürdiger. „Schon vor drei Jahren habe ich meine Lieder gesungen.“ Doch erst seit Beginn des arabischen Frühlings interessieren sich die Menschen für die Musik des 24-Jährigen, der eigentlich Ingenieur werden will. Jetzt hören sie ihm alle zu. „Stimme Ägyptens“ nennen sie ihn in Kairo. Der Revolution verdankt er alles, seine Freiheit und vor allem seinen Erfolg. In dieser Woche wurde sein erstes Album veröffentlicht.


Ramy Essam, live auf dem Tahrirplatz

Erfolgsgeschichten wie die von Essam kann man derzeit von vielen Musikern hören. Bands wie Cairokee, Taxi oder Iskendrella sind nur die prominentesten Beispiele für ehemalige Untergrundbands, die die Revolution landesweit bekannt gemacht hat. Auch Mahmoud Shawky kann sich dazu zählen. Seit 2004 macht er Musik. Seit einem Jahr füllt er mit seiner Band „Ahwa Sada“ die Clubs und selbst das Kairoer Opernhaus. Und er glaubt zu wissen, warum: „Die Proteste waren ein Einschnitt, ein Neuanfang. Deswegen war es auch Zeit für eine neue Art von Musik.“ Neu, das heißt im Falle seiner Band Einflüsse aus Jazz und Rock. Für europäische Ohren sicherlich nichts Unerhörtes. Auch der Liedermacher-Stil von Ramy Essam oder die Popmusik von Cairokee und Taxi, die teilweise gefährlich an deutsche Schlager erinnern, dürften auf eine westliche Hörerschaft eher vertraut denn revolutionär wirken. Doch in Ägypten ist der Markt über Jahre dominiert gewesen von Schnulzen und Schmachtfetzen mit den immer gleichen arabischen Rhythmen und Melodien. „Die Leute wunderten sich über unsere sozialkritischen Texte“, erzählt Shawky. Mehr als einmal sei er gefragt worden, warum er denn nicht einfach über die Liebe singe.


Ahwa Sada mit „Kulna Masriin“ (Wir sind alle Ägypter)

Das Interesse für Politisches wächst nur langsam in der einfachen Bevölkerung. „Der Großteil unseres Publikums sind Intellektuelle.“ Doch die Leute, die er erreichen will, kommen aus der Unterschicht, wie Hakeem, der Taxifahrer. „Diese Menschen sind das Rückgrat der Revolution.“ Deswegen singt er wie alle Musiker, die mit der Revolution erfolgreich geworden sind, im ägyptisch-arabischen Dialekt. „Wir benutzen einfache Worte mit großer Bedeutung. Sie sind unsere schärfste Waffe gegen das Regime.“ Und es ist ein harter Kampf um die Deutungshoheit der Ereignisse, den die Künstler mit dem aktuell regierenden Militärrat (SCAF) ausfechten. Wenn die Generäle Christen und Muslime gegeneinander aufhetzen, dann singt Ahwa Sada von der Einheit der Ägypter. Verkündet SCAF, die Revolution sei vorbei, singt Ramy Essam vom Sturz des Militärregimes und dem endgültigen Bruch mit der alten Gefolgschaft Mubaraks. Wie der Kampf ausgeht, ist offen. So wie zurzeit eigentlich nichts wirklich entschieden ist in Ägypten. Die Musiker eint denn auch ihre Sorge um die Zukunft des Landes. Bisher habe sich nicht viel verändert, meint Ramy Essam. Aus Frust über den Militärrat boykottierte er sogar die Parlamentswahlen. Und auch Mahmoud Shawky ist skeptisch, ob ein demokratischer Übergang wirklich gelingen wird. „Deswegen werden wir weiter gegen Probleme und Ungerechtigkeit ansingen“, meint er. Denn eines hat die Revolution zumindest schon geschafft: „Wir haben keine Angst mehr. Wir können sagen, was wir denken.“ Dabei geht das Militär noch immer sehr rabiat mit Regimegegnern um. „Unsere Fans werden uns beschützen“ glaubt Shawky. Und Ramy Essam bleibt kämpferisch: „Sie haben mich gefoltert, sie haben meine Freunde auf dem Tahrir erschossen. Aber ich bin noch hier. Ich singe immer noch.“

Auch am 25. Januar, dem Jahrestag der Revolution, singt er wieder vor den Demonstranten auf dem Tahrirplatz, und die ganze Welt wird zusehen. Dort erreicht er mit seiner Botschaft alle. Alle Konfessionen, alle Schichten. Selbst die Militärs.




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4 Kommentare

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liebartig
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.01.2012 - 20:35 Uhr
liebartig

Ob auch die Militärs an diesem Mittwoch feiern wollen... ??? http://bit.ly/xR0n4k

Mandelbrote
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.01.2012 - 21:59 Uhr
Mandelbrote

Revolution anzetteln

meme

dann zu 2/3 religiöse Parteien wählen


Hat sich echt gelohnt :|

BeutekunstAmBau
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Mag ich Mag ich nicht

0

27.01.2012 - 12:35 Uhr
BeutekunstAmBau

die band heisst nicht ahwa sada sondern "qahwa sada" schwarzer kaffee...

sidney-gennies
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30.01.2012 - 01:15 Uhr
sidney-gennies

Die Band heißt tatsächlich "schwarzer Kaffe". Allerdings kennt der ägyptische Dialekt keinen q-alf laut. Ausgesprochen heißt die Band also Ahwa sada und schreibt sich dementsprechend auch in der Transkription so.


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