20.01.2012 - 19:06 Uhr

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Zweite und dritte Januar-Woche

Text: max-scharnigg

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12. Januar
Morgens zur Post. Dann S-Bahn zur SZ und astreiner Konferenztag: Normale, Sonder und Mitarbeiterkonferenz. Bin ganz plattgesessen und –gedacht. Ergebnis: Wenig, außer dass die Redaktion wohl das Stockwerk wechseln muss. Am Telefon K. aus Berlin, die gestern mit den Leutchen vom Frankfurter Verlag rumsaß. Die machen wohl nicht viel, zum Ackerbuch, was eine Schande ist, weil es das lustigste und verkäuflichste Buch ist, das ich je machen werde. Frustrierend. Wenn ich eine günstige und gute Werbeidee habe, kann ich die sagen. Danke. Unvernünftig spät aus der Redaktion wegen allerlei Kram. Mit JK nett in der S-Bahn, dann geschafft in den letzten drei Minuten vor Ladenschluss siebzehn Sachen zusammenzuraffen, inkl. Lauchzwiebeln und Tulpen für J. Pasta mit Salsicce und Rosmarin, sehr lange geschmorrt weil J. erst gegen elf kommt. Hatte aus seltsamen Gründen den letzten Flug gebucht und ist nach einem Tag Berlingerenne schön durch. Ging aber wohl alles gut. Kriege Lob für Tulpen.  

13. Januar
Was ist eigentlich mit meinem Konto? Januar ist ja immer schlimm, aber ohne Preisgeld wäre ich so ungefähr eine Handvoll in den Miesen. Mit Tausenderfingerchen. Analyse der größten Schneisen: Paris im Dezember, der ungeplante LH-Rückflug, die Geschenke gar nicht so sehr aber dann die Woche zwischen den Jahren – jeden Abend mit Besuch durch die Nacht, teils mit absolut unverständlichen Spendierhosen. Katastrophe. Kurzweiliger Tag in der Redaktion, Automatisch heim, Vorbereitung für die Reise nach Eindhoven morgen und noch bis spät in alten Interviews mit Piet Hein Eek. Wirkt nett. Zwei Folgen Downtown Abbey, großartig wie immer. 

 14. Januar
Sechs Uhr raus, Flug nach Düsseldorf, schönes Wetter. Als Mietwagen eine B-Klasse, möchte mal wissen wer sich so was freiwillig vors Haus stellt. Gängelung galore: Ermahnung den Sicherheitsabstand einzuhalten, Ermahnung die Geschwindigkeitsbegrenzung einzuhalten, Ermahnung nach oben zu schalten, ich denke schon versteckte Kamera. Schnurgerade über die Grenze und nach Eindhoven, bin aber zu früh, drücke mich inkognito über des Designers weitläufiges Firmengelände und schwelge in seinem Shop – zu dumm, dass ich geflogen bin, es gibt herrliche Sachen, die Altholz-Möbel sind ausnahmslos Wahnsinn. Dann noch mal etwas in den Ort spaziert und die Fritten probiert. Fad. Aber ein Wunder, dass die Holländer bei diesem Nationalgericht alle schlank und drei Meter groß sind. Dann zum Interview, Eek ist wie alle Designer, so eine Mischung aus nett zerstreut und unwirsch. So wäre ich auch, Journalisten gegenüber, wenn ich keiner wäre. Nach einer Stunde deutlicher Abfall meines englischen Fachwortschatzes, überlege endlos das Wort für Tapete und deute minutenlang hilflos auf die Wand. Naja. Als Übersprungshandlung dann doch Hocker gekauft. Schwester treffen in Köln geht sich leider nicht mehr aus. Der ganze Flughafen in Düsseldorf ausgestorben, die am Sperrgutschalter freuen sich sehr, dass mal jemand was Ulkiges vorbeibringt. Trinke eine Bier mit Blick auf das sinkende Schiff auf den Fernsehschirmen.
Mama ruft besorgt an: Ob ich in dem verunglückten Zug in Ostfriesland saß? Hä?
Ich: Wieso Zug, das ist doch ein Schiff und nein, ich bin doch im Westen! Dann bricht die Verbindung ab. Bizarr.

In Muc ewig am Sperrgutschalter gewartet, schließlich verzweifelt durch die Halle geirrt, Hocker fährt einsam auf einem Band rum. In der Hübnerstraße große Freude über den Neuzugang. Bin auch euphorisiert von Eek, verkünde mehrere Verschönerungsideen, die ich mir im Flugzeug minutiös ausgedacht habe. Mache noch Post auf und schreibe dann im Affekt einen sehr lange, sehr nächtliche Mail an die Steuerberaterin. Sollte man ja nie tun, befreit aber doch. Im Bett natürlich schon wieder bereut.  

15. Januar
Diffuser Tag. J. hat irgendwie kaputtes Knie und zwar grundlos? Beginne den Eek-Text für AD und schiele dabei immer auf den feinen Hocker. Kurzer Spaziergang, kalte Sonne. Abends zwei Blech Pizza die wir in Piranha-Manier aufarbeiten. Steuerberaterin antwortet sachlich und ich wirke natürlich wie das wütende Sandkasten-Kind. Aber ist doch wahr. Werde weiter schmollen. M. aus London ruft an, hat endlich das Buch zu Ende gelesen. Letzter Applaus, vermutlich. Aber nett. Sehen uns vielleicht nächste Woche. Dann noch ebay-Aufregung. Biete halbernst auf vier Eames-Stühle, prompt Zuschlag. Uffz. Akutes Kontoflimmern und zwar nicht mehr nur im Vorhof. Dann geht auch noch die kleine witzige Kamera kaputt, die doch erst drei Wochen alt ist. Klump, verreckts.  

16. Januar
Schöner sonniger Einkaufsspaziergang, das mache ich morgens schon wirklich gerne, einmal durchs ganze Viertel und beim netten Asia-Laden handgestampfte Curry-Paste frisch aus dem Flugzeug. Arbeit am Text und Kleinigkeiten. J. mit Knie zum Arzt, aber kaum Erkenntnis, schön Schmerztabletten. Allein zum Obi und fast zwei Stunden zwischen Lackregal und Holzzuschnitt diffundiert. Alles gekauft. Daheim dann gleich die alte Flurbank rangenommen und lackiert. Wie schnell man bei solchen Sachen dann doch wieder die Lust verliert, gut, dass ich nicht mit der alten Küchenkommode angefangen habe. Abends mit J. noch endlich „Somewhere“. Tragisch. Bei einem Roman würde man sagen, dass so etwa zehn Ideen gefehlt haben, beim Film wird’s mit unendlich langen Einstellungen kaschiert, in die der Zuschauer dann schon irgendwie Ironie oder Hintersinn interpretieren wird. Außerdem braucht die Gute mal ein neues Thema. Mein Curry war wohlig.  

17. Januar
AD fragt zurecht wo der Text bleibt, so was hasse ich gleich am Morgen. Warum habe ich denn nicht gestern fertig gemacht, also wieder eine Stunde Gepfriemel und Gefummel, bis alles sitzt, danach erst Kaffee und Guten Morgen. Nachmittags zur Halle2, wo ich schon ewig nicht mehr war, hat sich in der Zeit aber noch eher radikalisiert: Sehr viele Leute warten vor der Tür als ich ankomme und punkt 15 Uhr sprinten alle los und reißen alles aus den Regalen, jeden Fitzel Elektroschrott. Möbelmäßig ist gar nix zu holen, wühle mich in den Bücherkisten fest. Ergebnis: Hemingway, Canetti, Karl Valentin und mehre uralte Wander-und Stadtführer, für die ich eine seltsame Schwäche habe, in die man aber natürlich nie reinschaut. Abends lang mit Papa geskypet und mit Schwester analog telefoniert. Auch irgendwie komisch. Papa findet meine Idee gut, mit ihm nach Norwegen zu fahren.  

18. Januar
Unsere Dusche kränkelt: Erst fiebrig heiß und dann ohne Vorwarnung Schüttelfrost. Muss denn immer irgendwas sein? Mit Paket zur Post, S-Bahn in die Redaktion. Tagesdienst und allerlei um die Ohren. Sage Aufträge ab, u.a. Mailand. Irgendwann muss ich doch mal mit dem Roman richtig loslegen. Stimmung sonst eher durchwachsen. Liegt vielleicht an meinen Hosen, alle Lieblingsjeans sind durch und ich verspüre nicht die Kraft nach neuen zu suchen. Dieser komische italienische Kapitän und sein Telefongetrotze, ich denke die ganze Zeit, dass er vielleicht einfach so tun wollte, als ob nichts wäre, quasi Übersprungshandlung. Genau wie man eben als Kind die Augen zumacht und hofft, der schlimme Moment wäre anschließend vorbei. Vielleicht hatte er ganz fest gedacht, er könnte seinen epic fail doch noch irgendwie kaschieren, bei Tageslicht auspumpen lassen, Schwamm drüber, abends schon wieder lachend den Gästen einen guten Abend wünschen. Weil es einfach nicht sein kann, dass er gerade das Riesenschiff versenkt hat. Ich finde das sehr nachvollziehbar, dass man sich mit aller Sinneskraft bis zum Wahn dagegen stemmt. Allerdings wäre er dann auch besser mit untergegangen, pfeifend. Interessanter Buchtitel: „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“. Zählen Twitter-Follower eigentlich mehr als Facebook-Freunde, gibt’s da Tabellen? 

 19. Januar
 Schneesturm vorm Fenster, hatte den Winter eigentlich schon fast vergessen. Also Auto. Redaktion eher überdurchschnittlich anstrengend, wieder Tagesdienst, wieder bis halb acht Teaser gebastelt und Kram. J. vermeldet die Ankunft der Eames-Stühle und einen Fananruf von einer Lesergemeinschaft, die ankündigen, dass sie einen Brief schreiben werden. Warum muss man das telefonisch ankündigen? Dann mailt sie im Viertelstundentakt Flüche, weil die Stühle wohl knifflig zusammenzubauen sind. Wer hätte das gedacht? Daheim zücke ich den Akkuschrauber und verzweifle ebenfalls postwendend. Diese Gestelle bestehen aus viel mehr Einzelteilen als man so glaubt und dauernd verschwinden Muttern, Schrauben und die Holzbeine fallen polternd ab. Es ist scheußlich. Für den ersten Stuhl brauche ich fast zwei Stunden und viel Kraft. Für den zweiten eine halbe Stunde für den dritten dann nur noch zehn Minuten. Dann ist Mitternacht durch, aber wir hocken wie die Grafen in den Fiberglas-Sitzschalen die tatsächlich sehr gut aussehen, auch gute Farben. Ich finde sich auch wieder überaus bequem, J. nicht so. Vielleicht habe ich den idealen Eames-Rücken? Zum Runterkommen dann noch die beiden letzten Modern-Family-Folgen. So wahnsinnig gut.


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4 Kommentare

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MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

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20.01.2012 - 20:40 Uhr
MsAufziehvogel

das klingt ganz schön atemlos.

gefällt weiterhin :-)

lottachen
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Mag ich Mag ich nicht

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20.01.2012 - 22:51 Uhr
lottachen

eames-stühle! super!

fatman
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Mag ich Mag ich nicht

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21.01.2012 - 17:59 Uhr
fatman

Schönschön.

Wie wärs mal mit einer Kolumne über ausländische Fernsehserien?

soeren_preibusch
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Mag ich Mag ich nicht

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23.01.2012 - 19:21 Uhr
soeren_preibusch

Das war lesenswert!


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max-scharnigg offline

max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Das Problem ist der Konsens.