„Du, ehrlich, in der Stadt brauche ich einfach kein Auto."
Manche Sätze hört man häufiger als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.
Es ist sehr wichtig, diesen Satz als höchste Erkenntnis zu verkaufen – bei gleichzeitig nonchalantem Tonfall. Denn er gehört zu der unsympathischen Gattung von Schutzbehauptungen, die andere weitgehend widerspruchslos schlucken müssen. Gleiche Kategorie: „Ich habe einfach eines Tages mit dem Rauchen aufgehört und seitdem fehlt es mir nicht“ und „Ich kann so viel essen wie ich will, ich nehme einfach nicht zu“. Kleine, feine Angebereien, mit denen man mindestens die Hälfte aller Anwesenden zu willensschwachen Doof-Enten erklärt – ohne dass einem diese Gemeinheit nachgewiesen werden kann. Denn offiziell ist man ja nur eine ehrliche Haut, die aus dem eigenen Leben plaudert. Natürlich mag es sein, dass diese Sachverhalte jeweils zutreffen – eine Hilfe für den Rest der Menschheit sind sie indes nicht. Es ist beinahe so, als würde man einem Rollstuhlfahrer sagen: „Du, ich habe mir überlegt, so langsam wie du fährst, da kannst du ja eigentlich gleich laufen.“

Was nun den plakativen Verzicht auf ein Auto in der Stadt angeht, so gründet sich diese hochtrabende Lebenseinstellung auf nichts anderes als Kenntnisse von Busfahrplänen und der flüssigen Fortbewegung mit dem Fahrrad ohne Stützräder – also den Wissensstand eines Zehnjährigen. Es ist darüber hinaus vollkommen unnötig, anderen Stadtbewohnern von der Erfindung des Öffentlichen Nahverkehrs zu künden. Noch schlimmer: so zu tun, als wäre den anderen bislang nur der Sinn von Straßenbahn und Bus verborgen geblieben.
Dabei handelt es sich ja nicht um ideelle und schwer zugängliche Dinge wie etwa das Spätwerk von Lenny Kravitz, auf die man noch mal hinweisen möchte, weil die anderen sie vielleicht übersehen haben, nein, die Bus-Basics dürfen doch flächendeckend vorausgesetzt werden. Aber die Hauptsatzbenutzer verklären stattdessen das Nichtbesitzen, ihre langweilige Nicht-Nachricht bis in die Nähe eines aktiven Widerstands und Denkfortschritts, zu dem die Autobesitzer auch irgendwann mal gelangen werden. Es wäre so überaus erfrischend, wenn man auf derlei blasierte Ausführungen einmal bass erstaunt reagieren würde: „Echt? Diese komischen blauen Riesenautos und die bimmelnden kleinen Eisenbahnen nehmen gegen ein geringes Entgelt auch Passagiere mit? Das musst du mir mal genauer erzählen!“ Macht natürlich keiner, weil alle zu freundlich sind und sich stattdessen sofort für den Besitz ihres Autos rechtfertigen – notfalls mit erfundenen aber wichtigen Versorgungsfahrten zu bedürftigen Verwandten in dings, äh, Hessen. Und das wäre wirklich wirklich auch der einzige Grund, warum man immer noch ein Auto in der Stadt hält. Denn alles andere, da müsse man zustimmen, kann man ja wirklich mit den bimmelnden kleinen Eisenbahnen erledigen.
- "Ihr wart dann auf einmal irgendwie weg." 13.05.2012
- "Das ist gut, weil es nicht so süß ist." 22.04.2012
- "Also 'nur' in Anführungszeichen!" 09.04.2012
- "Hast du auch genug getrunken?" 29.01.2012
- "Das Jahr ist wieder irgendwie so schnell vergangen." 01.01.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
zur hölle mit der münchner kfz zulassungs- und fahrberechtigungsstelle
münchen.
und ja, man braucht nichtmal ein 'FAHHRAD', um trotzdem alles mögliche zu erledigen^^
22.01.2012 - 19:22 Uhr
nixbewiesenausserich
Unabhängig davon: Wer ein Auto besitzt, sollte das auch rechtfertigen können. Wer damit nur die 1.5km zur Uni zurücklegt, ist bei mir eher unten durch.
Wer täglich im Auto fahren muss, tut mir ohnehin eher ein bisschen leid. Es ist doch viel schöner, wenn man seine Wege mit dem Fahrrad zurücklegen kann. Durch Matsch und auf Glatteis :)
22.01.2012 - 20:04 Uhr
Melanchtron
soylentyellow sagte:
... wegen der Wasserkästen die man nur damit beim Supermarkt kaufen könne (und die man selbstverständlich auch "braucht")
Deswegen sollte man, bevor man in eine Wohnung einzieht, immer erst das Leitungswasser probieren. Regional ist meistens nur der Kalkgehalt verschieden, der eigentliche Geschmack kommt wenn dann aus den Hausleitungen
Ich hab ja ein Auto, mag es auch ganz gerne und schäme mich nicht dafür. Andererseits wird es echt immer schwerer, Auto und Stadtzentrum miteinander zu vereinbaren. Die Stadt macht es einem mit zahlreichen Hinterfotzigkeiten so unangenehm wie nur möglich.
Es ist also gut möglich, dass der heutige Hauptsatz irgendwann niemanden mehr beeindruckt, weil kein einziger Innenstadtbewohner mehr ein Auto hat. Dann wird der Angeber auch schnell belächelt, weil er sich mit dem Unvermeidlichen brüstet.
Diese Dissonanz wird dann durch das Abwerten des Autobesitzes in der Stadt reduziert.
Ich hatte in meinen Stadtphasen auch nie ein Auto - kein Geld. Aber das war eben auch Studentenleben. Da hat man Zeit ohne Ende und kann gut mal eine zweieinhalbstündige Nahverkehrs-Expedition zum Stadtrand-Baumarkt machen. Wenn man Vollzeit arbeitet, ist sowas dann doch deutlich weniger lustig.
@ Cate
Das kommt wohl auch auf die Situation drauf an. Ich habe auch schon verschiedene Strecken gependelt. In der Regel war die Fahrt von Haustür zu Arbeitsplatz mit dem öffentlichen Verkehr in etwa gleich lang wie mit dem Auto, in einem Fall massiv weniger, in einem hätte ich vielleicht 15 Minuten täglich gespart. Dafür aber zu Hause frühstücken und mehr arbeiten müssen, was ich dann immer im ICE erledigt habe. Wirklicher Zeitverlust ist keiner resultiert. Und seitdem ich in einer Stadt wohne, in der die Straßenbahn sogar die ganze Nacht durch fährt, verstehe ich Menschen die soviel Geld für die Erzeugung von Abgasen ausgeben, noch weniger.
Alle Kommentare anzeigen








4
22.01.2012 - 18:52 Uhr
lottachen
und wenn's dann zu ikea, zum baumarkt oder zum getränkegroßeinkauf gehen soll, nehmen die kein-auto-in-der-stadt-braucher gern mein auto in anspruch.