Neues Jahr
In unserem Hausflur stehen jetzt 29 Paar Schuhe, Größe 37, von einer Frau, die gestorben ist, die ich kaum kannte. Ihre Halbschuhe und Schnürschuhe und Ballerinas und Slipper (alle flach, alle wie neu) stehen jetzt verteilt auf fünf Treppenstufen, weil eine Bekannte sie brachte ohne vorher zu fragen.
In Tragetüten gestapelte Biographie des Gehens.
Sie passen nicht. Meiner Mutter, die immer nur den Kopf schüttelt oder aber „gar nicht schlecht“ sagt und „im Grund genommen“, und mir, die aus Prinzip nicht Schuhe einer toten Frau anprobieren will, die sich zur Zeit selbst vorm Sterben fürchtet.
„Ewig lebt wer nie gelebt hat“ schreibt Ernst Jandl und im Grund genommen hat er natürlich gleichzeitig recht und ist aber tot, was zählt mehr, recht haben, oder tot sein.
Ich lebe allem Anschein nach und habe Angst, was zählt mehr, Angst haben oder am Leben sein.
Angst:
vor Konservierungsstoffen und Bergkäse, vor Birnen (Williams Christ, Clapps Liebling, gute Luise, Alexander Lucas), vor Martini und Maggi-Brühwürfeln, vor roten Gesichtern, angebrochenen Honiggläsern, vor Zitrusfrüchten und wilden Kräutermischungen, vor schlechten Vergleichen.
Ich fürchte mich vor unsichtbaren und sichtbaren Phänomenen die Rumliegen und fliegen.
Beim Allergologen ist die Nummer 23 grad aus, Lieferschwierigkeiten, ich weiß also nicht, ob ich womöglich auch Angst haben sollte vor Nummer 23, Wellensittichfedern. Unbedingt fürchten aber vor Bäumen, die im Sturm in mein Fenster zu stürzen drohen, vor zuknallenden Türen mitten in der Nacht, vor Sprüchen auf Yogiteebeuteln „bleib oben“ und Liedern im Shufflemodus „you’re not coming home tonight“. Angst vor Platzregen. Angst in Ohnmacht zu fallen, Angst zu ersticken, Angst vor Hitze, Kälte und Schwellenangst, Walnussbrotangst, Angst vor Pusteln und Personen, die die Stirn runzeln, Rotweinflecken, Angst vor Publikum. Die Unmöglichkeit der Pluralisierung von Sommer und Winter.
Keine Angst:
vor Karotten, Kartoffeln, Plural von Übergangsjahreszeiten: Frühlinge und Herbste. Fenistil. Kaffee mit Milch und Zucker. Peter Weck. Dinkelseelen und Butter. Hunde, die in der Nähe meiner Füße liegen. Sentimentalität in Schneeflocken. Personen, die stricken. Wärmflaschen. Ziegenkäse. Transport warmen Apfelkuchens in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Im Bus:
Wie schwer und leicht Menschen zugleich sind: Ein fremder alter Mann, der im Bus auf meine Hand fällt, die sich in der Halteschlaufe fest hält, er fällt auf mich mit ganzem Gewicht in der Kurve. Wir sind auf Kollisionen nicht vorbereitet, wir setzen uns in Busse und Autos und Bahnen und auf Fahrräder, wir überqueren Straßen und Zebrastreifen und Ampeln, die fast rot sind, wir gehen durch Schiebetüren und Drehtüren, wir drücken und ziehen, manchmal zuerst das falsche, wir gehen trotzdem rein und raus und ein und aus, wir tragen Einkaufsüten nach haus und Federbetten, manchmal wartet jemand auf uns.
Ein Freund, den man im Arm hält, ganz leicht plötzlich, obwohl er ja auch was wiegt, obwohl man ja selbst was wiegt, vielleicht hebt sich das Schwere im Liegen auf und im Mögen.
Stopp:
Du liegst auf dem Sofa, hast die Schuhe anbehalten, damit du gleich wieder gehen kannst, vermute ich, halte eine Tasse in der Hand. Dein unter dem T-Shirt vorblitzender Bauch, meine Hände, die lieber ihn als die Tasse spürten.
Wir sind Goldfische, in Einzeltüten mit Wasser drin, bereits im Teich zur Eingewöhnung. Wir stehen und sitzen an Bars und in Bäckerschlangen und Kinokassen, Kaffeeautomaten, Geldautomaten, Wartezimmern, Fluren, manchmal auch im Wald und könnens nicht fassen, dass es das gibt. Gleichzeitigkeit von Bäumen und Berufen. Sind wir noch in der Tüte? Ich ja du nein.
Go:
Und irgendwo zwischen hier und da fährt 1 Möbelauto durch den Regen, der Fahrer trägt keinen Ganzkörperanzug und fürchtet, sich durch schweres Schleppen in Hulk Hogan zu verwandeln. Erkennungszeichen dann: Er wirft ein Auto.
Ich steige ins Auto, schnalle mich an, sitze nicht mehr auf dem Rücksitz, wie früher, ich stecke dem inneren Kind ein Salbeibonbon in den Mund, gebe Gas und kupple, meine Schuhe wie neu, seit ich sie zum Schuster brachte, der drei Anläufe brauchte, „beim dritten Mal klappts immer“, dann hatte ich zu wenig Geld dabei und ging zum vierten Mal hin.
Das Jahr ist noch nicht eingelaufen, wie neue Schuhe, gehen wir trotzdem spazieren.

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nur 29 paar? war die frau krank)
wow
vor peter weck muss man keine angst haben, stimmt.
Sehr sehr schöner Text!
Ich habe nie darüber nachgedacht, was ich mag und was ich nicht mag. Der Zufall soll das entscheiden.
Schuhe sind was Feines, besonders, wenn man zuviel davon hat.
Wunderbar! Ich musste mich fast totlachen.
Auch sonst ein sehr schöner Text.








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17.01.2012 - 21:50 Uhr
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