Hundehirn-Novelle
ERSTES KAPITEL
„Auf einem Bein kann man nicht stehen.“, dachte sich Dr. Hundehirn, der seit drei Tagen nicht geschlafen hatte, murrte und ging zu Bett. Der einsame Briefträger schmollte vor der Eingangstür.
Der Tag war hell, sonnig und unerträglich. Seine müden Stündchen verkrochen sich in der Muschel der Uhr.
Als Dr. Hundehirn wieder erwachte, hörte er eine ungeheuerliche Schimpferei vom Fenster ins Zimmer dringen: Jemand schlug sich. Jemand unterhielt sich sehr, sehr laut. Was absolut unüblich war. Ja, warum war denn das so unüblich? Weiss das einer? Weiss das der Leser? Also der Autor weiss das nicht. Der Autor ist einfach zu dumm, um Auskünfte zu erteilen.
Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen, wo, von der Parkseite her, ein breiter, avenueartiger Weg in den erbärmlichen und schmalen Spaliergang einmündete. Ein dicker tropfen Scheisse klebte an der Wand. Und der Sperling, der fröhlich aus der Pfütze pfiff, kratze sich mit seinem dreckigen Flügelchen. Schwingelchen. Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, erhoben sich denn auch, nach dem Vorbilde der berühmten englischen Gärten in Kuckucksheim, ein paar hohe, glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren eines sich ein altmodisches Treibhaus anlehnte, das, früher der Herrschaft zugehörig, inzwischen mit all seinen Blattpflanzen und Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen und die Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes geworden war.
Der Gärtner soff wie ein Loch und himmelte Außerirdische an, munkelte man in der kleinen Stadt, wovon Herr Prof. Dr. Dr.Hundehirn „natürlich“ nichts wissen sollte. Oder wissen konnte? Aber zurück in den Text, bevor er ganz aus dem Blick gerät. Unmittelbar neben dem Treibhause hatte der Gärtner und Pfarrer Paul Bax seine Wohnung, ein nur zweifenstriges und ganz von Efeu überwachsenes Häuschen, über das ein alter, pilzverseuchter Akazienbaum seine Zweige breitete. Zwei, drei Steinstufen führten bis in den Flur, und neben diesen Stufen stand eine Bank, deren Rücklehne von dem Efeu mit überwachsen war. Das Ganze war wirklich zum Speien übel komponiert, aber selbst der tapferste Wissenschaftler – also Hundehirn – musste da jetzt durch. Kein Ballon stand ihm für seine Flucht aus diesem Irrsinn zur Verfügung.
ZWEITES KAPITEL
Hundehirn konnte sich und die Welt natürlich nicht leiden, er schwebte ja quasi über seiner untröstlich-schmerzverklebten Welt. Im Garten nahm er einen Drink und schmiss eine Fensterscheibe ein. Der geneigte Leser wird das komisch finden:“Ach, warum steht denn das so da?“ Und was soll ich, liebster Leser, mit deinen blöden Kommentaren machen? Bitte abwarten, denn vielleicht wirst du ja merken, was an dieser tatsache so besonders und erwähnenswert zu sein scheint. Vielleicht aber auch nicht. Pechgehabt!
Also Hundehirn sass da und plötzlich kam eine Frau auf ihn zu. Er erkannte sie, es war Linda, seine Geliebte. Er hat sie vor Jahren verlassen, weil sie aus dem Ohr geblutet hat.
Und als sie nun allein waren, nahm Hundehirn den Vortritt und stieg hinauf auf die Mauer der Männlichkeit und eilte sich, als er oben war, der noch auf der Wendeltreppe der Schamhaftigkeit stehenden Linda die Hand zu reichen. Und nun gingen sie weiter über die kleinen, klirrenden Eisenbrettchen hin, die hier als Dielen lagen, bis sie zu der von irgend so nem dummen Autor beschriebenen Stelle kamen, besser beschrieben, als er selber wissen mochte. Wirklich, es war eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube, fest geschlossen, und überall an den Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich Orchideen, Blutwürste und Farne die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete sich wonnig,lüstern, aber schwer in dieser dichten Laube der Borniertheit; dabei war es, als ob hundert kleine Zungen sprächen, und Linda und Dr. Hundehirn fühlten, wie dieser berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte. Sie zählten jenen von äußeren Eindrücken, von Luft und Licht abhängigen Naturen zu, die der frischen Feigheit un sentimentalen Dümmlichkeit bedürfen, um selber frisch zu sein. Über ein Schneefeld hin, bei rascher Fahrt und scharfem Ost - da wär' ihnen der heitere Sinn, der tapfere Mut ihrer Spiesser-soldaten-Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe, geradezu pissige Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte sich und löste sich und fiel. Man sah Geschlechtsteile der blanken Abstraktion. Oh Schreck, Leser! Kehr um! Kehr um!
DRITTES KAPITEL
Als Hundehirns Katze, Micky, aus einem schweren, melancholischen Traum erwachte, sagte sie sich, trocken und dennoch aus ihrem kleinen Herz schöpfend: Finger weg vom Katzen-Globus!
Es gibt erfreulicherweise noch immer den Katzen-Verband. Man hört nicht mehr viel von ihm, aber er hat auch nicht mehr nötig, von sich reden zu machen. Seine Agitatoren brauchen nicht mehr auf die Tribüne zu steigen: die Saat ist ausgestreut und vielfältig, und in den verschiedenartigsten Köpfen geht sie auf.
Hundehirn wusste nichts über seine Katze.
Das Leben ist hart, meinst du nicht?
Diese Sucht, zu belehren, dazwischenzureden, manifestiert sich recht unterschiedlich. Am muntersten treiben es einstweilen die Kommunisten. Sympathiekundgebungen für DIE kATZEN, für whiskas ... Bald kommen die Löwen an die Reihe. Sobald sich die tierischen Geopolitiker in Glauchau oder in Berlin-Dahlem darüber klar sind, was das ist.
Riesige Plakate: »Hände weg von Katzenfutter!« Es könnte ebensogut dastehen: »Halt, wenn die Barriere geschlossen!« oder: »Man beliebe, vor dem Heraustreten die Kleidung zu ordnen!« Es hätte denselben Wert. Was für einen Einfluß haben wir auf Katzenfutter, was für einen Einfluß hat es auf Kartoffelbrei oder Sägemehl, daß ihnen eine Berliner Versammlung der heroischen Katzen wegen grollt?
Das Spaßigste ist, daß die Hasser der Katzen Herrn Hundehirn gar nicht kennen, sie sitzen nämlich im Ausland.. Man mag über die Katzenverächter denken, wie man will, sie sind vollendete Propagandisten, sie verstehen es glänzend, ihre Hausangelegenheit mit der Katzensache zu identifizieren. Auch das ist schon dagewesen. Erinnert nicht die Frisur von Herrn Hundehirn, gerade wenn sie moralisch am anfechtbarsten, jedes mal daran, daß Hundehirn schlichtweg eine Meise hat, hatte und haben wird? Jeder Kater der Stadt weiß von ihm und seiner heimlichen Traumgeliebten Linda.
Kater Murr selbst hat diesen Zauber empfunden, Kater Murr kennt die kaschierende Macht der Ideologie.
Die betrüblich-erquickende Wirkung seines Gesangs machte mich immer trauriger, dachte Hundehirns Diener Leopold. –»O Musik! O Poesie!« sagte er vor sich hin, »wie wenige Herzen verstehen euch!«
Der Sperling aus dem ersten Kapitel starb und die ganze Innenstadt trug schwarz. Manche Gedanken von Hundehirn kreisten um Lindas Winterspeck. Dabei war es noch gar nicht winterlich. Nur die einsame Seele spürt die Kraft eines winterlichen Morgens.
In solche Gedanken versunken, prallte ich, der Autor dieses Unfugs, mit dem Kopf gegen einen Vogel, der in entgegengesetzter Richtung flog. (Hat jemand noch die Fabel in der Hand?)
„Aua!“, schrie ich und klopfte meine Schädeldecke ab. Der Anprall war so heftig und so unvorhergesehen, daß wir beide auf einen Baum niederfielen, der glücklicherweise gerade dastand.
Der Baum war liebenswürdig und behielt alles für sich.
Große Scheisse.
- Hast du was getrunken?
- Warte mal, das kann man doch nicht machen, also so rumfliegen, wie es einem gefällt. Im ersten und zweiten Kapitel dieser Geschichte wurde uns beigebracht, auf das Wesentliche zu lauschen.
- Ich zieh dir gleich den Wurm aus dem Ohr.
Nachdem wir uns ein wenig geschüttelt hatten, betrachtete ich den Neuankömmling und machte mich auf einen Zank gefaßt.
- Verdammte Scheisse.
- Gottverdammte Himmelskacke. Grabenschwarzer Kehricht!
Ich sah mit Erstaunen, daß er weiß war. Allerdings war der Kopf ein wenig größer als meiner, und über der blöden Stirn hatte er eine Art Helmbusch, der ihm ein komisch heldenhaftes Aussehen gab; außerdem hielt er sehr würdevoll seinen Schwanz steil in die Luft; im übrigen schien er mir zu einer Rauferei keineswegs aufgelegt. Wir begrüßten uns sehr höflich und entschuldigten uns gegenseitig; dann begannen wir eine Unterhaltung. Ich nahm mir die Freiheit, ihn nach seinem Namen zu fragen und aus welchem Lande er stamme.
Aber hatten wir uns nicht gerade angeschimpft? Nein, ich habe lediglich über Prof. Dr. Dr. Hundehirn philosophiert.
»Sie scherzen mit ihrem Gequatsche,« erwiderte der fiedrige Freund; »Ihr Gefieder steht Ihnen zu gut, als daß ich den Kollegen in Ihnen verkennen sollte. Sie gehören zweifellos der berühmten und ehrenwerten Rasse an, die auf lateinisch cacatus heißt, die die Gelehrten Kakatoiden nennen und der Volksmund Kakadu.«
»Leck mich doch, du dummer August. Das ist möglich, und das wäre viel Ehre für mich. Aber tun Sie bitte, als wenn es nicht der Fall wäre, und geruhen Sie mir zu sagen, mit wem ich die Ehre habe.«
»Ich bin,« antwortete der Unbekannte, »der große Dichter Kakatogan. Ich habe riesige Reisen gemacht, mein Herr, auch durch Wüsten, und bin weit gepilgert.
- Sag bloss.
Ich mache nicht erst seit gestern Verse, und meine Muse hat manches Mißgeschick erlitten. Ich habe unter Ludwig XVI. mein Liedchen gesungen, habe für die Republik meine Stimme erhoben, habe das Kaiserreich verherrlicht, habe insgeheim die Restauration gepriesen, habe sogar jetzt in der letzten Zeit beträchtliche Anstrengungen gemacht, und mich nicht ohne Beschwer den Forderungen dieses geschmacklosen Jahrhunderts unterworfen.
- Und den Unfug soll ich dir glauben? Aus den Augen!
- Aber Herr, hörn sie doch mal! Ich habe pikante Distichen, graziöse Dithyramben, fromme Elegien, romantische Dramen, krause Romane, duftige Vaudevilles und nackte Tragödien in die Welt gesandt. Kurz, ich kann mich rühmen, dem Tempel der Musen einige prächtige Gewinde, düstere Zinnen und phantastische Arabesken hinzugefügt zu haben. Mein Schnabel ist ein tolles Gerät.Jetzt bin ich freilich alt geworden. Aber ich dichte noch immer frisch drauf los, und gerade als Sie mir eine Beule stießen, träumte ich von einer Dichtung in einem Gesange, der nicht weniger als sechshundert Seiten haben wird. Wenn ich Ihnen übrigens irgendwie dienen kann, bin ich ganz zu Ihrer Verfügung.«
- Also, Vogel, ich schreibe hier an meiner Novelle. Das tut meinem Kopf und meinen Organen nicht gut, besonders die Verdauungsorgane werden dabei in Mitleideschaft gezogen. Ich möchte nix , aber auch rein gar nix über antikische Poetereien hören. So ein Philologieseminar kannst du bei den Anonymen stattfinden lassen, aber nicht hier!
- Mein Herr, mir graust es!
- Mach n Abflug, wir brauchen dich – noch – nicht an dieser Stelle.
»Aber,« antwortete er, »mir passiert immer etwas Ärgerliches: meine Stimme übt nämlich auf alle, die sie hören, eine bestimmte Wirkung aus ... Sie wissen, was ich sagen will?«
- Nein, zisch ab.
»Und wissen Sie, der Sie mir der Nestor der Poesie zu sein scheinen, denn ein Mittel gegen diesen peinlichen Übelstand?«
-Also wirklich, sprichst du denn kein Deutsch, oder warum bist du so unverständig? Sei doch nicht so albern, wie Herr Hundehirn, den alle kennen.
- Ich bin ganz Ihrer Meinung; aber Sie werden einsehen, mein Herr, daß es für jemanden, der die besten Absichten hat, hart ist, wenn man die Leute in die Flucht jagt, sobald man einen Anlauf nimmt. Würden Sie mir den Gefallen tun, mir zuzuhören und mir offen Ihre Meinung zu sagen?«
- Das reicht. Ich rufe Herrn Prof. Dr. Hundehirn an!
Er flog weg. Wo waren wir eigentlich in dieser erbärmlichen Geschichte stehengeblieben? Was war mit Linda passiert? Hatte Hundehirn eine neue Affäre? Sagte jemand „Aha!“ oder nicht? Und hören wir noch einiges aus der Feder des dümmlichen Vogels?
VIERTES KAPITEL
Ich fing sofort an zu singen und hatte die Genugtuung, dass der Geist von Herrn Hundehirn weder davonflog, noch einschlief. Er sah mich starr an, und von Zeit zu Zeit nickte er mit anerkennender Miene und murmelte einige schmeichelhafte Worte. Aber ich bemerkte bald, daß er nicht zuhörte, sondern an seine abstrahierten Genitalien dachte. Er benutzte einen Augenblick, wo ich Atem schöpfte, und unterbrach mich plötzlich.
- Ich habe heute ganz viel Kohl und grüne Bohnen gegessen. Wie in dem Walsergedicht, kennen sie das?
- Nein, aber ich will das auch nicht.
- Ich habe ganz, ganz, ganz viel gegessen heute.
- Natürlich, wer hat das nicht?
- Aber der Kohl, mein Herr, den tuts doch weh, wenn er sterben muss und vor allem tuts seinen Enkeln weh und all der Kram.
- Die Welt ist eine Bühne.
- Eher ein Kohlkopf, meinen sie nicht?
- Eine Pantoffelidee, ganz ausgezeichnet.
Bei diesen Worten flog er auf und verschwand und schien sich meiner Existenz nicht mehr zu erinnern.
FÜNFTES KAPITEL
Den Geist des Uropas hat man schnell vergessen. Jeden Sommer kommt Dr. Hundehirn mit einem solchen Gespinst. Die Familie konnte ihm so etwas nicht glauben.
In zwei Kammern des Pfarrhauses, die im obern Geschoß nach Mitternacht gelegen waren, hatte man Herrn Hundehirn und Linda Glockenkopf gebettet. Die Fenster waren in Ermangelung der Läden mit schwarz-violetten Tüchern sorglich verhangen, so daß vom hellsten Tage kaum ein Zwielicht herein drang. Die Decke war gestreift, der Teppich orange und sehr leuchtstark.
Der geräumige stille Baumgarten des Pfarrers verschattete zum Ueberfluß die Mauer und hielt das Geräusch des täglichen Lebens fern. Der Pfarrer aber war ein widerliches perverses Monster.
Besonders für das Mädchen hatte der Arzt die größte Vorsicht eingeschärft. Dr. Hundehirns Gärtner und Pfarrer liebte es, seinen Gelüsten messerscharfe Grenzen zu setzen. Linda, seine kleine Drachentöterin, hat das nie begreifen können. Auch ich kanns nicht begreifen. Wieso zum Kuckuck machte der Gärtner-Pfarrer das? Wozu brauchte er denn diese Grenzen der Lustbarkeit, er war ja nicht bieder. Seine Epigrammwindungen des Hirnes pulsierten vor lustvoller Nervosität. Man holte aber nie den Arzt!
Was an ihm gewesen, sei geglückt. Nun müsse die Natur im Stillen das Uebrige thun, und des Mädchens leicht erregbares Wesen brauche der strengsten Pflege und Schonung. Seine perversen Gedanken konnte Der Pfarrer, der Dr. Hundehirn eingesperrt hielt, leider nicht mitteilen. Der Leser sei an dieser Stelle aufgefordert weiterzuspinnen.
Linda war in der entscheidenden Stunde unverzagt gewesen. Als ihre Mutter bei dem Schritt des Arztes über den Flur in Weinen ausbrach, war sie zu ihr getreten, um sie zu beschwichtigen. „Mutter, sie dürfen Hundehirn nicht am Ohre streicheln!“
Der Arzt fing mit dem Knaben an, der aufgeregt, aber von gesundem Muth, niedersaß und Alles ertrug.
„Ich habe nur eine kleine Schere in deinen Hals gerammt, nichts weiter!“, rief er dem Winzling zu. Das Kind schien in seiner Kleinheit zu verschwinden. Hundehirn bebte. Nur wollte er nicht dulden, daß man ihn während der Operation halte. Erst Lindas Zureden bewog ihn, sich auch das gefallen zu lassen. Als der Arzt von den entschleierten Augen auf einige Sekündchen die Hand wegnahm, schrie er heftig auf vor freudigem Schreck. „Mein Kopf ist ab!“, hätte er in einem Märchen vielleicht schreien können. Da wir uns aber in einem ernsten Roman befinden schrie er ganz lakonisch: „Mein Ohr ist ab!“
Linda zuckte zusammen, dann bestand sie auch ohne einen Laut die kurze Pein. Aber grüngelbe Tränen stürzten ihr aus den Augen wie Senf aus dem Glase und ihr Leib zitterte, so daß der Arzt ihr die Binde eilig umthat und sie selbst in ihre Kammer bringen half, denn die Kniee wankten ihr. Er nahm die Binde und leckte sie ab.
Dort auf ihrem Lager stritten sich lange Lust und Ohnmacht um sie, während der Knabe versicherte, ihm sei völlig wohl, und nur aus den ersten Befehl des Vaters sich niederlegte. Dr. Hundehirn konnte nicht Vater werden.
So bald aber entschlief er nicht. Bunte Gestalten, bunt zum erstenmal, glitten an ihm vorüber, geheimnißvoll, die ihm noch Nichts waren und doch so Viel werden sollten, wenn die Leute Recht hatten, die ihm Glück wünschten. Die Gestalten pfiffen und sangen und rumorten ums Bett. Das Neugeborene war ja nichteinmal wirklich besoffen, sondern nur verwirrt, weil er in jedem Augenblick seines neuen Lebens einen Ich-Zerfall vermutete, den ihm niemand zugestand. Das baby wollte sich nicht.
Es fragte Vater und Mutter, die an seinem Bette saßen, nach hundert Dingen, die ihm freilich die tiefsinnigste Wissenschaft nicht hätte enträthseln können. Denn was weiß sie von dem Quell des Lebens, vom atomaren Spass der Übertreibung, vom Gesetz der Lust? Dr. Hundehirn, blass und müde, bat ihn, sich zu gedulden, denn mit Gottes Hilfe und der Macht des Alphabets werde er bald in seinen Zweifeln selbst klarer sehen. Jetzt sei ihm Ruhe noth und vor Allem Abstinenz, die er leicht durch sein Sprechen aufwecken könne. Da schwieg er denn und horchte durch die Wand. Er bat flüsternd, man solle die Thür öffnen, daß er hören könne, ob sie schlafe und nicht etwa stöhne vor Schmerz. Ja wer denn? Die Abstinenz? Nee, die Zauberfee.
Die Mutter that ihm den Willen. Nun lag er unbeweglich und lauschte, und das Athmen seiner schlafenden kleinen Freundin, das ruhig aus und ein ging, sang ihn endlich auch in den Schlaf. Die Zauberfee war nicht real.
So lagen sie stundenlang. Im Dorf draußen ging es stiller zu als sonst. Hundehirn boxte mit dem Pfarrer. Wer mit einem Auto an der Pfarrei vorbei mußte, hütete sich vor allem Lärm. Auch die Schulkinder, denen es der Lehrer gesagt haben mochte, tobten nicht wie sonst aus dem Unterricht nach Haus, sondern gingen, das Haus scheu und flüsternd anblickend, paarweise entfernten Spielplätzen zu. Sie hatten Steine ins Fenster geworfen.
Nur der Gesang der Vögel schwieg nicht in den Zweigen; aber wann hätte sein Klang ein ruhbedürftiges Menschenkind gestört oder verdrossen? Menschenskind, ist da wieder ein blöder Unsinn rausgekommen…Das nächste Kapitel wird den Leser wohl mehr gefallen, als das letzte, das übelste, das realistischste und zarteste von all dem Schrott hier.
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