16.01.2012 - 18:30 Uhr

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Begeistert von Tweed

Text: nadja-schlueter

Modeblogs und Männlichkeitsideale widersprechen sich? Macho-Modeblogger mit einer sehr maskulinen oder traditionell-männlichen Vorstellung von Style beweisen das Gegenteil.

Angestrichen:
„Not every fashion blogger is a 15-year-old girl with an unhealthy obsession with Rei Kawakubo. Some are older. And some are men."

Wo steht das?
In der New York Times, die fünf männliche Modeblogger porträtiert hat. Bisher, so die These, wurden Modeblogs primär von Mädchen sowie metro- und homosexuellen Männern geschrieben. Nun weitet sich der Autorenkreis auf Männer aus, die einen extrem maskulinen Blick auf die Mode werfen. Die NYT nennt diese Autoren „macho fashion-bloggers", die für eine „post-metrosexual world" schreiben.

Und wie genau sieht das aus?
Die Autoren dieser maskulinen Blogs, sind „Männer, die auch mal ein Auto posten, undenkbar bei einem Großteil der von Männern betriebenen Modeblogs", wie es David von Dandy Diary treffend zusammenfasst – einem deutschen Männer-Modeblog, in dessen Beschreibung es dem üblichen Bild entsprechend heißt: „Dandy Diary ist ein Modeblog für Männer, Frauen und Ladyboys." Ladyboys tauchen auf den in der New York Times vorgestellten Seiten ganz sicher nicht auf. In dem kurzen Steckbrief, den jeder der fünf Blogger ausgefüllt hat, steht bei Mordechai Rubinstein, dem Autor von Mister Mort, unter dem Punkt „Dislike": „men who are getting too pretty".



Rubinstein füllt sein Blog hauptsächlich mit Outfit-Fotos von der Straße. Keine unübliche Methode für einen Fashionblogger. Dafür sind die Motive umso unüblicher: Oft sind es kernige Typen oder alte Männer und sie tragen zum Teil wilde Kombinationen aus zu kurzen Hosen, Jacketts und Hüten. Eine Fotostrecke widmet Rubinstein einem alternden Musiker, der komplett in Tweed gekleidet ist. Auf diesem Blog tauchen auch die erwähnten Autos auf, allerdings nicht bloß schicke Designer-Karren, sondern gerne auch leicht angerostete Pick-Ups. Sogar Hausboote finden hier ihren Platz – und der Hausbootbesitzer, der Socken in Flip-Flops trägt, bekommt ebenfalls ein Foto. Eigentlich hätte man das als schlechten Geschmack abgetan, bei Rubinstein wird es zum Style. Er scheint uns sagen zu wollen: So sehen echte Kerle aus, sie fahren robuste Autos und tragen nur das, was ihnen in den Kram passt und was man notfalls auch mit Öl beschmieren kann. Rubinsteins Modelle sind meilenweit entfernt von der nächsten Fashionweek und den Männern auf dem Laufsteg, denen La Liste des Desiderata oder Lynn and Horst ganze Fotostrecken widmen.

Viel besser noch als Mister Mort entspricht aber A Continuous Lean der Vorstellung eines Macho-Blogs. Dessen Autor, Michael Williams, sieht so gar nicht wie eine Mode-Ikone aus: Ein fülliger Mittdreißiger, den man sich gut mit einer Bierdose im Footballstadion vorstellen kann. Aber gerade er hat laut New York Times einen „type" kreiert, seinetwegen tragen Männer Selvage-Denim-Jeans, Barbour-Jacken und Red Wing Boots. Auf seinem Blog findet man von der Vintage-Levi's über Outdoor-Mode bis zu Videos übers Jagen oder Anleitungen, wie man beim Militär seine Pritsche richtig herrichtet, alles, was das von Männlichkeitssymbolen erfüllte Herz begehrt.

Irgendwo zwischen Rubinsteins Straßenstyles und Williams absoluter Macho-Mode bewegen sich die anderen porträtierten Männer-Modeblogs. Überall finden sich Anzüge, Hüte und festes Schuhwerk. Das Angenehme daran ist, dass meist keine Männermagazin-Atmosphäre aufkommt. Einzig das Jake Davis Blog bedient sich Frauen in sexy Posen und nackter weiblicher Pos. Ansonsten aber präsentiert sich das Machotum auf diesen Seiten vielmehr als Style und modische Vorliebe denn als Lebenseinstellung. Die Begeisterung der Blogger für einen Tweedanzug oder einen „perfectly pinched chapeau" ist genauso ernsthaft wie die einer weiblichen Modebloggerin über dieses eine total individuelle Outfit. Die Macho-Blogs sind keine Persiflage der typischen Fashionblogs, sondern reihen sich in deren Tradition ein – sie konzentrieren sich bloß auf eine andere Mode. Und statt feengleicher Mädchen und Jungs mit weichen Gesichtern sieht man eben wettergegerbte oder untersetzte Männer und breitbeinig mit verschränkten Armen dastehende Jungs, die niemals eine Röhrenjeans tragen würde. Durch Rubinstein, Williams und ihre Kollegen ist das detailverliebte und öffentlich ausgestellte Interesse für Mode auch bei denen salonfähig geworden, die sich als echte Kerle sehen.



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8 Kommentare

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notan
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Mag ich Mag ich nicht

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16.01.2012 - 22:44 Uhr
notan

einfach geil!

Eine_junge_Frau
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Mag ich Mag ich nicht

3

17.01.2012 - 00:55 Uhr
Eine_junge_Frau

Diese fünf Blogs sind einfach mal wieder x-te Versionen von http://www.thesartorialist.com/ Das ist okay, aber nicht "shaking up the online fashion world", wie die NYT rühmt.

@Etikettenschwindel "Street-Style"
Die abgebildeten Leute in den sogenannten Street-Style Blogs sind ausnahmslos alle im Dunstkreis der Modeindustrie tätig und fotographiert werden sie zwar auf der Straße, aber nicht beim Brötchenholen an einem x-beliebigen Tag, sondern dann, wenn sie damit rechnen müssen, dass ihre Modekompetenz von relevanten Leuten wahrgenommen wird und sie daher besonderen Wert auf die Wahl ihres Outfits legen müssen. Also etwa wenn sie berufsbedingt auf dem Weg zu einem Mode-Event sind, meist im Rahmen von Mode-Wochen und -Messen. Im Fall der Männer ist das allen voran die Pitti Uomo in Florenz. Vorteil für Blogger: Viele Motive an einem Termin und Ort auf dem Silbertablett gereicht. Mühsame und zeitaufwendige Motivsuche? Das war mal.

Auf den ersten Blick denkt man dann, oh was für ein entzückender alter Mann. Und die Kleidung. Und das auf der Straße! Tolles Foto. - In Wahrheit ist es dann ein Beppo Modenese auf dem Weg zur Prada-Show.

http://images.thesartorialist.com/photos...

Der vermeintliche "alternde Musiker, der komplett in Tweed gekleidet ist" wurde im Rahmen der Pitti Uomo in Florenz, "outside Gilli" "entdeckt". Und bei Daks hat der gute Musiker zufälligerweise auch mal gearbeitet.

Liebe NYT, buddel' mal echte Neu-Blogs aus, vielleicht was verrücktes, z.B. wo es um echte Niemands-Menschen von der echten Nirgendwo-Straße geht, die aber dennoch zufälligerweise richtig gut oder interessant oder inspirierend gekleidet sind.

Henriettesbimmelbahn
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17.01.2012 - 10:25 Uhr
Henriettesbimmelbahn

@Eine_junge_Frau:
Verstehe nicht, wo das Problem ist, sich die Motive fuer einen Fashionblog bei Veranstaltungen zu suchen, bei denen potentiell viele stylische Menschen unterwegs sind. Was haette das fuer einen Mehrwert, wenn die Fotos in irgendeinem niederbayrischen Kaff entstanden waeren? Ganz abgesehen davon: Wer wuerde das bitte sehen wollen??

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

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17.01.2012 - 13:00 Uhr
wollmops

@Henriettesbimmelbahn
es geht nicht um einen Motivzwang zu bayrischen Käffern, es geht um den Schwindel.

Rubinstein füllt sein Blog hauptsächlich mit Outfit-Fotos von der Straße. Keine unübliche Methode für einen Fashionblogger. Dafür sind die Motive umso unüblicher: Oft sind es kernige Typen oder alte Männer und sie tragen zum Teil wilde Kombinationen aus zu kurzen Hosen, Jacketts und Hüten. Eine Fotostrecke widmet Rubinstein einem alternden Musiker, der komplett in Tweed gekleidet ist.


Und eben, der Typ ist "kein kerniger alternder Musiker von der Straße".

Eine_junge_Frau
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Mag ich Mag ich nicht

1

17.01.2012 - 14:05 Uhr
Eine_junge_Frau

@Wollmops: genau.

Henriettesbimmelbahn sagte:
Verstehe nicht, wo das Problem ist, sich die Motive fuer einen Fashionblog bei Veranstaltungen zu suchen, bei denen potentiell viele stylische Menschen unterwegs sind.


Ich habe damit keineswegs ein Problem:

Eine_junge_Frau sagte:
Das ist okay.


Denn natürlich ist es interessant zu sehen, was Giovanna Battaglia & Co. tragen, wenn sie zu einem Termin stiefeln. Sehr sogar. Nur: ein solcher Blog ist eben weder neu, noch einzigartig. Diese Blogs gibt es seit Jahren und zwar in Mehrzahl.
Und gerade auch der speziell auf "Macho-"Männer fokussierte Blickwinkel ist nicht neu. Scott Schumann hat genau damit angefangen: mit Männern wie Beppo Modenese, lange bevor er sein Spektrum auf Mädels wie Giovanna Battaglia erweitert hat.
Und Exkurse zu Fragen aus der Kategorie wer die besten soft collar Hemden herstellt und wer die besten 7-Fold-Krawatten schneidert und welche Bügeleisen eigentlich die besten sind und wie man eine Barbour-Jacke wachst usw, gab es da auch schon immer. Mitnichten hat das also der Blogger von A Continious Lean erfunden.
Selbst der erweckte Eindruck, dass aber jedenfalls die Protagonisten neuerweise echte Männer von Straße sein sollen erweist sich als falsch. (@Etikettenschwindel nach wie vor).

Mein Problem ist daher die Frage: was bitteschön IST an diesen fünf Blogs denn so neu, dass die Formulierung der NYT "shaking up the online fashion world" rechtfertigt?

Mir scheint: auch Qualitätsmedien wie die NYT sind nicht vor dem ökonomisch sehr verständlichen Zwang gewahrt, bei Nachrichten-Mangel in die Do-it-yourself-Trickkiste zu greifen und einfach selbst Nachrichten zu fabrizieren, indem sie einem Sachverhalt mal flott den Stempel "NEU" aufdrücken.

Henriettesbimmelbahn sagte:
Was haette das fuer einen Mehrwert, wenn die Fotos in irgendeinem niederbayrischen Kaff entstanden waeren?


Nun, DAS wäre jedenfalls mal neu, weil bisher in keinem Mode-Blog erschienen.

Henriettesbimmelbahn sagte:
Wer wuerde das bitte sehen wollen??


Niemand. Es sei denn: es ist eine Person abgebildet, deren Outfit eben herausragend gut ist. Dann aber wäre das Ganze erst so richtig interessant. Und zwar für viele.

Henriettesbimmelbahn
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Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2012 - 14:46 Uhr
Henriettesbimmelbahn

Also wer schwindelt? Die Nadja, der Blog oder die NYT? Ich werde irgendwie bei Deinem Kommentar den Verdacht nicht los, dass es dabei weder um Blogs noch um Journalisten, sondern um vermeintlich fehlende Authentizitaet geht. Wenn es "kein Problem" ist, dann macht es doch auch nix aus, wenn der Blog von irgendwelchen Journalisten fehinterpretiert wurde?
Ich persoenlich finde halt die Frage nach (vermeintlicher) Authentizitaet in Sachen Mode, aber auch Musik oder so, ziemlich entbehrlich. Wo soll das denn bitte hinfuehren? Alles was nicht zufaellig unter dem Bett gefunden wurde, darf nicht getragen werden, weil sonst nicht "echt"? Sei mir nicht boes, aber ich kann diesen Gedankengang ueberhaupt kein Bisschen nachvollziehen. Ich persoenlich wuerde sogar soweit gehen, zu sagen, dass es etwas "Echtes" gar nicht gibt.

Eine_junge_Frau
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Mag ich Mag ich nicht

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17.01.2012 - 19:16 Uhr
Eine_junge_Frau

@Henriettesbimmelbahn

Du hast mich missverstanden, Authentizität meinte ich nicht, die steht auf einem völlig anderen Blatt. (Wie kommst Du denn jetzt auf dieses Thema..?)

Ich meinte:

1. Gute Modeblogs im allgemeinen sind super.

2. Gute Street-Style-Blogs im speziellen sind großartig.

3. Gute Modeblogs, vor allem auch gute Street-Style-Blogs gibt es schon seit langer, langer Zeit & es gibt sehr, sehr viele davon.

4. Punkt 3. macht aber nix und ist total okay. (Weil: das Alter z.B. der FAZ ist ja deren Qualität auch nicht abträglich.)

5. Der Artikel der NYT ist dennoch Schmarrn, weil:

Im Artikel ist davon die Rede, dass es fünf bahnbrechende neue Blogs gibt, die die Männer-Mode aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten.
Das trifft auf die dort erwähnten fünf Blogs aber nicht zu. (Warum nicht, beschreibe ich in meinen beiden ersten Kommentaren).

6. Über Punkt 5. bin ich enttäuscht, weil:

a) Mich fünf bahnbrechende neue Blogs, die die Männer-Mode aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten sehr interessiert hätten.

b) Ich von der NYT Anspruch, Fachkunde und höhere investigative Qualität erwarte.

7. Immerhin: Auf die fünf Blogs aus dem Artikel der NYT trifft Punkt 1 und 2 zu.

Mehr wollte ich damit nicht sagen.

ReneSchallerBlog
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Mag ich Mag ich nicht

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30.01.2012 - 23:42 Uhr
ReneSchallerBlog

Spannend ist, dass hier (jetzt.sued....) Männermodeblogs erst auffallen, wenn die NYT darüber berichtet. Deren Artikel bezieht sich übrigens auf ein Interview in der GQ, in dem die fünf angeführten Blogger über Mode sprechen... Der hier zu lesende Artikel ist ziemlich zusammengeschustert und was die hiesige Bloggerlandschaft betrifft auch schlecht recherchiert. Da wurde nicht geschaut was der Sinn von Lynn&Horst ist oder welche Blogger es noch gibt, neben dem rüpelhaften Dandy Diary.

Zur Kritik, die in den Kommentaren angeführt wird: Ja, natürlich ist die Dichte an gut angezogenen Männern während der Pitti größer und The Sartorialist hat sich vor vier Jahren mehr Mühe gegeben und auch mal Männer auf dem New Yorker Fischmarkt bei der Arbeit fotografiert. Mit dem zunehmenden Erfolg lies die Kreativität nach. Aber es geht um Mode und die ist eben während der Schauen in Mailand und Paris eher zu finden.


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