13.01.2012 - 18:30 Uhr

1 9 Über Twitter weiterempfehlen

Frau Bundeskanzler sucht 'ne Art Vision

Text: peter-wagner - Foto: dapd

Noch hat es fast keiner mitbekommen: Angela Merkel kündigte in der Neujahrsansprache an, dass sie mit den Deutschen nach Ideen für die Zukunft suchen will. Im Februar geht's los. Hast du eine?

Reden wir mal nicht über Christian Wulff, reden wir über Angela Merkel. Die vergisst man so leicht, wenn sie nicht gerade den Euro durch Europa rollt oder zeigt, wie pragmatisch sie sein kann. Das ist dann auch gleich der Punkt, an dem sie immer und immer kritisiert wird: Angela Merkel ist arschpragmatisch. Sie ist keine Visionärin, sie hat keine Lust auf große Linien, dicke Worte, weiten Horizont. Zumindest denkt man das immer. Privat und wenn sie frei reden kann, sagen Journalisten, die sie kennen: Da packt sie aus. Da ist sie lustig und zeigt, dass sie sehr wohl eine Idee davon hat, was man aus der Welt und aus Deutschland machen könnte. Wenn man wollte. Aber Angela Merkel scheint immer nicht so recht zu wollen. Seit Jahren warten zumindest Beobachter auf eine Art Schub, auf ein großes Wort, halt auf eine Rede, an der man sich länger als nur fünf Minuten festhalten kann. Eine Rede, in der vielleicht auch ein bisschen Pathos schimmert und in der Deutschland zumindest gedanklich mit ein paar Farben angemalt wird, die man noch nie gesehen hat.  

Dropping the bass: Angela Merkel bei der Neujahrsansprache.

Wenn Skeptiker die Klage über die angeblich visionsfreie Angela Merkel hören, zitieren sie sofort Helmut Schmidt, den quarzenden und bisweilen siebengescheiten Altbundeskanzler. Er hat mal gesagt: Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen. Nun ja, das kann man so sagen. Hängt davon ab, was man von Politik erwartet. Viele erwarten von Politikern nicht nur handwerkliche Höchstleistung, sondern auch ein paar Ideen dazu, wie man das Leben langfristig aufs Gleis setzen sollte. Nur weil man ein paar große Linien in den Sand der Zukunft zeichnet, heißt das ja nicht, dass man sofort abgewählt wird, oder?  

In der Neujahrsansprache hat Angela Merkel zum ersten Mal angedeutet, dass sich dieses Jahr was tun wird. Es soll zwar nicht gleich eine Vision geben, in den Ruch wird die Bundeskanzlerin wohl Zeit ihres Lebens nicht kommen. Aber es soll ein paar Ideen für das Land geben. Merkel sagte laut Redetext: „Blicken wir einen Moment gemeinsam in die Zukunft: Wie wollen wir zusammenleben und denen helfen, die noch am Rande stehen? Wie sichern wir unseren Wohlstand? Wie lernen wir als Gesellschaft? Zu diesen Fragen habe ich mit über 100 Experten einen Dialog über Deutschlands Zukunft begonnen, und dazu möchte ich auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Ab Februar können Sie im Internet mit diskutieren und Vorschläge einbringen. Ich lade Sie alle ein: Machen Sie mit.“  

Tatsächlich bastelt Merkel wohl seit Sommer 2011 an ihrer Vorstellung von einer Vision: Sie hat sich schon zweimal mit wichtigen Menschen aus Gesellschaft, Wirtschaft und, klaro, aus der Wissenschaft getroffen, um darüber zu reden, wie das Land in fünf, zehn oder mehr Jahren aussehen kann. Der stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges weiß ein bisschen mehr als andere und schrieb neulich: „Dahinter verbirgt sich ein ziemlich dickes Ding - eines, das es noch nicht gegeben hat und das im Verborgenen vorbereitet wurde, ohne Beteiligung der Medien.“ Laut Jörges hat neben vielen anderen der Altersforscher Andreas Kruse mit Merkel gesprochen und auch der Mitgründer von betterplace.org, Stephan Breidenbach. Wirklich offiziell ist noch nichts zu der Aktion, die sich recht unsportlich „Dialog über Deutschlands Zukunft“ nennt. Im Februar soll eine Plattform online gehen, auf der auch Bürger sich an der Beantwortung der richtig großen Fragen beteiligen können. Es soll um das Zusammenleben der Generationen gehen, um die Wirtschaftskrise und was wir aus ihr lernen, um Bildung, um die Energie der Zukunft oder darum, wie wir künftig arbeiten wollen. Einige Gedanken will die Kanzlerin dann bei öffentlichen Diskussionen mit je 100 Bürgern wahrscheinlich in den Städten Heidelberg, Bielefeld und Erfurt erörtern, die, so der Gedanke, für das „typische Deutschland“ stehen sollen.  

Niemand weiß, wie ernst die Kanzlerin die Ergebnisse nehmen will, die aus den Gesprächen mit den Forschern, auf der Internetplattform und bei den Diskussionen zusammenkommen. Im besten Fall gibt es wahrscheinlich ein kleines Kompendium mit den nettesten Ideen und die Absichtserklärung, dass man sich dieses Kompendium immer mal wieder ansehen werde. Im schlechten Fall gibt es das Kompendium und nicht mal eine Erklärung. Im schlechtesten Fall ist das Ganze nur wieder eine pragmatische Aktion von Angela Merkel, die sich vielleicht denkt: Hm, die wollen immer Ideen und Visionen von mir. Tu ich mal so, als würde ich mir welche suchen.  

Nehmen wir hier einmal die allerbeste aller Möglichkeiten an und tun deshalb auch noch so, als könnten die Ideen wirklich das Land verändern: Welche drei Dinge würdest du der Kanzlerin in Bielefeld oder Heidelberg oder Erfurt vorschlagen?


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
peter-wagner
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
9 Kommentare

speichern
StaticBool
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-4

13.01.2012 - 20:44 Uhr
StaticBool

Nen männlichen Bundeskanzler aus dem Westen. Die haben es bis jetzt allesamt besser gemacht - jedenfalls in Zahlen ausgedrückt.

Nicht falsch verstehen: ich bin weder gegen Ossis noch gegen Frauen als Kanzler(in). Nur ist sie seinerzeit ausschließlich wegen dieser beiden Eigenschaften gewählt worden; vornehmlich wegen Letzterer.

trachtenjankerl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

14.01.2012 - 00:00 Uhr
trachtenjankerl

1. Keine Ratschläge mehr bei Befangenen suchen. (Ackermann und Konsorten)

2. Die Kohl-Mitterandsche Erpresserformel von der Endgültigen Europäischen Einigung als Alternative zum dritten Weltkrieg vergessen. (Mit dem Euro stirbt niemand außer der EZB und ein paar Bürokraten, die Griechen sterben mit aber am Euro)

3. NIE wieder Entscheidungen über völlig verschiedene Dinge und Personen in einen Topf werfen. Kompromisse sind beschissen, man muß sich über jeden EINZELNEN Tagesordnungspunkt einig sein. Dort wo man sich nicht einigen kann, ist auch keine Einigung und kein Gesetz nötig. Der in Ungnade gefallene Präsident Köhler zitierte mal Montesquieu: "Wenn es nicht nötig ist, ein Gesetz zu machen, so ist es notwendig, kein Gesetz zu machen."

vaus
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.01.2012 - 13:52 Uhr
vaus

geht es also der frau merkel wie dem rest von uns? alle haben wir heimlich visionen, dürfen aber nicht öffentlich, sondern zum arzt gehen.
früher konnte man wenigstens religion dazu sagen, das ist heute bähbäh und was für moslems und terroristen. also bleibt man zuhause und schimpft aufs und übers internet.
also meine vision wäre: mehr öffentlichkeit, mehr austausch, mehr gemeinsamkeit, mehr unterschiedlichkeit.
ob dieser threat dazu taugt?

sharcy
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.01.2012 - 17:29 Uhr
sharcy

„Wer Visionen hat, sollte lieber gleich zum Arzt gehen!“
(Zitat Alt- Bundeskanzler Helmut Schmidt)

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.01.2012 - 17:29 Uhr
sharcy

„Wer Visionen hat, sollte lieber gleich zum Arzt gehen!“
(Zitat Alt- Bundeskanzler Helmut Schmidt)

anagramm
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.01.2012 - 18:15 Uhr
anagramm

bei dem teaserbild fällt mir spontan nur eins ein:
mit sekundenkleber spielt man nicht.

http://www.scoop.it/t/kommunikation/p/86...

stirnlappenbasilisk
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.01.2012 - 18:01 Uhr
stirnlappenbasilisk

"inhale"
[Chris Ballew (The Presidents of the United States of America) auf die Frage ob er einen Tip für Bill Clinton hätte]

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.01.2012 - 18:02 Uhr
stirnlappenbasilisk

...aber wie das teaserfoto ausschaut hat sie es schon probiert...

MisterClean
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

16.01.2012 - 14:43 Uhr
MisterClean

Zunächst würde ich Frau Merkel vorschlagen, dass sie sich aus eigenem Interesse heraus einen neuen Schneider/Designer sucht! Also der Blazer auf dem Foto ist wirklich ungünstig, spannt er doch ungemein! Dazu diese furchtbare Farbe!

Danach würde ich ihr raten, nie wieder einen Bundespräsidenten vorzuschlagen und ins Amt zu heben. Aus Fehlern sollte auch Frau Merkel lernen und sie hat diesbezüglich schon zwei Mal den gleichen Fehler begangen.

Drittens sollte sie endlich ihren desolaten Koalitionspartner von Bord werfen. Mit der FDP bekommt sie zwar ihre eigenen Vorstellungen durch, dass diese innenpolitisch jedoch nicht weitreichend sind, hat sie in den vergangenen Monaten unter Beweis gestellt. Viel lieber sonnt sich Frau Merkel derzeit auf europäischen Konferenzen als eiserne deutsche Lady oder Madame No.

Nachdem ich ihr all das gesagt habe, wird sie entweder lachen oder in Tränen ausbrechen. Ist Letzteres der Fall, kann sie auch gleich Neuwahlen anstreben, um neue Verhältnisse im Parlament zu schaffen.


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

peter-wagner unbekannt

peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München