12.01.2012 - 13:42 Uhr

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Die ersten zehn Januartage

Text: max-scharnigg

Mein Tagebuch, mit etwas Verspätung übertragen, ab jetzt hoffentlich in konstanteren Häppchen.

1. Januar
Aufwachen im Turmhotel in Augsburg im hundertsten Stock. Sind dezent angeknackst vom Feiern, aber nicht so, dass wir nicht doch noch das Late-Frühstück in der Lobby ausreizen könnten. Gruselige Menschen an ALLEN Nachbartischen. Aber das mit dem Hotel an Silvester prinzipiell nicht so doof, wegen allgemeiner Klarheit und der Neutralität des Hotelzimmers. Weißes Blatt quasi, plus eben viel Orangensaft. Nach München zurück, vor unserer Haustür sieht es wieder aus, als wäre die Hindenburg noch mal abgestürzt, alles verbrannt und verkokelt und zurückgelassen. Tag vergeht in angenehmer Gemengelage aus Neujahrskonzert, Nachmittagsfernsehen und Schlafen. 

 2. Januar
Wollte viel schreiben heute. Hat nicht so gut geklappt. 

 3. Januar
Immer noch das gleiche weiße Papier. Muss unbedingt vor Hamburg zehn Seiten schreiben, nehme ich mir vor. Abends ist es eine. Alles Mist. Aber J. kocht Pasta mit Tintenfisch, was ich gern als Ausrede nehme, alles andere zu verschieben. Wir haben schwarze Zungen und strecken sie. Kaum vor die Tür, war auch kein Wetter. Viel Radio, den ganzen Tag über. Abends noch „Bridesmaids“ gesehen. Zu viel Fäkal-Tralala, aber sonst auch ganz lustig. Immer noch in den Raddatz-Tagebüchern, die sich gut weglesen. 

 4. Januar
 In die Redaktion, dank Feiertagskonstellation der einzige Tag für mich, diese Woche. Riesenberg Post und Arbeit. Wühle mich so durch. Kuchenlust, den ganzen Tag. Mieses Wetter, bin faulerweise mit dem Auto unterwegs.  

5. Januar
 Der große Tag also. Früh mit Flug nach HH, sehr wacklig. Im Flugzeug wohl wg. Feiertag lauter Fünfergruppen Jeansjacken-Provinzmänner, die bei jedem Luftloch grölen. Gehen die zum König der Löwen? Eher ins Miniatur-Wunderland. Hölle, jedenfalls. In Hamburg schräger Regensturm, wir fahren mit der S-Bahn zum Bahnhof, dann Taxi, kurz ins Hotel Wedina, das gut ist. Wir haben so eine Art Townhouse-Wohnung über drei Etagen. Kurz das sturmwirre Haar zurecht gebogen, dann Taxi an den Hafen, wo Mittagessen mit der Preisstiftern und Honoratioren. Wir sitzen quasi im stürmenden Hafenbecken und essen Zackenbarsch und Labskaus, es ist also sehr nordisch. Die Stifterin ist klein und nett und mit Hund und zum Glück nicht sehr streng. Zwei vom NDR sind da und der Verleger Berg und sonstwer. Hinterher NDR-Interview, die Redakteurin sagt: „Sie sehen ja aus wie auf dem Foto!“ was mich schon verdattert, am Schluss dann (im laufenden Interview) „Hui, sie haben ja schon graue Haare, in ihrem Alter!“ Auf so persönliche Dinge bin ich immer gar nicht vorbereitet. J. will trotz Sturm danach unbedingt mit dem Schiff fahren. Also bis zu den Landungsbrücken mit der Fähre, wieder sehr wacklig. Taxi ins Wedina, statt Nachmittagsruhe Brüten über eine originelle Signatur fürs Buch der Stifterin, waaaah! Vor lauter Nachdenken dann doch eingeschlafen. Zu spät aufgestanden, Kreislauf im Eimer, friefrier, immer noch Sturm. Letzte Gästelistensachen geklärt. Zu Fuss ins Literaturhaus, J. kommt nach. Total zerzaust und etwas knapp angekommen, der Saal ist schon voll, alle sitzen an gedeckten Tischen, was ich nicht erwartet hatte. Aber viel Gold und Stuck haben die hier. Treffe den lieben W. und die gute K. die extra aus Berlin kam auf der Treppe. Viele Hände, viele Fotos und Aufregung: Laudator Winkels sitzt im Zug fest hinter gefallenen Bäumen, hat aber seine Laudatio durchgekabelt. Na, dann. Rainer Moritz, die gute Seele mit sehr netter Begrüßung und schon viel Lob, dann die Kultursenatorin, die eine Top-Dame ist und sehr klug das Buch in fünf Sätzen zusammenfasst, danach ein Jury-Vorsitzender der verteidigt, warum ich den Preis kriege „trotz Ruge“. Da ist man schon gut durchgesesssen und es ist mir etwas unangenehm, dass alles so lange dauert. Schließlich die Laudatio, verlesen von RM, sehr lang, sehr kompliziert aber nett natürlich, so viel Nettes, ich bin schon ganz besoffen von mir selbst und traue mich gar nicht, richtig zu trinken, weil ich ja noch lesen muss. Mache zwanzig Minuten mit großen Kapitelhopsern, klappt aber ganz gut, viel Applaus und eine richtige Signierschlange hinterher. Fotografiert J. die schönste, längste Signierschlange die je bei mir anstehen wird? Nö, die kippt Gläschen und ratscht mit K. und A. und W. Bis ich zu ihnen komme sind die Häppchen schon wieder abgetragen. Bin komplett durch und trinke im Stehen gleich vier Gläser Wein. Jörg aus Kölner Zeiten klingelt noch durch, wo wir danach hingehen. Kann aber nix mehr, muss erstmal Hirnordnung reinbringen. Taxi, Hotel, Schlaf. Was ich J. im Halbschlaf noch versuche zu erzählen: Eine am Signiertisch war die Freundin von Max Färberböck, der den Sau-Krimi aus Niederbayern gedreht hat, der in dem Dorf spielt in das wir morgen fahren. Alles so verrückt. 

 6. Januar
 Frühstück im Wedina mit Eichhörnchen hinter der Scheibe. J. spaziert Richtung Shoppingparadies, ich hetze um die Außenalster zum Verlag, hatte ich gestern noch zugesagt. Mittagessen mit W. und Verleger, der Sturm ist irgendwie verschwunden, Glitzersonne auf der Alster. Verleger erzählt von Treffen mit Raddatz und Co., schön. Laviere mich rund um allzu konkrete Planungen fürs nächste Buch herum. Fünfmal mit Jörg hinundher, will uns irgendwie mit dem Auto abholen und zum Flughafen bringen und dort dann noch Espresso trinken (?). J. vermeldet zwischendurch telefonisch, sie hätte ein Besteck gekauft. Himmel! Zurück ins Hotel, Gepäck geholt, Jörg schließlich doch aufs nächste Mal vertagt, Taxi zum Flughafen, Besteck aufgegeben, das halbe Preisgeld noch in der Flughafen-Parfümerie verjuxt. Mit Chloe und Hermes heim nach MUC. Vom Flughafen direkt nach Niederbayern, schön dunkel ist es da. Wir essen in der Wirtschaft in Stubenberg, wo wir schon immer mal hinwollten und wissen jetzt: Zurecht. Besser als jeder Zackenbarsch. Im Schneetreiben ins Häuschen, wo schon wieder alles schlimm marode ist: Heizkörper werden nicht warm, in der Werkstatt steht das Wasser, das von oben reintropft etc. Wir ignorieren alles und hey: Haben immerhin Habitat-Besteck

  7.-10. Januar
Runterkommen auf dem Land. Wir bewegen uns nur zwischen Holzofen, Schaukelstuhl und Bett. Das Wetter ist eher katastrophal, nach eineinhalb Tagen immerhin macht der Atem keine Wolken mehr, weil wir den Ofen bis an die Schmelzgrenze einschüren. Ab und zu am Inn gestanden und Kinn einfrieren lassen. Aber schön, wie immer, das alles. Preisverleihung schon wieder in totaler Ferne. Kaum Nachhall, auch nicht in den Mails. Abgehakt. Wollte eigentlich viel schreiben, nix gemacht. Schon das Notebook nur aus der Tasche zu holen dauerte zwei Tage Überwindung. USB-Stick aus anderer Tasche – noch mal ein halber Tag. Beides zusammenbringen – halber Tag. Dann doch lieber wieder zuklappen. Wahnsinn, wie ich arbeite. Immerhin Montag den Heizungsmonteur überredet, er braucht genau fünf Minuten, bis alles wieder läuft, kostet aber 58 Euro. Umwälzpumpe hing fest – WTF? Wenigstens wars nicht so was ganz Doofes wie Entlüften. Kurz am Dachboden, wo der Efeu eine veritable Zweigstelle errichtet hat. War etwas irr, mit der elektrischen Heckenschere im Haus zu arbeiten, aber bitte. Große Umbaupläne mal wieder, aber keine Ahnung wo anfangen und wie bezahlen. Wird es von mir jemals diese Fotos geben, die es von unseren Eltern gibt: Mit Bart und engem T-Shirt plus Schubkarre vor dem selbst gebauten Haus/ Schuppen/ Dachboden? Die haben das einfach so gemacht. Wir reden seit Jahren darüber, eine Zaunlatte auszuwechseln. Haben den Inbetweeners-Film gesehen – ganz nett, aber wieder so viel Fäkal-Späße. Gelesen: Raddatz, Grjasnowa und Herbstmilch! Dienstagabend wieder nach Muc und dann geht das Jahr eigentlich erst richtig los.  

11. Januar
J. morgens früh raus, fliegt ja zu ihrem Verlag nach Berlin. Bringe sie zum Flughafen, danach in den SZ-Turm. Erstmal zwanzig Mails weggeschrieben, wie immer nach Niederbayern, das akute Gefühl bei allem zwei Tage zu spät zu sein. Lange Konferenz, div. Veränderungen stehen an. Sage geplantes Geburtstagsfest im Hinterhof-Kochstudio ab, schade. Viele interessante Platten zu hören, komme zu nix. Steuerberaterin mit Hiobsbotschaft, wie immer, kann dann aber doch etwas entkräftet werden. Nachmittags netter Userbesuch, dann noch lange in der Redaktion, halb acht kurz mit J, alles gut wohl. Im Aufzug fällt mir ein, dass ich keinen Schlüssel dabei habe. Adieu ruhiger Abend. Ist mir auch schon ewig nicht mehr passiert. Wäge ab: Schlüsseldienst oder Fahrt ins Umland zu J.'s Eltern, die einen haben. Wenig später auf der Lindauer Autobahn, na herrlich. Im Auto blinkt die Service-Lampe, das sind wieder 480 Euro. Geht aber alles doch schneller als gedacht, um halb zehn schließlich in der Wohnung. Es gibt neue Gerichte beim Asiaten gegenüber, das trifft sich gut, weil wir die Karte ja schon einmal durchhatten. Mangosalat und Becks. Nochmal mit J., dann Ruhe und etwas Wehmut. Viel zu lang gelesen.


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6 Kommentare

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MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2012 - 14:08 Uhr
MsAufziehvogel

toll!

la_virtu
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2012 - 14:09 Uhr
la_virtu

sehr schön, gefällt!

gewitterhexe
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2012 - 15:29 Uhr
gewitterhexe

kannst du mir bitte sagen, ob es eine Olga Grjasnowa ist, von der du etwas gelesen hast? und wenn ja, was?

max-scharnigg
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12.01.2012 - 16:28 Uhr
max-scharnigg

Genau, Olga. Das Buch heißt: Der Russe ist einer der Birken mag. Und es ist sehr gut.

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2012 - 16:53 Uhr
eisengrau

"Neutralität des Hotelzimmers" ?
Warst Du etwa nicht im "Sky Romantic Room" untergebracht?

gewitterhexe
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2012 - 20:58 Uhr
gewitterhexe

max-scharnigg sagte:
Genau, Olga. Das Buch heißt: Der Russe ist einer der Birken mag. Und es ist sehr gut.


oh, also tatsächlich Olga. Ich hab sie mal kennen und mögen gelernt während meines Studiums in Göttingen, dann haben wir uns aber aus den Augen verloren. Ihr erster Roman also. Ich freu mich für Sie.

wie bist du auf das Buch gekommen? es ist doch auch offiziell noch gar nicht veröffentlicht, oder?


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