Burgunder.
Jetzt beginnt das Elternsterben, meint sie ernst, während sie ihre dünnen Arme mit etwas einreibt, das nach Verbrennen riecht. Sie hat Schmerzen, seit Tagen, sie kämen mit der Kälte. Der Wein schmeckt zu süß und macht müde, so dass das Schulterzucken schon zuviel an Reaktion scheint. Eltern sterben. Arme schmerzen. Es geht vorbei.
Sie sagt, es hätte alles schneller gehen können und dass sie sich schuldig fühlt, wenn sie es nur denkt. Das mit den Armen. Zwei Jahre Bewegungsunfähigkeit durch falsche Hilfe.
Er hat mich sogar an-und ausgezogen, auch wenn ich es selbst versuchen wollte. Noch eine Schicht Creme. Ganz alleine und voller Schuld.
Es ist hell und kalt hier. Allerdings friere ich schnell, entgegen all der genetischen Voraussetzungen, die mir zuteil wurden. Du würdest es hier mögen. Die Kälte. Die sauberen Kochplatten.
Wenn ich meine Zimmertür zu mache, hallt es. Es ist die Leere, die ich mitgenommen habe. Angesammelt in unbeschrifteten Schachteln. Ich habe 26 Paar Schuhe weggeschmissen. Wusstest du das?
Die Mutter hatte Krebs. Leber. Das geht schnell, entdeckt man es zu spät.Sie soll ganz gelb gewesen sein. Die Augen dunkel, als hätte man sie ausgestochen.Ich denke an dich und das T-Shirt, das nie wirklich zu dir passte. Mein Kopf klickt und klickt und wippt dazu vor und zurück. Der Vater ist direkt am nächsten Tag wieder zum Berg. Sich von der Schuld mit Wein reinwaschen.
Das Gegenüber verlangt nach Erklärungen und ich antworte schlicht, dass ich soviel wie möglich schlafen würde, um nicht denken oder erinnern zu müssen. Wir sind zurück bei der Schuld. Irgendwie fällt alles auf sie zurück. Ich sollte ihm alles zurückgeben, meint sie. Auch das Jahr, das ich seinetwegen bewegungslos in wechselnden Ecken saß.
Der Vater hat Krebs. Gut behandelbar. Als ob diese Information die vorherige in irgendeiner Weise abschwächen würde. Ich könnte Blumen kaufen und ihn niesen lassen.
Das hält am Leben. Niesen.
Rotweinflaschen stapeln sich hinter der Schrankwand, zwischen ihnen leere Tablettenschachteln, die Klirren vermeiden sollen.
Ich schlafe viel.
Um 6 und 12 ein Glockenspiel im Ohr, dessen Melodie ich nicht erkenne. Du erkennst Melodien. Soviel leichter als Menschen. Aber auch das wäre nur eine Frage, um des Fragens willen, wenn die Antwort so egal wird, wenn es nur die Stimme ist, die man hören möchte.
Ich schlafe viel und träume nichts.
Wenn die Bahn vorbeifährt, klirrt es leise. Anschuldigend.
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06.01.2012 - 16:53 Uhr
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