07.04.2012 - 06:02 Uhr

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Schwach Sinniges in Moll

Text: logi





 

Neuerdings denke ich – zweifellos von einem Dämon (ich bevorzuge jedoch aus beruflichen Gründen den ohnehin kuscheliger klingenden Begriff "Erdgeist") getrieben – über die Worte "man müsste" nach. In diversen Gestalten changierend verfolgen sie mich seit irgendwann zwischen Kindergarten und erster heimlicher Zigarette. Mal dümmlich feixend, mal autoritär im Morgenrot mit dem himmelwärts gereckten Zeigefinger gestikulierend. Wobei ich mich ständig fragte und noch frage – Erstens: Wer steckt hinter diesem so penetrant aufstampfenden MAN? Zweitens: Wieso MÜSSTE? Dummerweise bin ich kein Philosoph, der solche Fragen zweifellos in Null-Komma-nichts beantwortet bzw. in seinem Hochleistungshirn auf eine griffige Antwort eingedampft hätte. Ich bin vielmehr ein gedanklicher (mitunter sogar gedankenloser) Fußgänger und kann deshalb nur Fußgängerantworten hinstottern. Wenn überhaupt.

Nun, also – dieses MAN, das sich in Statements aller Couleur hineinfrisst wie ein Krebsgeschwür. Ich mache es kurz, auf die Gefahr hin, naiv, quasi tumb zu erscheinen: Mein oben bereits erwähnter Fußgängerverstand denkt in dem Fall an eine formvollendete Kastration. Weggeschnitten wird das zweite N, der 14. Buchstabe des Alphabets. Sie schütteln entgeistert den Kopf? Bitte keine voreiligen Kurzschlüsse (hier und überhaupt)! Denn die Sache mit dem zweiten N hat es in sich. Weil aus einem Mann ein "man" wird. Seien Sie an dieser Stelle bitte nicht kleinlich oder gar schreckhaft. Es geht schließlich nur um Sprache, um Worte. Schon klar: Ich schlittere mit solchen Sätzen glatteisfinal in ein schwarzes Loch am äußersten Rand der Milchstraße im Genderkosmos. Dabei möchte ich lediglich über ein verlorenes N fußgängerphilosophische Plattitüden – nicht etwa rumposaunen, sondern Schmalspuriges zu bedenken geben. Obwohl selbst das noch anmaßend klingt. Haben Sie sich in einer stillen Stunde – etwa so: Kerze angezündet, schmachtende Blicke in Richtung Andromedanebel torkelnd – gefragt, was ein entmanNtes MAN noch zu sagen hätte? Glauben Sie jetzt bloß nicht, ich wäre der GURU – ein Wort das ich übrigens gerade wegen seiner linguistischen Kindlichkeit schätze, jedoch ungern auf mich persönlich angewandt wissen möchte –, der Ihnen in Orange oder säuselnd sagen könnte, was den ManN zu einem MAN schrumpfen ließ. Sprachlich. Kulturgeschichtlich. Genderhypothetisch. Nein, nein. Ich habe bloß lausige Fragen im Kopf. Keine Antworten. Das zeichnet mich aus. Als Irrlicht. Wenn Sie darauf bestehen, könnte ich Ihnen sogar ein entsprechendes Diplom vorweisen. Eines mit Stempel selbstverständlich, wie es sich für jeden ordentlichen, will sagen: bürokratisch gesinnten Bewohner zwischen Oder und Rhein ziemt. Dabei wollte ich vom zweiten N im ManN schreiben. Mittlerweile glaube ich allerdings, dass ich mich zwischen erster und dieser Zeile mit einer Art Kokolores-Faden verfranste. Solche Sachen – Sie müssen entschuldigen – denke ich nicht zu Ende. Nie. Vermutlich glauben Sie nun, ich hätte nichts mit diesem omiösen Faden im Sinn, sondern wegen notorisch krauser Gedanken etwas an der Waffel. Eine Vermutung, die ich ungeniert als Kompliment auffasse.

Nach dem Abservieren des MANns bleibt das "MÜSSTE". Dieses unscheinbare Wort – in meinem Duden auf Seite 710 unter dem Lemma "müssen". Während MANs und Männer hinten am Horizont des Filmclips über die Klippe stolpern, um sich still und bedingt pathetisch zu salvieren. Denn es geht um mehr als Männer – nämlich um Worte. Genauer gesagt: um ein Wort. Dieses vermaledeite MUSS. Kindheitserinnerungen gekreuzt mit deterministischen Hochseildrahtakten, nun doch philosophischer Natur. Dabei schleicht sich das "müsste" bescheiden im Konjunktiv an. Doch hinter seiner harmlosen Maske verbirgt sich tückisch das MUSS. Und das will bedacht sein. Die Verkörperung der Unerbittlichkeit – um es pathetisch auszudrücken. Ehrlich gesagt: Ich wusste seit pubertären Tagen nicht, wie ich ihm beikommen sollte. Zum einem: Dem MUSS der Autoritäten. Doch dem entwächst man schließlich wie zu kleinen Schuhen oder dem Teddybären neben dem Kopfkissen, der am Ende der Kindheit, nach so vielen nächtlich anvertrauten Geheimnissen, nur noch ein "Steiftier", registrierte Warenmarke, war, das man im Laden kaufen konnte wie Rosinenbrötchen oder Radiergummi. Zum anderen: Diesem seltsamen, sich ab und an zur Gewissheit verdichtenden Gefühl – und nun sollte ich formulieren wie jemand mit 217 Gramm sensiblen TNTs in der Jeanstasche, die das Ende des Rückgrats verwaschen-blau kaschiert – von Zwängen, die zu durchschauen und einzuschätzen, aber nicht handzuhaben waren. An dieser Stelle kann ich Ihnen nicht mehr zumuten als eine Andeutung, denn *wer auch immer* gerät unweigerlich auf vermintes Gelände. Bitte halten Sie mich nicht für überheblich oder gar kaltschnäuzig. Doch ich streife – nein: nicht nonchalant – Gedanken bzw. Gedankenanwandlungen, die, zu Ende gedacht, von jemandem, der Gedanken für mehr als Traumschaum hält, etwas von Schwindel und Teenagerliebeskummer haben. Und all das nur, weil das Wort MUSS/müssen, aufs erste chemisch durchkonjugiert, eine Art Ende darstellt. Manche Gedanken wage ich nicht bis zur pseudoapokalyptischen Folgerung weiterzudenken. Nur das MUSS, die Determinanten im Hirnsektor "Strauchelnepp" inklusive chemischer Reagenzglasnotwendigkeiten. Die Realität ist mehr als banal, gemessen an dem, was Hoffnungen in Banausengestalt einem vorgaukeln.

Sie haben wirklich bis zu dieser Zeile gelesen? Ich kann nicht sagen, ob ich Sie deshalb bedauern oder dafür beglückwünschen soll. Vielleicht nur dies: Falls in Ihnen so ein sich allmählich verdichtendes Gefühl von "Was für kapriziöse Nichtigkeiten" die Oberhand gewann, pflichte ich Ihnen sofort bei. Denn ich bin beim Schreiben der Müllmann meiner eigenen Hirngespinste und weiß genau, was Sie meinen. Falls Ihnen jedoch schwindelig wurde und Sie dieses winzige Zwitzschern spürten, ein, zwei, drei Sekunden lang, diesen kurzen Stromstoß, nicht mehr als 12 Volt, der rein gar nichts mit meinem Geschreibsel zu tun hat, diese Ahnung, eine von Worten angestoßene Ahnung – dass da etwa ist, am Rande der Sprache, hinter dem Abhang der Buchstaben... Nun ja – dann brauchte ich nicht in Sachen "man müsste" überaus armselig zu salbadern. Denn Sie wüssten, wüssten, wüssten. Schön wäre das. Mehr als schön.

PS: Gedanken. Diese angeblich grauen Schlaf- und Repetiereinheiten zwei Zentimeter unter der Frisur. Gedanken. Klar und deutlich erheben sie sich. Im Idealfall. Anfangs. Morgentaufrisch. Aus einem Teich über dem Nebel wabernd. Notfalls sogar, für Cineasten: wie ein Held im (postkartenaffinen) Hollywood-Morgenrot, Cowboysattel und Colt.. So stolzieren sie. Herrlich, ihnen beim Stolzieren zuzusehen. Die Leinwand ist ohnehin bloß zwischen meinem rechten und linken imaginären Auge aufgespannt. Alles könnte so wunderbar, mehr noch: herrlich bis quasi erhebend sein. Wenn nicht – keine Ahnung, vom wem (ich ahne es freilich) – den selbstgefällig einher stolzierenden (im Hollywood-Modus: galoppierenden) Gedanken bzw. Anfangsgedanken ein Gnom Knüppel zwischen die stolzierenden Beine würfe. So stolpern sie, diese Gedanken, in all ihrer Selbstgefälligkeitspracht. Und stolpern und straucheln und trudeln gar. In dem, was ich oben mir anmaßte, Ihnen als – nun ja: Fußgängergedanken zu offerieren, sehen sie zweifellos überdeutlich, wie es sich mit dem Stolpern, Straucheln, Trudeln verhält. Wie es endet. Als Text. Nämlich mit einer (ich taste die eincheckenden Worte ab, nicht auf Waffen, sondern auf ihren ab und an explosiven Bedeutungsgehalt): Konfusion. Dieses Wort ist allerdings von K bis n ein Notbehelf. Ich mag es nicht. Es klingt mir allzu domestiziert. Womöglich hat es jedoch einen Stiefbruder, einen Bastard mit struppigem Haar und ungewaschenen Händen. So einen, bei dem alle Duden-Redakteure die Nase rümpfen. Den wünsche ich mir zum Freund. In der Hoffnung auf einen Hauch an geistiger Induktion. Damit auch meine Sätze in Kürze struppig sind und ungewaschen. Kennen Sie eigentlich diesen Wunsch, etwas anderes zu denken und zu formulieren als das, was Sie seit dem ontogenetischen Pleistozän zerebral verfolgt wie der Vampir die Jungfrau? "Man müsste" – doch das hatten wir bereits. Deshalb verabschiede ich mich an dieser Stelle. Ratlos. Ratlos wie eigentlich ständig.





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1 Kommentar

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larala
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Mag ich Mag ich nicht

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05.01.2012 - 00:34 Uhr
larala

Ich weiß nicht so richtig worum es geht,
aber es hat Spaß gemacht, das zu lesen.

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logi

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