03.01.2012 - 18:30 Uhr

0 7 Über Twitter weiterempfehlen

„Das beste Versteck ist immer noch das Gefrierfach“

Text: kathrin-hollmer - Foto: misterQM/photocase.com

Viele User machen beim jetzt.de-Tagebuchprojekt mit. Aber warum lohnt es sich überhaupt, Tagebuch zu schreiben? Wie fängt man es an? Wie versteckt man's? Ein Interview mit Silke Heimes, Leiterin des Institutes für Kreatives und Therapeutisches Schreiben.

jetzt.de: Frau Heimes, ist Tagebuchschreiben nicht völlig altmodisch?
Silke Heimes: Ich würde eher sagen, zeitgemäß.  

jetzt.de: Warum?
Heimes:
Unsere Welt ist schnell und komplex geworden, beim Tagebuchschreiben kann man dem hinterherkommen, was alles passiert.  

Die jetzt.de-User führen ein Jahr lang Tagebuch. Im Interview verrät Silke Heimes, warum sich das Schreiben lohnt.

jetzt.de: Mit welcher Absicht schreibt man heute noch Tagebuch?

Heimes:
Kinder oder Jugendliche in der Pubertät schreiben, um Emotionen rauszubekommen, die sie im Gespräch nicht offenbaren können. Erwachsene führen Tagebuch, um Gedanken zu ordnen oder sich über etwas klarzuwerden. Viele beginnen mit dem Schreiben, wenn es ihnen schlecht geht.  

jetzt.de: Schreiben Sie selbst Tagebuch?
Heimes:
Ich selbst komme aus Zeitgründen momentan nicht dazu, weil ich gerade so viele andere Texte schreibe. Ich kläre meine Gedanken auf andere Weise.  

jetzt.de: Wie?

Heimes:
Momentan meditiere ich, was wie Tagebuchschreiben ein inneres Selbstgespräch ist. Nur, dass beim Meditieren das Aufschreiben wegfällt.  

jetzt.de: Ist Tagebuchschreiben eine literarische Form?
Heimes:
Zuerst geht es beim Tagebuchschreiben darum, Gefühle rauszulassen. Erst in einem zweiten Schritt kann das in eine literarische Form gebracht werden.

jetzt.de: Wird überhaupt noch klassisch auf Papier geschrieben und das Tagebuch mit einem Schloss zugesperrt?
Heimes:
In meinen Seminaren haben die meisten Leute schöne, besondere Bücher dabei und schreiben mit der Hand. Das ist viel sinnlicher als Tippen und entschleunigt, weil man mit der Hand langsamer schreibt als am Computer. Dass die Leute sich das wünschen, merkt man auch daran, dass es in den Läden zur Zeit so viele verschiedene Notizbücher gibt.  

jetzt.de: Seit wann werden überhaupt Tagebücher geführt?

Heimes: Schon seit dem Altertum, früher wurde zum Beispiel die Entwicklung der Marktpreise dokumentiert, Philosophen und Theologen haben ihren Alltag festgehalten. Das war eher eine historische Angelegenheit. Heute geht es weniger um solche Zeitgeistthemen als um persönliche Erlebnisse.  

jetzt.de: Wie alt ist der typische Tagebuchschreiber heute?

Heimes:
Man denkt immer an Kleine-Mädchen-Lyrik,  darum hat Tagebuchschreiben heute etwas peinliches an sich. Aber eigentlich gibt es gar kein typisches Alter.  

jetzt.de: Schreiben auch Männer?

Heimes:
Seltener. Oder sie geben es seltener zu. Die kommen in meine Seminare auch nur, wenn es heißt „Kreatives Schreiben“ und nicht „Therapeutisches Schreiben“.

jetzt.de: Welche Arten gibt es, Tagebuch zu führen?
Heimes:
Strukturiert und faktisch, das wird dann eher essayistisch, oder unstrukturiert und emotional, wenn man alles aufschreibt, was einem in den Kopf kommt.  

jetzt.de: Wie fängt man mit dem Tagebuchschreiben an?

Heimes:
Am besten assoziativ,  indem man völlig unbefangen losschreibt. Und wichtig: Die ersten Einträge nicht lesen, weil man sich sofort schämt und denkt: „Wie peinlich, was hab ich da nur geschrieben?“ Da ist die Gefahr groß, dass man dann gleich wieder aufhört. Wenn man dabei bleiben will, sollte man sich nicht selbst bewerten.  

jetzt.de: Wie beginnt man den ersten Eintrag?

Heimes: In meinen Seminaren lasse ich die Teilnehmer die Augen schließen und eine Fantasiereise machen. Dann nehmen sie einen Stift und schreiben zwei Minuten einfach irgendetwas. Das kann auch „Blau Blubb Blau“ sein, das ist ganz egal. Oder ich sage, dass die Teilnehmer jetzt mal so schlecht wie möglich schreiben sollen. Das ist gar nicht so leicht, aber dadurch kommen alle ins Schreiben.  

jetzt.de: Ist „Liebes Tagebuch“ als Anrede noch okay?

Heimes:
„Liebes Tagebuch“ und in der Ich-Form schreiben immer noch die meisten, aber auch andere Perspektiven sind beliebt.

jetzt.de: Welche Perspektive bevorzugen Sie, Ich-Form oder aus der dritten Person zu schreiben?
Heimes:
Am besten ist es, die Perspektive immer wieder zu wechseln. Wenn man sich über etwas aufregt und in Ich-Form schreibt, hat man weniger Distanz dazu, als wenn man aus der dritten Person über sich schreibt.  Genauso ist es mit dem Tempus, im Präsens geschrieben bin ich dem Thema noch sehr nah, in der Vergangenheit nicht so sehr. Es kommt darauf an, was ich bewirken will. Ich habe allerdings festgestellt, dass Ich-zentrierte Menschen ein höheres Risiko haben, depressiv zu werden, als Menschen, die in der Perspektive flexibel sind.

jetzt.de: Welche Details soll man im Tagebuch lieber nicht preisgeben?
Heimes:
Da fällt mir nichts ein, das Tagebuch sollte ja absolut geheim sein, warum also etwas verschweigen? 

jetzt.de: Dann muss das Versteck aber gut sein. Wo bewahrt man das Tagebuch am besten auf?
Heimes:
Das beste Versteck ist nach wie vor das Gefrierfach.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
kathrin-hollmer
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
7 Kommentare

speichern
noplacespecial
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.01.2012 - 20:31 Uhr
noplacespecial

schon scheiße, wenn man den schlüssel zum gefrierfach verloren hat. ich musste mir eine neue kühlkombination kaufen.

NicePerson
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

03.01.2012 - 21:32 Uhr
NicePerson

habe direkt meine alten tagebücher rausgeholt.. gelacht und auch ein bisschen geweint und mich gewundert sie schnell die zeit vergangen ist, danke für die erinnerung!

Ioana
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

03.01.2012 - 21:56 Uhr
Ioana

am besten das allen zugaengliche wg-gefrierfach. und vor dem schreiben zum auftauen geoeffnet auf die wohnzimmerheizung legen.

solefald
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

03.01.2012 - 23:04 Uhr
solefald

wieso sollte man sein Tagebuch so extrem verstecken? Unter die Matratze oder ins Bücherregal reicht doch.

octopussy
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.01.2012 - 11:17 Uhr
octopussy

Ein Tagebuch ist etwas wie ein Heiligtum, ja. In Teeniezeiten ist es strengstens geheim, später dann ist es mehr so zum Gedanken loswerden. Ich habe zu Teeniezeiten viel Tagebuch geschrieben und habe es nie besonders versteckt. Im Gefrierfach im Gefrierschrank meiner Eltern im Keller? Sehr umständlich. Meins lag unter dem Kopfkissen. Langt völlig, da Mama uns so erzogen hat, dass wir selbst die Betten machen.

Was mir aufgefallen ist: beim Reisen schreiben viele Tagebuch. Um das Erlebte festzuhalten oder zu verarbeiten.

AllesOderNichts
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

8

04.01.2012 - 12:25 Uhr
AllesOderNichts

am besten bei jetzt.de posten, da findets niemand

drolli
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.01.2012 - 01:37 Uhr
drolli

Gefrierfach ist total intelligent, vor allem in einer WG. Wenn das bei der naechsten party um 3 uhr nachts auf der Suche nach Eiswuerfeln gefunden wird.....


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

kathrin-hollmer offline

kathrin-hollmer

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


München